Verdener Gebrauchtmöbellager Projekt führt Langzeitarbeitslose wieder an den Beruf heran

Verden. Sofas gibt es für zehn, Arztstühle für sieben und Tische für fünf Euro, Bücher und Messerbänke sind für 20 Cent zu haben. Das Verdener Gebrauchtmöbellager gleicht einem Basar, am belebtesten ist er zur Weihnachtszeit. Doch die Einnahmen spielen nur eine untergeordnete Rolle. Wichtiger ist, dass die hier arbeitenden Hartz-IV-Empfänger das Gefühl haben, gebraucht zu werden. Auch, wenn sie nur einen Euro pro Stunde verdienen.
04.01.2010, 05:20
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Chalres Fays

Verden. Sofas gibt es für zehn, Arztstühle für sieben und Tische für fünf Euro, Bücher und Messerbänke sind für 20 Cent zu haben. Das Verdener Gebrauchtmöbellager gleicht einem Basar, am belebtesten ist er zur Weihnachtszeit. Doch die Einnahmen spielen nur eine untergeordnete Rolle. Wichtiger ist, dass die hier arbeitenden Hartz-IV-Empfänger das Gefühl haben, gebraucht zu werden. Auch, wenn sie nur einen Euro pro Stunde verdienen.

Tim Klinker ist einer von 55 Mitarbeitern, die das landkreiseigene Arbeitsamt 'Arbeit im Landkreis Verden' (ALV) in der Halle an der Straße Im Burgfeld beschäftigt. Der 37-Jährige darf sitzen, wenn er das Geld der Kunden entgegennimmt, seine vier Kollegen müssen stehen. 'Das macht sonst keinen guten Eindruck', ist ihnen von den 'Anleitern' eingeschärft worden. Nur bei Klinker machen sie eine Ausnahme, denn er ist behindert. Von Geburt an fehlt ihm der linke Schienbeinknochen, er trägt deshalb eine Prothese. Wegen des körperlichen Handicaps hatte er als Elektroinstallateur in einem Verdener Elektrogeschäft gekündigt.

Klinker suchte sich eine sitzende Tätigkeit und kassierte eine Zeitlang in einer Tankstelle. Diesen Job gab er für seine große Leidenschaft, die Leichtathletik, auf. Er war so gut, dass er einige Jahre von der Sporthilfe leben konnte. Noch immer ist sein Athletenprofil von den Paralympics in Sydney 2000 im Internet zu finden. Unter der Rubrik 'Größte Erfolge' steht: 'Bronze EM 97, Gold Paralympics Atlanta 96'. Auch in Sydney wollte er eine Medaille gewinnen, doch daraus wurde nichts. Seine Prothese verursachte eine Entzündung. Unter Schmerzen sprang Klinker nur auf Rang sechs. Darüber war er so enttäuscht, dass er seine Weitsprung-Karriere beendete. Den Sprung vom Leistungssport zurück in den Job schaffte er lange nicht. Klinker: 'Es hat mich krank gemacht, dass ich keine Arbeit bekommen habe.' Auch eine zweijährige Umschulung zum Industriekaufmann, die er Ende 2007 abschloss, brachte keinen Erfolg.

Seitdem sich der Langzeitarbeitslose im März 2009 für den 1-Euro-Job im Möbellager entschieden hat, geht es ihm besser. 'Schon allein finanziell lohnt sich das', sagt Klinker und rechnet vor: 'Ich verdiene acht Euro am Tag und bekomme am Monatsende zusätzlich 30 Euro Prämie, wenn ich nicht krank geworden bin. So komme ich auf 180 Euro zusätzlich pro Monat. Das ist doch ne ganze Menge.' Mit dem Geld vom Staat habe er so einen monatlichen Verdienst von 685 Euro. Bei einer 30-Stunden-Woche entspreche das einem Brutto-Stundenlohn von 8,50 Euro. Damit sei er zufrieden, denn 'das muss man in der freien Wirtschaft überhaupt erstmal verdienen'.

