Lilienthal Privatmuseum zeigt 100 Jahre Bauernleben

Lilienthal. Anita Hagenow hat ihr ganz persönliches Museum für Besucher geöffnet: Das Leben auf dem Lande aus den vergangenen 100 Jahren steht im Mittelpunkt. Auf dem Küchentisch stehen Tassen, Teller und Kaffeekanne wie zum Frühstück bereit.
10.08.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Privatmuseum zeigt 100 Jahre Bauernleben
Von Undine Zeidler

Lilienthal. An der Wohnzimmerwand hängt die Soldatenurkunde vom Vater neben dem Bild von Jesus an der Abendmahltafel und der Aufnahme mit einem kaiserlichen Soldaten. Auf dem Küchentisch stehen Tassen, Teller und Kaffeekanne wie zum Frühstück bereit. Daneben lehnt das Waschbrett im Waschzuber. Von da sind es drei Schritte bis zum Torfschlitten - durch die Scheune, die schon lange einen anderen Namen trägt.

"Privatmuseum" steht an der Tür - so sieht es drinnen auch aus, sauber geputzt, alles ist nach Räumen geordnet und jedes Ausstellungsstück mit einer Kurzbeschreibung versehen. Anita Hagenow hat alles gesammelt und öffnet manchmal das Tor zu den Erinnerungen unterm Strohdach.

1996 begann Anita Hagenow damit, sich ihr Museum zu denken. Damals war ihr Mann gestorben. "Die Nerven lagen platt", sagt sie. Ein Bekannter begann, all das Holz kleinzusägen, das ihr Ehemann in der Scheune aufgeschichtet hatte - für den Küchenofen. Beim Zuschauen wuchs in Hagenow die Museums-Idee, denn neben dem Holz stand schon allerlei altes Gerät aus dem Bauernalltag in der Scheune.

Viele Arbeitsstunden und vier Jahre später war das Museum fertig. Es zeigt laut Hagenow seitdem, "wie man früher gelebt und gearbeitet hat." Dafür schleppte sie Hausrat und Möbel aus dem Bauernhaus in die Scheune und sortierte neu, was dort schon stand: den Handpflug, die Kartoffelsortiermaschine, den Strohschneider, die Zinkzuber und die Zinkbadewannen.

Holzbalken von anno 1667

An der weißen Ziegelwand hängen jetzt die Wohnzimmerbilder der Eltern. Darüber lagert auf zwei Trägern ein Holzbalken. "Anno 1667" steht darauf. Es ist der Türbalken des ersten Bauernhauses, das auf der 1661 gegründeten Hofstelle in Moorhausen 11 stand, gebaut von Anita Hagenows Vorfahren. Die hießen Behrens - bis zum Jahre 1856, als der kinderlose Hermann Behrens den Hof an den zweiten Sohn seiner Schwester übergab. Seitdem wurde das Land von der Familie Kück bearbeitet, erst von Hagenows Großvater Martin, dann von ihrem Vater Georg, dem letzten Bürgermeister Moorhausens. 1959 übernahm sie, eine geborene Kück, als dessen jüngste Tochter den Hof und heiratete ein Jahr später Wiegand Hagenow, einen Landwirtschaftsmeister aus Brandenburg. Gemeinsam bewirtschaftete das Paar die Hofstelle bis 1972, dann gaben beide die Landwirtschaft auf.

Wenn Anita Hagenow heute durch das Museum läuft, gleicht das einem Gang durch die Familienchronik. Auf dem "Gemeindeschrank" stehen Fotografien ihrer Eltern, von der Hochzeit und von der Silberhochzeit. Dazwischen ruht, hinter Glas, der Brautstrauß der Mutter. In einem Regal liegt die Mineraliensammlung ihres Mannes, an der anderen Seite der Scheune klappt Hagenow ein Buch mit der Aufschrift "Meta Stelljes 1911" auf. Sie schmunzelt, während sie darin blättert. "Ach, da stehen so viele Rezepte drin." Wie in Notzeiten gekocht wurde, verrät das "Kriegskochbuch" ihrer Tante. Ein Geschenk, denn Anita Hagenow war in der Familie für ihren Sinn fürs Alte und fürs Aufbewahren bekannt.

Damit stand sie nicht alleine. Oft saß sie mit ihrem Schwager, dem Heimatforscher Wilhelm Dehlwes, zusammen und versuchte, mehr über die Familiengeschichte zu erfahren. Für Dehlwes hat sie einen eigenen Gedenktisch eingerichtet, mit einer Fotografie von ihm, seinen Büchern und einem Strauß weißer Hortensien davor. Von dort führt Anita Hagenow in die Küche, erzählt dabei fröhlich vom Schweineschlachten und vom Manteltopf aus dem Jahre 1936. In dem kochte ihre Mutter mal Wurst und mal Wäsche. Vor dem Kohlenherd von 1930 seufzt Anita Hagenow. Sie deutet auf eine schwere Pfanne und erinnert sich: "Wir kriegten jeden Morgen ein Stück Pfannkuchen". Neben dem Herd steht der Küchenschrank wie ein dunkler Riese: braunes Holz mit Glasscheiben-Türen. Anita Hagenows Tochter Christiane Grotheer lächelt ob des Wiedererkennens. Als sie Kind war, stand er noch bei der Mutter in der Küche. Sie schließt eine Tür auf, sagt dabei: "Das weiß ich noch, wie ich hier das Geschirr herausgeholt habe" und freut sich noch mehr, als sie sieht, dass die Saftgläser am alten Platz stehen.

Nicht nur vom Leben im Bauernhaus erzählt das Privatmuseum. Eine Torfmühle und der Torfschlitten erinnern daran, "dass Torf im Moorland zu jedem Hof dazu gehörte". Zusammen mit dem Vater Georg Kück ging auch Anita Hagenow "Torf machen". Auf den Stock gestützt läuft Hagenow zurück zum Wohnzimmertisch in der Scheunenmitte. Sie lässt sich auf einen Stuhl sinken. Das Gehen fällt ihr schwer seit den Schlaganfällen. Sechs Jahre liegen die zurück. Seitdem hilft ihr die Tochter im Museum. Alle zwei Wochen hält Christiane Grotheer hier einen Fünf-Stunden-Hausputz. Grotheer holt alte Bücher auf den Tisch: das Haushaltsbuch, begonnen im Jahre 1957 von Hagenows Mutter, das Postkartenalbum mit den vielen Urlaubsgrüßen und einem "Gruß von der Musterung" aus Kaisers Zeiten sowie eine Chronik von Moorhausen. Daran hatte Hagenows Vater mitgeschrieben. Heute blättert sie darin, "wenn mir abends danach ist", genau wie im Gästebuch des Museums.

Bisher hat Hagenow die Museums-Scheune nur für die Familie, Freunde, Nachbarn und Bekannte geöffnet. Alle haben sich eingetragen, in ein neues Buch des Erinnerns für Anita Hagenow.

Nähere Informationen zum Privatmuseum von Anita Hagenow gibt es bei Christiane Grotheer unter Telefon 04298/467272.

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