Erdgasförderung in der Region Protest von zu Hause aus

Das für 2036 angekündigte Ende der Erdgasförderung in Völkersen kommt für die Bürgerinitiative No Moor Gas zu spät. Die Lilienthalerin Meike Artmann fordert zudem ein Aus für die Suche nach neuen Vorkommen.
20.04.2020, 08:07
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Protest von zu Hause aus
Von Silke Looden

Für Meike Artmann aus Lilienthal ist die Ankündigung der Gesellschaft Wintershall/Dea, die Erdgasförderung in Völkersen bis 2036 zu beenden, ein schlechter Witz. „Dann ist der letzte Tropfen sowieso aus dem Loch geholt“, sagt die Sprecherin der Bürgerinitiative (BI) No Moor Gas und Ratsfrau der Grünen. Sie fordert weiterhin ein Ende der Erdgasförderung in der Region und vor allem ein Aus für die Erkundung neuer Vorkommen im Erlaubnisfeld Unterweser, in dem auch Lilienthal und Grasberg liegen.

Auch wenn die Initiative aufgrund der aktuellen Situation keine Versammlungen abhalten kann, geht der Protest im Hintergrund weiter. „Wir sind gut vernetzt“, sagt Artmann. Aktionen im Internet zeigen, dass die BI präsent ist. So ruft sie auf ihrer Homepage dazu auf, Fotos zu posten, auf denen das rote X als Symbol des Widerstandes vor der eigenen Haustür zu sehen ist. Offenbar sind viele dem Aufruf zur digitalen Demo gefolgt.

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„Völkersen ist von Lilienthal aus gesehen weit weg, aber uns betrifft das Thema genauso“, betont Artmann und fragt: „Was, wenn Wintershall/Dea die Erkundungen im Erlaubnisfeld Unterweser wieder aufnimmt?“ Schon einmal waren sogenannte Vibro-Trucks durch die Region gefahren, um seismische Messungen im Untergrund vorzunehmen.

„Das Projekt liegt auf Eis“, erklärt der Sprecher von Wintershall/Dea, Heinz Oberlach, „aber die Erlaubnis besteht weiterhin“. Wegen des massiven Protestes gegen die Trucks lasse das Unternehmen die Erkundung vorerst ruhen. „Im Augenblick denkt niemand daran, das Projekt neu aufleben zu lassen“, betont Oberlach. Die Erlaubnis gilt laut Landesbergamt noch bis Mitte nächsten Jahres, danach könnte das Unternehmen aber eine Verlängerung beantragen. Denkbar wäre auch, dass sich ein anderes Unternehmen dann dafür interessiert. So hat sich das kanadische Unternehmen Vermilion Energy bereits die Aufsuchungserlaubnis für die Erdgassuche im Raum Ottersberg gesichert.

Erdbeben werden offenbar in Kauf genommen

„Es ist noch nicht vorbei“, sagt Meike Artmann. Sie schloss sich vor zwei Jahren dem Protest an. Seither ist die 36-Jährige eine erklärte Gegnerin der Erdgasindustrie. Sie kann nicht verstehen, dass Erdbeben infolge der Förderung offenbar in Kauf genommen werden. Sie hofft, dass es nicht soweit kommt wie in der niederländischen Provinz Groningen, wo im Mai 2019 massive Schäden bei einem Beben der Stärke 3,4 entstanden waren.

„Niemand hat gesagt, dass wir bis 2036 sowieso Schluss machen“, sagt der Sprecher von Wintershall/Dea. Vielmehr sei es für das Unternehmen eine Frage der Wirtschaftlichkeit, wie lange sich die Förderung im Erdgasfeld Völkersen noch rechne. Seit Jahren schon geht die Fördermenge dort zurück. Waren es zu Spitzenzeiten 1,3 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr 2008, so ist es aktuell noch etwa die Hälfte. Oberlach spricht von einem „ganz natürlichen Förderrückgang“.

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Das Erdgasfeld Völkersen ist nach Angaben des Unternehmens das größte in Deutschland. 70 Prozent der Fördermenge werde in privaten Haushalten in Niedersachsen verbraucht. Die Versorgung mit Energie aus der Region sei ein wichtiger Bestandteil im Energie-Mix, betont Oberlach und sagt: „Niemand will Windräder vor der Haustür haben.“ Die Gefahr von stärkeren Beben wie etwa in Groningen sieht der Unternehmenssprecher nicht. „Die Experten gehen davon aus, dass sich künftige Erdstöße im bisherigen Rahmen bewegen.“ Zudem sei die Förderung in der Region um Groningen nicht mit der in Völkersen vergleichbar: „Dort geht es um ganz andere Mengen und Tiefen.“

Wintershall/Dea verspricht betroffenen Hauseigentümern eine schnelle und unkomplizierte Entschädigung. „Mehr können wir nicht machen“, so Oberlach. Damit es gar nicht erst zu Erdbeben in Lilienthal und Grasberg kommt, will Meike Artmann die Erkundungen am liebsten im Keim ersticken. Sie verweist auf eine Bundesratsinitiative zur Änderung des Bergrechts, die unter anderem eine Umkehr der Beweislast bei Bergschäden vorsieht und Bürgern mehr Mitbestimmungsrechte einräumt. „Aber das dauert alles viel zu lange“, so Artmann.

Bohrungen im Wasserschutzgebiet

Die Bürgerinitiative sieht sich vom Landkreis Osterholz allein gelassen. „Ich würde mir ein klares Statement vom Landrat wünschen“, sagt Meike Artmann mit Blick auf den Landrat des Heidekreises, Manfred Ostermann, der sich deutlich gegen neue Bohrungen ausgesprochen hatte, insbesondere in Wasserschutzgebieten. So hatte Wintershall/Dea im Wasserschutzgebiet Panzenberg (Kreis Verden) bohren wollen. Inzwischen wurde der Antrag jedoch zurückgezogen, bestätigt Heinz Oberlach.

Wie berichtet, hatte der CDU-Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Osterholz-Verden, Andreas Mattfeldt aus Langwedel, in einem Interview mit der WÜMME-ZEITUNG gefordert, die Erdgasförderung in Völkersen weitaus früher als 2036 zu beenden. Er hält die Förderung in dem dicht besiedelten Gebiet für unverantwortlich. Wörtlich sagte er in Richtung des Unternehmens: „Danke für gar nichts.“ Denn bis 2036 sei das Feld ohnehin ausgefördert.

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