Psychische Auswirkungen von Corona

Impfungen als Hoffnungsschimmer

Für zwei Gruppen ist die Pandemie nach Ansicht von Kreisverdener Experten am schwierigsten zu bewältigen - für junge Mütter und ältere Menschen. Zu den langfristigen Auswirken können sie noch nichts sagen.
15.04.2021, 16:01
Lesedauer: 3 Min
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Von Andrea Kreutzer
Impfungen als Hoffnungsschimmer

Hofft, dass ihre Patienten bald wieder in ein normales Leben zurückfinden: Petra Sinke.

Björn Hake

Veränderte Arbeitsbedingungen oder sogar Kurzarbeit, der Einkauf findet mit Maske statt, Freunde werden entweder nur in der virtuellen Welt oder aber auf Abstand getroffen: Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind in allen Lebensbereichen zu spüren und belasten nicht nur Heranwachsende, über die im Kontext mit Corona häufig gesprochen wird, sondern auch Erwachsene. In welchem Ausmaß, darüber berichten Allgemeinmediziner und Psychologen im Landkreis Verden.

Unabhängig davon, welcher Art von Belastungssituation sich ein Erwachsener ausgesetzt sieht, der jeweilige Hausarzt ist dafür zunächst immer die richtige Ansprechperson, wie Petra Sinke, Allgemeinmedizinerin in Verden, berichtet. „Und die Pandemie zählt eindeutig zu dieser Kategorie, umso mehr, je länger sie dauert.“ Spätestens seit vergangenem Herbst werde die Situation von ihren Patienten verstärkt als belastend wahrgenommen.

Zwei Personengruppen leiden ihrer Erfahrung nach am stärksten unter den Auswirkungen der Pandemie: „Da ist zum einen die Gruppe der jungen Mütter, die sich durch Home-Office und Home-Schooling einer Doppelbelastung ausgesetzt sehen“, sagt Petra Sinke. Dies führe oftmals zu einem Gefühl der Überforderung und habe nicht selten auch negative Auswirkungen auf die Beziehung zum Partner. Ihren Beobachtungen nach wenden sich diese jungen Frauen erst sehr spät an ihren Arzt, „sie kommen dann allerdings auch gleich mit einer langen Liste, die abzuarbeiten ist“. Zunächst würden die Betroffenen noch für längere Zeit versuchen, mit den Schwierigkeiten allein fertig zu werden.

Die zweite Gruppen seien ältere Menschen, die aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus immer zurückgezogener leben und kaum noch Kontakte zur Außenwelt pflegen. „Meine Hoffnung ist, dass es im zweiten Quartal mit den Impfungen schneller vorangeht und die derzeitige angespannte Situation ein Ende findet“, wünscht sich die Medizinerin aus Verden.

Das Licht am Ende des Tunnels sehen können – wie immens wichtig dieser Aspekt ist, betont auch Heike Bratke, die in Oyten als Heilpraktikerin in ihrer Praxis für Naturheilkunde und Psychotherapie arbeitet. Vielen Menschen falle es schwer, ihre Probleme auch als solche zu benennen: „Den Ausdruck 'es macht mir etwas Sorge' höre ich sehr häufig, doch drückt er nicht annähernd die damit einhergehenden tiefen Gefühle und Sorgen aus, die die Patienten empfinden.“ Es seien eben reale Ängste, die die Menschen derzeit plagten. Sie seien bei allen Altersgruppen zu beobachten - von der Angst vor einer Ansteckung bis zu einem Corona geschuldeten Verlust des Arbeitsplatzes. Daher sei es umso wichtiger, der aktuellen Situation die Endgültigkeit zu nehmen und zu sehen, „dass wir den größten Teil nun hoffentlich schon hinter uns haben“.

Dieser Erkenntnis müsse auch noch etwas anderes folgen. „Wir sollten unsere Aufmerksamkeit auf andere, oftmals kleine Dinge lenken, die wir nicht beachten oder die sonst einfach oft in den Hintergrund treten“, betont Bratke. Das könnte zum Beispiel Zeit mit den eigenen Kinder sein, aber auch eine erfüllende Partnerschaft. Ihr persönlich bereite es Freude, im Frühling die erwachende Natur zu beobachten. „Was auch immer es ist, jeder hat in seinem Leben Dinge, die positiv sind und es vermögen, einem durch diese schwere Zeit zu helfen.“

Dass dies im Alltag nicht immer gelinge, hat Andreas Mahler, Psychiater aus Achim, immer wieder beobachtet. Seine Patienten berichteten ihm unter anderem von einem Gefühl der Verzweiflung, von Ängsten oder auch von Schlaflosigkeit. Auch bei ihm in der Praxis seien es die bereits von Petra Sinke genannten zwei Personengruppen, für die Corona am schwierigsten zu bewältigen sei. Auf der einen Seite die jungen Mütter, auf der anderen Seite die älteren Menschen. Sich auf einmal der Verantwortung gegenüber zu sehen, das Lernen seiner Kinder anzuleiten, falle nicht allen leicht, „ganz im Gegenteil“. Auch die unsichere Betreuungssituation mache vielen Frauen zu schaffen, gerade in den Fällen, wo eine externe Betreuung notwendig sei, um der eigenen Arbeit nachgehen zu können. Der älteren Generation wiederum fehlten die sozialen Kontakte, insbesondere im familiären Bereich: „Meine Patienten berichten davon, dass ihre Kinder, die oftmals selbst schon 50 Jahre oder älter sind, von Besuchen absehen, weil sie Angst haben, eine gesundheitliche Gefahr für ihre Eltern darzustellen.“ Selbst dann, wenn das Risiko einer Ansteckung von den Eltern selbst als überschaubar eingestuft werde.

Welche langfristigen psychischen Auswirkungen die Corona-Pandemie haben werde, können die drei Experten zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen. Alle hoffen nun darauf, dass es mit den Impfungen schnell vorangeht. „Denn eine Impfung bietet nicht nur Schutz vor der Krankheit selbst, sondern verschafft den Menschen auch eine Perspektive, dass sie irgendwann hoffentlich wieder in ein normales Leben zurückkehren können“, ist Petra Sinke überzeugt.

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