Mehr Frauen in Führungspositionen: Umfrage in Gemeindeverwaltungen und Aufsichtsräten Qualifikation statt Quote

Lilienthal. Mehr Frauen auf Führungsposten - um dieses Ziel zu erreichen, wird auf bundespolitischer Ebene derzeit die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote diskutiert. 30 Prozent der leitenden Positionen sollen per Gesetz mit Frauen besetzt werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat solch eine Führungsposition inne - und sich gegen die Frauenquote ausgesprochen. Wie bewerten Verwaltungschefinnen und -chefs, Unternehmerinnen und Vorstände die Frauenquote?
05.02.2011, 05:00
Lesedauer: 8 Min
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Von Michael Wilke

Lilienthal. Mehr Frauen auf Führungsposten - um dieses Ziel zu erreichen, wird auf bundespolitischer Ebene derzeit die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote diskutiert. 30 Prozent der leitenden Positionen sollen per Gesetz mit Frauen besetzt werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat solch eine Führungsposition inne - und sich gegen die Frauenquote ausgesprochen. Wie bewerten Verwaltungschefinnen und -chefs, Unternehmerinnen und Vorstände die Frauenquote?

Die Diskussion um eine Frauenquote wurde noch gar nicht geführt, als die Grasbergerin Marion Schorfmann ihr eigenes Verständnis zu diesem Thema entwickelte und in der Bremer Firma Kaffee Hag eine Ausbildung zur Industriekauffrau begann. Sie war in der Kaffeefirma die einzige Auszubildende ohne Abitur - was sie offenbar zu noch mehr Leistung anspornte. Danach betreute sie Großkunden im Vertrieb des Kaffeerösters, bis sie 1990 ausstieg, um in den elterlichen Betrieb in Tüschendorf einzusteigen. Dabei kamen ihr die Erfahrungen bei Kaffee Hag und hier insbesondere das Wissen um die aufstrebende EDV zugute, wie die Bürgermeisterin betont.

Quotendiskussion hin oder her - Marion Schorfmann dachte weiter praktisch und arbeitete sich im Betrieb ein, spezialisierte sich auf den komplexen und komplizierten Sonderabfallbereich, machte ganz nebenbei den Führerschein der Klasse 2, fuhr Müllwagen und Container, und übernahm 1994 die Geschäftsführung der Entsorgungsfirma Schorfmann. Mit demselben Tempo legte sie ihre politische Karriere hin. Sie schloss sich den Christdemokraten an und wurde als junge Frau mit Zukunft von den Granden der Partei wie Heinrich Blanke, Herbert Schnakenberg und Johann Warnken gefördert. Ihren guten Listenplatz benötigte sie bei der Kommunalwahl 1996 aber nicht. Sie rückte auf Anhieb in den Gemeinderat und den Osterholzer Kreistag ein und bildete mit der Osterholz-Scharmbeckerin Brunhilde Rühl und der Lilienthalerin Monica Röhr eine "Frauenfraktion" in der CDU. Die politische Arbeit war nicht immer harmonisch. Innerhalb der Fraktion wurde mit den männlichen Kollegen kontrovers diskutiert, und man

musste sich auch mit denen anlegen, blickt Marion Schorfmann zurück.

Auf eine Quote konnte die 41-Jährige auch bei der Wahl zum hauptamtlichen Bürgermeister der Gemeinde Grasberg 2006 verzichten. Sie setzte sich in einer internen Partei-Abstimmung gegen Mitbewerber Reinhard Wischhusen durch und ließ bei der Wahl den Unabhängigen Bernd Wittenberg und den Sozialdemokraten Rainer Gimbel weit hinter sich. Dafür habe sie gekämpft, hart gearbeitet und sich die Hacken abgelaufen. Seitdem ist sie Chefin von 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, darunter auch ihr Stellvertreter Reinhard Wischhusen. Sie pflege in der täglichen Arbeit einen kommunikativen und offenen Stil, wie die Mutter zweier Kinder betont.

Trotz dieser Vita setzt sich Marion Schorfmann für eine Frauenquote in Unternehmen ein. Sie hält Frauen für genauso gut ausgebildet wie Männer, und sie sieht auch einen Bedarf in der Wirtschaft. Der Fachkräftemangel sei nicht wegzudiskutieren, und bevor hochqualifizierte Frauen ins Ausland abwandern, sollten sie Führungspositionen übernehmen. Viel Vertrauen in die Wirtschaft scheint die Bürgermeisterin dabei nicht zu haben. Die Quote in Politik und Wirtschaft müsse gesetzlich festgeschrieben werden; auch, um keine Energie für eine Entwicklung zu verpulvern, die ohnehin komme. Gleichwohl sieht Schorfmann auch die Kehrseite. Quotenfrauen hätten es vermutlich nicht leicht und müssten sich Akzeptanz immer wieder erarbeiten. Auch Krippen und Kindergartenplätze allein würden für eine Absicherung der Karriere nicht ausreichen. Dazu gehöre auch persönliches Engagement in der Kindererziehung in den Familien.

