Rainer Ludwigs zeigt Worpsweder Haupt- und Realschülern Film über die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl Radioaktivität kann man nicht sehen, riechen oder schmecken

Worpswede. Es sollte eine ganz besondere Schulstunde werden, die vielen Schülern sicher auch nachhaltig im Gedächtnis bleiben wird. Zunächst als willkommene Abwechslung für den herkömmlichen Schulalltag aufgefasst, wurde der Film "Leonids Geschichte", der allen Schülern der Haupt- und Realschule in Worpswede in der Aula präsentiert wurde, zum ergreifenden Zeugnis eines Einzelschicksals.
19.05.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Cornelia Hagenah

Worpswede. Es sollte eine ganz besondere Schulstunde werden, die vielen Schülern sicher auch nachhaltig im Gedächtnis bleiben wird. Zunächst als willkommene Abwechslung für den herkömmlichen Schulalltag aufgefasst, wurde der Film "Leonids Geschichte", der allen Schülern der Haupt- und Realschule in Worpswede in der Aula präsentiert wurde, zum ergreifenden Zeugnis eines Einzelschicksals.

In Form eines Dokumentarfilms wird eindrucksvoll an die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl erinnert, und es werden die verheerenden Folgen beschrieben. Der Filmemacher Rainer Ludwigs aus Ottersberg präsentierte seinen Film und beantwortete im Anschluss zahlreiche Fragen der Schüler. Die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl ist zwar den meisten bekannt, aber Ludwigs macht die Schüler auch auf die Folgen aufmerksam: "Man kann die radioaktive Strahlung nicht sehen, fühlen oder schmecken, aber sie wirkt trotzdem auf den Körper ein, man wird krank. Krebs kann man auch als Spätfolge bekommen und auch das Erbgut ist geschädigt."

Ludwigs' Film handelt von Leonid, einem Mann, der in der Nähe von Tschernobyl aufgewachsen ist und die Katastrophe miterlebt hat. So beginnt der Film mit animierten Zeichnungen aus der idyllischen Kindheit Leonids in der Nähe des Kernkraftwerkes von Tschernobyl. Er wird Soldat und nach Sibirien versetzt, wo er seine Frau und deren kleinen Sohn kennen lernt. Leonid sehnt sich nach seiner Heimat und nach vielen Versetzungsanträgen gelangt die dreiköpfige Familie wieder in die Ukraine, drei Kilometer sind es bis zum Kernkraftwerk. Das glückliche Familienleben, das Ludwigs einfühlsam schildert, wird jäh unterbrochen, als Leonid eines Nachts von anrollenden LKWs geweckt wird. Der Film gewinnt an Dramatik und lässt auch die Unkenntnis der Bevölkerung über die Brisanz der Lage deutlich werden. Als der Sohn Igor aus der Schule zurückkehrt und sagt: "Mama, wir haben heute keine Schule, das Atomkraftwerk ist in die Luft geflogen", entlockt die absurde Aussage den Schülern zwar ein Lachen, das

aber sogleich wieder verstummt. Zeichnungen wechseln sich mit Realaufnahmen und Fotografien des havarierten Reaktors und der evakuierten menschenleeren Stadt Prypjat ab. Vielleicht sind es gerade die kurzen und prägnanten Sätze, die neben den eindrucksvollen gezeichneten Sequenzen dem Film seine Wirkung verleihen. Leonid, der als einer der Liquidatoren in der Sperrzone arbeitet, wird krank, operiert, welche Gefäße ihm entfernt worden sind, weiß er bis heute nicht. Resigniert ertönt seine Stimme im Film: "Ich wurde nie wieder richtig gesund." Zum Ende des knapp 25 Minuten dauernden Films ist es still geworden in der Aula. Kein Laut ist mehr zu hören, alle scheinen tief beeindruckt und ergriffen von dem Schicksal des Protagonisten. Rainer Ludwigs erklärt in die Stille hinein, wie der Film entstanden ist. Für die Stiftung "Kinder von Tschernobyl" sei er im Mai 2010 in der Ukraine gewesen, um einen Dokumentarfilm zu drehen. Dabei habe Tetyana Chernyavska, die ebenfalls an diesem Film

mitgearbeitet hat, den Kontakt zu Leonid hergestellt. "Ich habe den Film gemacht, wie Leonid ihn mir erzählt hat", berichtet Ludwigs, der als selbstständiger Filmemacher hauptsächlich Werbe- und Imagefilme dreht.

Erst langsam entlädt sich die Anspannung der Schüler in tosendem Beifall. Ludwigs geht auf die zahlreichen Fragen der Jugendlichen ein, die sich besonders über die spärlichen Informationen in den Anfangstagen nach der Havarie des Kernkraftwerkes wundern. Ludwigs zieht hier Parallelen zur jüngsten Reaktorkatastrophe in Fukushima. Die Schüler wollen wissen, ob er auch die Sperrzone betreten hat, wie gefährlich das sei, wie lange es brauche, bis die Radioaktivität nachlasse und ob es Groll unter den Betroffenen gebe. "Ich glaube, dass alle auch heute noch immer traumatisiert sind, die Stimmung kann man als resigniert beschreiben. Alle haben bei den Gesprächen irgendwann angefangen zu weinen", erläutert Ludwigs.

Nach knapp zwei Schulstunden scheinen die Schüler fast froh, wieder in den Alltag zurückkehren zu dürfen. "Der Film war gut, aber auch voll heftig", sagt Michèle aus der neunten Klasse und stellt fest: "Die scheinen nichts draus gelernt zu haben." Vor dem Film waren ihr viele Einzelheiten nicht bekannt, das hat sich jetzt geändert. Auch ihre Klassenkameradin Hanne findet den Film "sehr interessant, aber auch traurig und ergreifend". Viele Lehrer greifen auch in der folgenden Stunde das Thema auf. Eindrucksvoller kann ein Stück Geschichte wohl nicht vermittelt werden und Schüler zum Nachdenken anregen.

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