Nach Gewalttat in Kirchweyhe Polizei befürchtet Racheakt

Weyhe. Die Ärzte haben bis zuletzt um das Leben des in Kirchweyhe zusammengeschlagenen 25-Jährigen gekämpft – vergeblich. Die Empörung in der Bevölkerung bekommt damit neue Nahrung.
14.03.2013, 18:50
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Polizei befürchtet Racheakt
Von Sebastian Kelm

Weyhe. Die Ärzte haben bis zuletzt um das Leben des in Kirchweyhe zusammengeschlagenen 25-Jährigen gekämpft – vergeblich, wie jetzt bekannt wurde. Die Empörung in der Bevölkerung bekommt damit neue Nahrung. Die Gemeinde Weyhe und die Polizei stellen sich vor diesem Hintergrund auch auf gesteigerte Gewaltbereitschaft ein. Es soll nun alles dafür getan werden, dass eine für Sonnabend ab 11 Uhr angesetzte offizielle Trauerveranstaltung der Gemeinde am Bahnhof friedlich ablaufen kann.

Lange wurde damit gerechnet, jetzt besteht traurige Gewissheit: Der 25-jährige Leester, der am vergangenen Sonntag am Kirchweyher Bahnhof brutal zusammengeschlagen wurde, erlag am frühen Donnerstagmorgen seinen schweren Verletzungen. Das bestätigte Lutz Gaebel von der Staatsanwaltschaft Verden auf Anfrage unserer Zeitung.

Laut Gaebel sei nach aktuellem Ermittlungsstand zur Tat nicht mehr die Rede von einer „Schlägerei“. Es habe sich vielmehr um eine „Auseinandersetzung“ gehandelt, bei der das Opfer schlichten wollte und dann tödlich verletzt wurde. Es gebe auch keine Anzeichen dafür, dass der junge Mann zuvor an einer körperlichen Auseinandersetzung beteiligt war.

Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wurde nun der bereits bestehende Haftbefehl um den Vorwurf des Mordes aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen erweitert. Der 20-jährige Beschuldigte soll bei der Tat nur geringfügig alkoholisiert gewesen sein, hieß es. Nach Auffassung des zuständigen Haftrichters bestehe zudem Flucht- und Verdunkelungsgefahr. Weitere Hinweise zum Tathergang verspreche man sich von der demnächst beginnenden Obduktion des Leichnams.

Die Staatsanwaltschaft stellte indes klar, dass die Nationalität der Beteiligten oder ein rechtsradikaler Hintergrund bei der Auseinandersetzung keine Rolle gespielt haben sollen. „Dafür gibt es keine Anhaltspunkte“, sagte Gaebel.

In der Gemeinde Weyhe kochen derweil die Emotionen hoch. Die Betroffenheit weicht mehr und mehr der Wut. In Foren und sozialen Netzwerken im Internet wird über den Ablauf und den Hintergrund der Tat spekuliert, in diversen Kommentaren wird sogar unmissverständlich Lynchjustiz gefordert. Es wird auch zu einer Mahnwache mit Schweigeminute am morgigen Sonnabend ab 15 Uhr am Tatort aufgerufen. Weyhes Bürgermeister Frank Lemmermann ist besorgt, dass dies nicht friedlich ablaufen würde. Er befürchtet auch, die Aktion könnte zur Stimmungsmache missbraucht werden und womöglich die Aggressionen weiter schüren. „Eine solche Versammlung ist natürlich auch anzeigepflichtig“, erklärte er. Entsprechende Anträge wären schon bei der Gemeinde eingegangen. Einige davon seien anonym gestellt worden, und könnten daher nicht bearbeitet werden. Die übrigen würden, so Lemmermann, von Antragstellern stammen, die mittlerweile der rechten Szene zugeordnet werden konnten.

Ausdrücklich unterstützt wird vom Bürgermeister hingegen eine ganz offizielle Initiative: Die im Weyher Rat vertretenen Parteien haben für morgen ab 11 Uhr eine Trauerveranstaltung am Bahnhof Kirchweyhe angekündigt, um Solidarität zu demonstrieren und ein klares Zeichen gegen Gewalt zu setzen. Zwecks Vorbereitung kamen am gestrigen Donnerstagabend der Weyher Präventionsrat, der Runde Tisch gegen Rechts und der Integrationsrat im Rathaus zusammen.

Was am Wochenende sonst geplant sei, müsse man abwarten, sagte der Bürgermeister. Die Gemeinde stimme sich da eng mit der Polizei ab. Die will laut Andrik Hackmann, Sprecher der Polizeiinspektion Diepholz, nichts ausschließen. „Wir bereiten uns auf alle Eventualitäten vor“, sagte er – nicht nur mit Blick auf die Mahnwache, sondern auch auf mögliche Racheakte am Abend. Man werde alles tun, um die Ordnung sicherzustellen. „Die Polizeipräsenz in Weyhe wird groß sein“, kündigte er an.

Um die Entwicklungen im Auge zu behalten, würden von den Beamten vor allem auch die Diskussionen im Internet genau verfolgt. „Wenn wir dort Aufrufe zu weiteren Straftaten bemerken, wird durchgegriffen – mit allen rechtlichen Konsequenzen“, so Hackmann.

Doch nicht nur die öffentliche Sicherheit am Sonnabend gilt es zu gewährleisten. Generell wird überlegt, wie vermieden werden kann, dass sich am Bahnhof wieder solche Gewalttaten ereignen. Die Geschehnisse vom 10. März aufzuarbeiten, sei zwar vornehmlich die Aufgabe von Polizei und Staatsanwaltschaft, sagte Lemmermann. Aber die Gemeinde wolle sich ihrer Verantwortung nicht entziehen. Mit der Arbeit der Präventionsrates und der Einsätze der Streetwatcher, insbesondere an den Wochenenden, sei in der Vergangenheit bereits einiges in diese Richtung unternommen worden.

Darüber hinaus wurden nun erneut Stimmen laut, über eine Videoüberwachung am Bahnhof nachzudenken. „Die Tat hätte dadurch vermutlich nicht verhindert werden können“, meinte Lemmermann. „Aber über diese Möglichkeit wird sicherlich noch zu sprechen sein.“

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+