"In einer solch kleinen Verwaltung wie unserer wäre es schwierig, eine Quote zu erfüllen", sagt Worpswedes Bürgermeister Stefan Schwenke. Wenn er zusammenrechnet, kommt er auf 23 Vollzeitstellen im Rathaus. "Da gibt es nicht so viele Möglichkeiten." Bisher sind alle Führungspositionen im Rathaus mit Männern besetzt. Doch das könnte sich ändern. Eine Mitarbeiterin sei auf dem Weg, sich für Führungsaufgaben zu qualifizieren, sagt Schwenke. Wenn eine Kandidatin genauso qualifiziert sei wie ein Kandidat, würde Schwenke für die Frau plädieren. Aber eine 30 Prozent-Quote findet er schwierig. "Die Praxis hat gezeigt, dass nicht immer genügend Bewerberinnen da sind." Maßstab für Führungsposten müsse in erster Linie die Qualifikation bleiben, betont Schwenke. "Das geht nicht nach Quote. Dafür sind wir zu klein".

Anders sieht es in der Nachbargemeinde aus. 16 Frauen arbeiten Vollzeit oder Teilzeit neben fünf Männern im Tarmstedter Rathaus. Angesichts dieser Zahlen, sagt Samtgemeindebürgermeister Frank Holle, "kann ich über die Frauenquote nur lächeln. Ich denke vielmehr im Rathaus über die Einführung einer Männer-Quote nach." Zudem seien Führungspositionen bereits mit Frauen besetzt: das Haupt-und Personalamt, die Kämmerei, die Kasse sowie auf Samtgemeinde-Ebene die Touristik-Information. Im Moment ist die Samtgemeinde dabei, die Bauamtsleitung neu zu besetzen. Frauen sind unter den Bewerbern, teilt Holle mit. Bei der Stellenbesetzung schaue man sich aber grundsätzlich die Ausbildung sowie Berufserfahrung an.

Lilienthals Bürgermeister Willy Hollatz hat so seine Zweifel, "ob es eine Quote wirklich bringt". Die Ebene der Fachbereichsleiter im Rathaus weist drei Männer und mit Christine Beulshausen eine Frau auf - eine 25-Prozent-Quote wäre damit erfüllt, das jetzt diskutierte Ziel aber nicht erreicht. Und so meint Hollatz, dass es immer gut sei, den Anteil der Frauen in Führungspositionen zu steigern. "Eine gute Mischung kann uns nur voran bringen."

Eine gute Mischung strebt auch die Rotenburger Landkreisverwaltung an. "50:50 wäre uns am liebsten", sagt Landrat Hermann Luttmann und verweist auf die Zahlen der Anwärter. Für 2007 verzeichnet die Kreisverwaltung unter sieben Anwärtern eine Frau, zwei Jahre später sind fünf von sechs Anwärtern Frauen. Für den weiblichen Nachwuchs in der Kreisverwaltung ist also gesorgt. Aber eines stellt Luttmann klar: "Frauen können alle Dinge machen, die Männer machen - und umgekehrt genauso." An der Spitze seiner Verwaltung verantwortet Heike von Ostrowski eines der vier Dezernate - das entspricht einer Frauenquote von 20 Prozent. "Frauen werden nicht benachteiligt", ist sich Luttmann sicher. "Wir versuchen, Frauen und Familien zu helfen, Beruf und Familie zu verbinden", sagt er und betont: "Auch Männer können ja ihre Arbeitszeit verkürzen." Das ist im gemeinsamen Bericht der Rotenburger Gleichstellungsbeauftragen und der Verwaltung vom vergangenen Herbst festgehalten - ebenso wie flexible

Arbeitszeiten, Fördern der Elternzeit für Männer sowie eine paritätische Zusammensetzung in den Projekt- und Arbeitsgruppen. Eines ist Luttmann besonders wichtig: "Wir müssen dafür sorgen, dass Frauen möglichst schnell in den Beruf zurückkehren können, wenn sie das wollen."

Allerdings gibt es Unterschiede zwischen der freien Wirtschaft und Verwaltungen. Dorle Beil ist die Vorsitzende des Vereins UnternehmerFrauen im Handwerk (UFH) für den Landkreis Osterholz. Die Ritterhuderin lehnt eine Frauenquote in den Firmen klar ab. Nur Person, Leistung und Qualifikation sollen die ausschlaggebenden Faktoren sein, wenn es um die Besetzung von Führungspositionen geht. Und diese Faktoren würden sowohl für Frauen als auch Männer gelten, sagt Dorle Beil. Der Verein UFH hat rund 50 Mitgliedsfirmen. Frauen in Führungspositionen sind dort die absolute Ausnahme - bis auf die mitarbeitenden Ehefrauen der Firmenchefs.