Die Arbeit im Gebrauchtmöbellager soll eine Überbrückung zur Reintegration in den Arbeitsmarkt sein, bei Klinker wurde sie bereits um zwei Monate verlängert. Doch zum Jahresende war endgültig Schluss. Klinker verspricht sich jetzt mit professioneller Hilfe seiner Fallmanagerin mehr Erfolg bei der Suche nach seinem kaufmännischen Traumberuf. Zumindest der erste Schritt dorthin ist getan worden: Die feste Tagesstruktur mit Arbeitszeiten von zehn bis sechs Uhr hat ihm Halt gegeben. 'Der nächste Schritt folgt im Januar', sagt er im Brustton der Überzeugung.

Wie Klinker geht es den meisten, wenn sie das Gebrauchtmöbellager wieder verlassen müssen. Nur etwa jeder Fünfte findet unmittelbar nach der Qualifizierungsmaßnahme einen Job. Der Erfolg könne allerdings nicht nur daran gemessen werden, wie viele Teilnehmer anschließend auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassten, sagt Hans-Georg Thunert. Der ALV-Abteilungsleiter Erwachsenenqualifizierung: 'Es ist schon ein Erfolg, wenn die Langzeitarbeitslosen ein neues Selbstbewusstsein gewinnen'.

Den Reiz des Gebrauchtmöbellagers macht für Kunden wie für Mitarbeiter die Vielfalt des Angebots aus. Katja Trautmann aus der Warenannahme und Wiederaufbereitung ist jedes Mal gespannt wie ein Kind bei der weihnachtlichen Bescherung, wenn sie die gebrauchte Ware in Empfang nimmt. Die 46-Jährige: 'Es ist ein knochenharter Job, aber ich mag ihn, weil er so abwechslungsreich ist. Jedes Paket ist wie ?ne Wundertüte: Man weiß nie, was drin ist.' Die Anleiterin für den Verkauf, Elisabeth Gaffrey, erzählt, dass bis November um die hundert Umzugskartons allein mit Weihnachtsdeko eingegangen sind. 'Da ist alles dabei, was man sich denken kann: Plastiktannenbäume, Weihnachtspyramiden, Maria und Josef, Engelchen und Lichterketten.'

Kundin Christel Kohle aus Langwedel fühlt sich durch das Möbellager an die Nachkriegszeit erinnert. Damals seien die Leute arm und auf Tauschgeschäfte angewiesen gewesen. 'Genauso ist es heute im Möbellager. Immer, wenn ich herkomme, bringe ich was mit und packe dafür etwas anderes Nützliches wieder ein.' Das hält die 58-Jährige so, seitdem das Verdener Gebrauchtmöbellager im Herbst 2006 für Jedermann geöffnet wurde.

Auch Kindergärtnerin Janna Grotum sieht das Möbellager als Tauschbörse. Als sie das letzte Mal kam, um Möbel aus einer Wohnungsauflösung abzugeben, entdeckte sie im Lager 'einen wunderschönen alten Küchentisch mit geschwungenen Beinen und aus richtig massivem Holz. Selbst die Holzwürmer haben da nicht gestört.' Dieses Mal entdeckt die Bendingbostelerin einen höhenverstellbaren Arztstuhl für sieben Euro, ihr Mann ist gleich Feuer und Flamme: 'Wo sonst kriegt man so einen Schatz zu so einem Preis?' Er will den Stuhl in seinen Computerladen stellen.

Auch Alf-Toni Liebling und Tochter Vanessa sind echte Möbellager-Fans. Erst kürzlich haben sie hier für 49 Euro eine Garderobe aus Buchenholz inclusive Spiegelschrank erworben. 'Dieselbe hat bei Roller über 200 Euro gekostet', erzählt der Verdener, ganz stolz auf sein Schnäppchen. Auch seine Weihnachtsgeschenke hat er hier erstanden. Er schaut sich um, breitet die Arme aus und sagt: 'Bei der Riesenauswahl ist doch für jeden etwas dabei: Für meine Frau ein Bild, für meine Tochter Spielzeug und für mich eine Couch.'

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