Plattdeutsche Krimikomödie „Boot un Dood“

Leinwanddebüt im Leichenschauhaus

Der Lahauser Holger Wittschen hat in dem plattdeutschen Krimi „Boot un Dood“ sein Leinwanddebüt als Leiche. Als solche ist er am Sonntag im Syker Hansa-Kino zu sehen. Regisseur und Autor sind in Syke zugegen.
29.10.2020, 17:23
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Leinwanddebüt im Leichenschauhaus
Von Alexandra Penth
Leinwanddebüt im Leichenschauhaus

Spielt im Film "Boot un Dood" eine Leiche und musste daher auch keinen plattdeutschen Text sprechen: Holger Wittschen.

Michael Galian

Ausgerechnet die Pathologie in Osterholz-Scharmbeck war der kühlste Ort an jenem heißen Julitag. Holger Wittschen war trotzdem etwas mulmig zumute, als er so auf der Totenbahre lag, vom Kopf bis zu den Schultern leichenblass geschminkt. Ständig ging während des Drehs das Leichentuch runter, dann wieder hoch. Immer wieder musste die Maskenbildnerin die Farbe auffrischen. Es war der zweite Drehtag für den Lahauser, der eine Statistenrolle in dem Film „Boot un Dood“ ergattert hatte, der ihren Machern zufolge ersten Kriminalkomödie auf Plattdeutsch. Wittschen war einem Aufruf des Bremer Schauspielers und Radiomoderators Dirk Böhling in einer Zeitschrift gefolgt – und bekam die Rolle einer Leiche. „Ich war also ziemlich textsicher“, sagt der 56-Jährige und lacht.

Der Film wird an diesem Sonntag, 1. November, im Syker Hansa-Kino gezeigt. Um 11 Uhr beginnt die Vorstellung, Regisseur Sandro Giampietro und Autor Günther Ihmels werden zugegen sein. Ursprünglich sollte der im Sommer 2019 gedrehte Film am 20. März in Bremen Premiere feiern. Doch wegen der Pandemie kam es dazu erst ein halbes Jahr später im City 46. Zuvor war der Film auf der Berlinale präsentiert worden.

Für Holger Wittschen war der Dreh ein besonderes Erlebnis. Als er am ersten Tag in Worpswede ankam, hieß es von Regisseur und Hauptdarstellern sofort: „Erstmal Frikadellen und Kartoffelsalat essen“. Helge Tramsen, der den etwas hitzigen, schrulligen Kommissar spielt (die einzige Figur, die im Film Hochdeutsch spricht), sei beim Essen erst ganz normal gewesen. Doch kaum hatte er sich umgezogen und den strengen Scheitel gekämmt, war er sofort in der Rolle, erinnert sich Wittschen. Der Kommissar sorgte dann auch beim Dreh der Tatortszene des Weyhers für spontane Komik. Es ist die Stelle, an der die Polizei Wittschens Figur und deren Lebenspartner leblos in einem Zelt an der Hamme findet. Der Weyher lag gerade reglos da, als ein Ehepaar in gut 50 Metern Entfernung über eine Brücke fuhr. Tramsen, ganz in seiner Rolle, brüllte zu ihnen herüber, dass dies ein Tatort sei. „Die Frau sagte daraufhin zu ihrem Mann: 'Das hätte der aber freundlicher sagen können'“, gibt Wittschen amüsiert die Reaktion der unfreiwilligen Drehortgäste wieder.

Regisseur Sandro Giampietro und Drehbuchautor Günther Ihmels wollten mit „Boot un Dood“ einen modernen Kriminalfilm mit komödiantischen Elementen ins Kino bringen, in dem Platt gesprochen wird. Norddeutsche Klischees aber wollten sie tunlichst vermeiden. So kommt die Filmmusik etwa ganz ohne Akkordeon aus. „Gummistiefel gibt es auch nicht“, sagt Giampietro und lacht. Hauptsächlich ist er Musiker, lange spielte er in Helge Schneiders Band. Über sein eigenes Studio lernte er auch den plattdeutschen Autor Ihmels kennen, der bei ihm Hörbücher einsprach. Gemeinsam kamen sie auf die Idee, eine seiner Geschichten zu verfilmen. Und auch Nordmedia, die Mediengesellschaft und Filmförderung für Niedersachsen und Bremen, war vom Konzept überzeugt.

Die Filmmusik hat Sandro Giampietro eigens für den Film komponiert, angelehnt ist sie an die musikalische Untermalung typischer Italo-Western. In geradezu untypischer Besetzung wiederum spielt eine Band im Film das Titellied. Peter Thoms, Schlagzeuger bei Helge Schneider und langjähriger Bandkollege von Giampietro, steht zum Beispiel Seite an Seite mit Rapper Alligatoah.

Im Kasten war der Film nach 30 Drehtagen. Hauptsächlich wurde in Osterholz-Scharmbeck, Worpswede und Hagen im Bremischen, der Heimat des Regisseurs, gedreht. „Die Landschaft hier ist so schön. Wir wollten, dass man das im Film merkt“, sagt Giampietro. Viele Außenaufnahmen, Verfolgungsjagden und Drohnenaufnahmen nehmen die Eindrücke auf. Das im Film gesprochene Platt ist bewusst nah am Hochdeutschen orientiert. „Auch ein Nicht-Plattschnacker kann ihn verstehen“, sagt Giampietro. Einige Zuschauer hätten ihm gesagt, dass sie nach gut zehn Minuten ohnehin vergessen hätten, dass sie da einen Film auf Plattdeutsch sehen.

Neben Dirk Böhling ist auch Heidi Jürgens in dem Film zu sehen, die restlichen Schauspieler haben Regisseur und Drehbuchschreiber in der Region gefunden, darunter auch Laiendarsteller. Einige „erstaunliche Talente“ seien dabei gewesen. Überall, wo der Film bisher lief, seien die Spielzeiten verlängert worden. Auch die Open-Air-Vorführungen zur Corona-Zeit seien sofort ausverkauft gewesen, sagt Giampietro. Der schreibt gemeinsam mit dem Kommissar-Darsteller Tramsen sogar bereits an einer Fortsetzung.


Karten für die Vorstellung am Sonntag, 1. November, können im Syker Hansa-Kino (Herrlichkeit 3) unter der Telefonnummer 0 42 42 / 34 77 reserviert werden.

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