Für die Besetzung von Posten sei einzig und allein die Qualifikation entscheidend - das Geschlecht spiele keine Rolle, sagt Volksbank-Vorstand Georg Langer. Bei aber nur einer Frau im 14-köpfigen Aufsichtsrat der Bank - der Bremervörderin Barbara Weihe - ist die Erfüllung der angepeilten Quote noch in weiter Ferne. Jedoch verweist Langer darauf, dass die Aufsichtsratsmitglieder von der Vertreterversammlung gewählt würden und dass durchaus schon mehr weibliche Kandidaten vorgeschlagen, aber eben nicht in den Aufsichtsrat entsandt worden seien. Die Bank stehe der Diskussion offen gegenüber, auch wenn er persönlich den Vorschlag für verrückt halte, eine Quote vorzuschreiben. Was im Aufsichtsrat bisher nicht anzutreffen sei, habe man bei der Berufung der diversen Regionalbeiräte der Volksbank allerdings schon geschafft. Die von rund 250 Vertretern gewählten Regionalbeiräte hätten beispielsweise für den Bereich Grasberg/Lilienthal/Falkenberg mit vier Frauen und fünf Männern annähernd ein

1:1-Geschlechterverhältnis.

"Eine gesetzlich vorgeschriebene Quote halte ich für nicht sachgerecht", sagt Sparkassen-Vorstand Werner Hampel. Ulrich Messerschmidt und Hampel bilden den rein männlichen Vorstand. Im 15-köpfigen Verwaltungsrat, in den die Arbeitnehmervertreter fünf, der Kreistag zehn Mitglieder entsendet, sitzen drei Frauen. Wie sein Kollege Langer stehen für Hampel Leistung und Qualifikation an vorderster Stelle. "Wenn eine Frau die Voraussetzungen erfüllt, dann soll sie auch den Job haben", sagt der Sparkassen-Chef. Die Frage von Spitzenjobs für Frauen sei ein gesamtgesellschaftliches Thema, dem man sich stellen müsse, denn noch immer sei es der Regelfall, dass sich die Frau um die Kinderbetreuung kümmere. Da helfe zum Beispiel Flexibilität bei der Arbeitszeit.

Für die Grasberger Gleichstellungsbeauftragte Evelin Meyer ist die Einführung einer Frauenquote ein zweischneidiges Schwert. In Skandinavien, in der Schweiz oder Österreich habe man bereits gute Erfahrungen mit einer Frauenquote gemacht. "Da kann es ja eigentlich nicht ganz verkehrt sein", sagt Meyer. Gleichzeitig könne es dann aber auch wieder heißen, dass es eine Frau es nur wegen der Quote und nicht wegen der Qualifikation auf einen bestimmten Posten geschafft habe. Jetzt sei die Wirtschaft gefordert, die lange genug Zeit gehabt habe. Es müsse etwas her, denn sonst werde die EU das regeln.

Wichtiger als eine feste Quote findet die Gleichstellungsbeauftragte allerdings, dass von seiten der Politik Rahmenbedingungen geschaffen werden, unter denen sich Familie und Beruf besser vereinbaren lassen. Die jetzige Diskussion trage auf jeden Fall dazu bei, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie es derzeit noch aussehe in deutschen Aufsichtsräten. "Und es gibt nach wie vor sicherlich ältere Herren, die die Notwendigkeit, mehr Frauen zu beteiligen, nicht erkennen."

Umdenken seitens der Betriebe ist auch das Stichwort bei der Arbeitsagentur in Sachen Kinderbetreuung. Denn die Erziehung werde nicht mehr nur von Frauen, sondern partnerschaftlich organisiert. "Auch Männer wollen ihre Kinder erziehen", sagt der Stader Agentursprecher Torsten Oliver Deecke. Chancengleichheit sei auch vor dem Hintergrund des drohenden Fachkräftemangels wichtig, sagt er. "Es gibt genügend Frauen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung. Die müssen wir wieder in den Beruf bringen."

Den Begriff Quote würde die Grasberger Verwaltungschefin Marion Schorfmann übrigens am liebsten abschaffen. "Das klingt nach Milchquote und Quotenhandel", findet sie. Besser wäre, den Begriff durch Partie oder ein ähnliches Wort zu ersetzen. Doch was wäre, wenn die Quote auch in den Rathäusern eingeführt wird und sie selbst vor einer Entscheidung stünde? Hätte eine Frau einen Anspruch auf eine Führungsposition, wäre Marion Schorfmann flexibel. Sollten Person und Anforderungsprofil der Stelle nicht übereinstimmen, könnte man ja auch über einen geänderten Zuschnitt des Aufgabenbereichs nachdenken. Was man braucht, um als Frau erfolgreich zu sein? Marion Schorfmann überlegt nicht lange: "Den festen Willen und ein bisschen Glück."

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