Vogelsterben Rätsel um tote Trottellummen

An der niederländischen Nordsee findet ein Massensterben unter Trottellummen statt - 20.000 tote Vögel wurden gefunden. In Niedersachsen ist noch keine Krise eingetreten.
14.02.2019, 21:03
Lesedauer: 3 Min
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Rätsel um tote Trottellummen
Von Martin Wein

Ein mysteriöses Massensterben unter Trottellummen an der niederländischen Nordsee schlägt auch an der deutschen Küste hohe Wellen. Von 20 000 toten Tieren berichtet der Biologe Mardik Leopold von der Universität Wageningen. Im Auftrag der niederländischen Regierung geht er den Ursachen des Vogelsterbens nach. Leopold spricht von einem „gravierenden Ausmaß“.

In Deutschland warnt der Ornithologe Jochen Dierschke hingegen vor Panik-Reaktionen. Dierschke leitet die Vogelwarte Helgoland im Institut für Vogelforschung in Wilhelmshaven. Er hat die schwarzweiß gefiederten Trottellummen vor der Haustür, denn der rote Felsen ist in Deutschland ihr einziger Brutplatz. Der sogenannte Lummensprung, der gemeinsame erste Flug der Jungvögel vom Brutfelsen ins Wasser, ist auf der Insel jeden Sommer ein viel beachtetes Ereignis. Bereits 4000 der bis zu 45 Zentimeter großen Alkenvögel hätten sich schon jetzt auf Helgoland eingefunden, um ihre späteren Brutplätze zu inspizieren, berichtet Dierschke. Die sind auf dem Felsen nämlich rar und entsprechend heiß begehrt. Das entspricht etwa zwei Dritteln der jährlichen Brutpaare.

Tote Tiere findet Dierschke in diesen Tagen nur vereinzelt an den Stränden oder im Hafenbecken treibend. „Die Situation ist absolut unauffällig. Da hatten wir in anderen Jahren schon ganz andere Befunde“. Ähnlich sieht das auch Peter Südbeck. Der Chef des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer hält die Zahl angeschwemmter toter Lummen auf den Ostfriesischen Inseln und an den Küsten für „noch nicht besorgniserregend“. Im Januar und Februar seien auf den dortigen Probestrecken 113 tote Vögel entdeckt worden – fast ausschließlich Trottellummen. Dies ist allerdings die höchste Zahl im vergangenen Jahrzehnt. Die meisten Kadaver wurden auf Borkum gefunden.

Jochen Dierschke wendet ein, auch bei den Zahlen aus den Niederlanden sei Vorsicht geboten, denn es handele sich um Hochrechnungen. Die Niederländer hätten einen Kadaver pro Strandkilometer angenommen und mit vier Wochen multipliziert. „Wenn es sich bei den 20 000 Tieren um gefundene Vögel handelte, müssten wir sonst tatsächlich 100 000 Opfer haben“, sagt Dierschke.

Gefahrgutcontainer könnten Ursache sein

Ungeachtet dessen tappen die Wissenschaftler völlig im Dunkeln, was die Tiere umbringt. Fast alle Opfer sind stark unterernährt, belegen erste Sektionen. „Die Lummen, die an Land so trottelig wirken, sind im Wasser geübte Augenjäger“, erklärt Dierschke. Wenn die Nordsee bei starken Stürmen aufgewühlt und sehr trüb ist, könne ihr Jagderfolg auf Schwarmfische wie Hering, Sprotte oder Dorsch darunter leiden. Allerdings sei der Winter trotz einiger Stürme eher unauffällig verlaufen. Und einen Unterschied zur holländischen See könne er nicht ausmachen.

Lars Lachmann, Ornithologe beim Naturschutzbund Deutschland (NABU) in Berlin, bringt die Havarie des Frachters „MSC Zoe“ vor der niederländischen Küste als Ursache ins Gespräch. Unter den 340 über Bord gegangenen Containern waren auch zwei mit Gefahrgut. Bei einer Leckage könnten Gifte ins Wasser gelangt sein, vermutet Lachmann.

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Für Jochen Dierschke klingt das wenig wahrscheinlich, selbst wenn sich das Unglück im selben Meeresgebiet ereignet habe. Er erklärt, dass Lummen selten in größeren Pulks überwintern. Anders als beispielsweise Trauerenten, die in riesigen Flößen auf dem Wasser treiben, sind die Lummen eher in Kleingruppen unterwegs. „Und ein Gift, das sie in einem großen Umkreis erwischt und an der Nahrungssuche hindert, aber alle anderen Tiere unbehelligt lässt, kenne ich nicht“. Zuerst müssten sich Gifte auf die Fischwelt auswirken, vermutet Dierschke. Näheren Aufschluss sollen in den kommenden Tagen weitere Sektionen auch in Deutschland bringen.

Zunehmender Schiffsverkehr als erhebliche Gefährdung

Ob die Helgoländer Population von dem Massensterben tangiert ist, werde erst die Vogelzählung im Juni ergeben, sagt Dierschke. Es könnte auch sein, dass die aufgefundenen Tiere von der britischen Küste stammen, wo ein Großteil der europäischen Population brütet. Den Winter verbringen viele von ihnen gemeinsam mit Artgenossen aus Norwegen in der südöstlichen Nordsee.

Auch wenn die jüngste Havarie nicht Ursache des Massensterbens war, sieht Nationalpark-Leiter Peter Südbeck den zunehmenden Schiffsverkehr auf dem Weg zu den Häfen in Hamburg, Bremerhaven und Wilhelmshaven als erhebliche Gefährdung für das sensible Ökosystem. Schließlich grenzt das Wattenmeer unmittelbar an die viel befahrene Schifffahrtsroute.

Südbeck sagt etwas resigniert: „Diesmal heißt die Beinahe-Katastrophe ,MSC Zoe‘, im vergangenen Jahr hieß sie ,Glory Amsterdam‘ vor Langeoog und davor ,Katja‘„. Die Sicherheit der Schifffahrtswege müsse nachhaltig verbessert werden. Südbeck sagt: „Wir können nicht auf Dauer auf Glück bauen.“

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