Prozess gegen Klinikverantwortliche Verteidigung meldet Zweifel an Högels Glaubwürdigkeit an

In Unterlagen zu einer TV-Dokumentation sehen die Verteidiger ehemaliger Klinikverantwortlicher im Fall Högel eine Art Glaubwürdigkeitscheck – und wollen deshalb die Befragung des Zeugen Högel unterbrechen.
02.03.2022, 18:35
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Verteidigung meldet Zweifel an Högels Glaubwürdigkeit an
Von Katia Backhaus

Zwischenzeitlich sah es so aus, als würde der dritte Verhandlungstag im Prozess gegen sieben ehemalige Verantwortliche der Kliniken Oldenburg und Delmenhorst am Mittwoch ein ziemlich kurzer werden. Denn gegen den Plan von Richter Sebastian Bührmann, den Zeugen Niels Högel zu den acht für das Verfahren relevanten Sterbefällen zu befragen, legten gleich mehrere Vertreter der Verteidigung ein Veto ein. Schlussendlich jedoch setzte sich Bührmann durch.

Hintergrund der Bedenken aus den Reihen der Verteidigung war, dass am Dienstag in Högels Haftraum sichergestellte Unterlagen ihnen noch nicht zugänglich gemacht worden waren. Sie sollen unter anderem die Details der Zusammenarbeit Högels mit einer Filmproduktionsfirma offenlegen und die Frage klären, ob und wer Geld für Interviews, die später Teil einer RTL-Fernsehdokumentation wurden, erhalten hat. Er hatte dies vor Gericht bestritten.

Ohne diese Dokumente zu kennen, wolle er nicht in die weitere Befragung des Zeugen zu den acht Todesfällen gehen, erklärte Rechtsanwalt Gerhard Strate, der einen der Oldenburger Beschuldigten vertritt. „Die Glaubwürdigkeit des Zeugen, der hier behauptet hat, er habe keinerlei Zahlungen bekommen, bedarf einer genauen Überprüfung. Für mich ist das sehr wichtig zur Beurteilung der Aussage.“ Andere schlossen sich dem Antrag auf Unterbrechung an, Richter Bührmann lehnte den Vorstoß jedoch ab. Er sehe darin keinen Grund, nicht wie geplant Högel nach seinen Erinnerungen an die Vorfälle in den Jahren 2001 und 2005 zu fragen.

Ich sehe schon, dass nach der Mittagspause verzweifelte Versuche starten, aus dem Zeugen etwas herauszuholen.
Verteidiger Gerhard Strate

Allerdings fruchtete dieses Bemühen zunächst wenig: Zu den ersten drei Todesfällen im Klinikum Oldenburg gab der ehemalige Pfleger keinerlei Auskunft. Er sei darauf nicht vorbereitet gewesen und von den Fragen überrascht, erklärte Högel. Das wiederum veranlasste Verteidiger Strate, erneut in die Befragung einzuhaken. Er sehe ein „verzweifeltes Bemühen“, auf diese Art und Weise etwas aus dem Zeugen „herauszuholen“, der offenbar nichts mitzuteilen habe. Einen erneuten Antrag auf Unterbrechung wies die Kammer zurück.

Im Fortlauf wurde es doch noch konkret: An sein vorletztes Opfer, Dieter M. und die Umstände rund um seinen Tod erinnerte Högel sich gut – obwohl er zugleich angab, zu jener Zeit unter einer verzerrten Wahrnehmung gelitten und sich täglich nach Dienstschluss exzessiv betrunken zu haben. Er erinnerte sich an zwei Szenen mit dem Patienten, die sich mehrere Tage vor der tödlichen Injektion zugetragen hatten, war in der Lage, den Tatzeitraum auf eine Stunde einzugrenzen und das Geschehen zu beschreiben. Diese gute Erinnerung, so Högel, beruhe darauf, dass es zu diesem Fall einen Prozess gegeben habe, es sich um seine vorletzte Tat handele und M. als medizinischer Fall "imposant" gewesen sei.

Die Frage, wie gut sich der verurteilte Patientenmörder an sein letztes Opfer erinnert, wird für alle drei Angeklagten aus dem Klinikum Delmenhorst von Interesse sein: Sie sollen es zu diesem Zeitpunkt für möglich gehalten haben, dass Högel Menschen tötete und nicht eingeschritten sein. Der Prozess wird am Dienstag, 8. März, fortgesetzt.

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