Überfall auf Juwelier in Schwanewede Räuber deckt Mittäter vor Gericht

Vor dem Landgericht Verden hat der Prozess gegen einen 34-Jährigen begonnen, der einen Juwelier in Schwanewede überfallen haben soll. Der Angeklagte ist weitgehend geständig, deckt aber seinen Mittäter.
11.02.2020, 06:30
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Von Angelika Siepmann

Schwanewede/Verden. Nachdem der überfallene Juwelier seine bemerkenswerte Zeugenaussage gemachte hatte, wollte der weitgehend geständige Angeklagte sich gerne entschuldigen, setzte auch schon an: „Es tut mir wirklich leid. Sie sind so ein netter, lieber Mensch…“ Viel weiter kam er nicht. Das Opfer des Raubüberfalls konfrontierte ihn kurz vor Verlassen des Gerichtssaals noch mit einer, wie er es nannte, „Bitte“, die gleichzeitig eine Bedingung darstellte: „Sagen Sie den Namen des zweiten Mannes, dann können Sie sich entschuldigen!“

Es waren zweifellos zwei Männer, die dem heute 77-jährigen Goldschmiedemeister am Abend des 14. Februar vergangenen Jahres, gegen 20 Uhr, vor dessen Wohnhaus in Schwanewede aufgelauert hatten und nach einer so gar nicht planmäßig verlaufenen Raubtat mit rund 3800 Euro Bargeld entkommen waren. Aber wer der Komplize des 34-Jährigen war, der nun im Landgericht Verden auf der Anklagebank sitzt, ist nach wie vor ein Rätsel. Der Bremerhavener hat seine eigene Beteiligung zwar am Montag zum Prozessauftakt eingeräumt. Die Hauptschuld versuchte er aber dem Mittäter zuzuschieben.

Um wen es sich handelt, hat er bislang nicht preisgegeben. So bleibt der damalige Partner des mehrfach, auch einschlägig vorbestraften Berufskraftfahrers für die Justiz zumindest vorerst ein Phantom. Es sei jedenfalls keine Person aus dem Kreis seiner diversen Kokainlieferanten, bei denen er mehr oder weniger in der Kreide gestanden habe, ließ der Angeklagte verlauten. Sein damals immenser Koks- und Heroinkonsum und der damit einhergehende Geldmangel hätten ihn überhaupt erst dazu verleitet, auf Vorschlag des ungenannten Mannes einzugehen. Er könne „leicht“ was verdienen, habe es geheißen.

Und „verdienen“ musste er, wo doch nach seiner letzten Haftentlassung im Dezember 2018 so ziemlich alles schief gelaufen sei: die Beziehung zur Lebensgefährtin und dem gemeinsamen Kind zerrüttet, das Überbrückungsgeld schnell verjubelt, rasanter Rückfall in die Drogensucht, immer mehr Schulden… Schließlich habe er sich auf die Sache eingelassen und sei mit dem Mann an jenem Februartag nach Schwanewede gefahren. Erst auf dem Weg dorthin habe er erfahren, um was es genau gehen sollte, wen man wo und wie ausrauben wolle und was seine Aufgaben dabei seien. „Ich sollte eigentlich nur Schmiere stehen“, behauptete der 34-Jährige, aber dabei sei es ja leider nicht geblieben. Während er auf seinem Beobachtungsposten auf dem Nachbargrundstück ausgeharrt und das Geschehen an der Eingangstür verfolgt habe, sei er plötzlich von „dem Anderen“ per Handzeichen herbei geordert worden und habe dabei helfen sollen, den Juwelier mit Kabelbindern zu fesseln. Dann sei auch schon die Sirene losgegangen, er habe sich den Koffer des Seniors geschnappt und sei rausgerannt, der Komplize hinterher. Rein ins bereitgestellte Auto und ab. Er habe das Fluchtfahrzeug gefahren und nach kurzer Zeit „direkt gegen ein Baum gesetzt“. Er sei doch „total unter Adrenalin“ gewesen, und unter Kokain.

Aus dem Duo wurden zwei getrennt Gehetzte, die zu Fuß unterschiedliche Richtungen einschlugen. Der Mittäter sei mit der Beute auf und davon, beteuerte der Angeklagte. Er habe ihn bis heute nie wieder gesehen. Ihm sei ja die Flucht geglückt. Als er während der Fahndung den Hubschrauber über sich hörte, habe er sich „in einem Graben versteckt“. Dann sei er „nach Hause gelaufen“. In kalter Winternacht etwa 35 Kilometer per pedes nach Bremerhaven? Auf ungläubige Nachfrage räumte der 34-Jährige im geräumigen grauen Jogginganzug ein, er habe „unterwegs ein Fahrrad geklaut“.

Das Opfer des Überfalls zeigte sich im Zeugenstand ziemlich sicher, es von Anfang an mit zwei Tätern zu tun gehabt zu haben. Nachdem er seinen Wagen in die Garage gefahren habe und gerade die Haustür aufschließen wollte, „standen die auf einmal hinter mir und haben mich ins Haus und mit dem Rücken an eine Wand gedrängt“. Der 77-Jährige im dunklen Anzug erinnerte sich noch genau: Der größere Mann habe „Ich tu Dir nichts“ gesagt, der kleinere „Wo ist Safe?“ gefragt. Aber von wegen „Ich tu Dir nichts“: Als er mit dem Transponder, den er immer in der Hand habe, die Alarmanlage auslöste, habe er einen Faustschlag ins Gesicht erhalten. „Und dann sind die weg wie die Kaninchen“. Beide hätten „dicke Plusterjacken“ getragen und seien mit dunklen Sturmhauben maskiert gewesen.

Er habe schon zwei bewaffnete Raubüberfälle in seinem Geschäft hinter sich, die er gut überstanden habe, sagte der Zeuge, „ich bin ein bisschen abgehärtet“. Aber diesmal hätten die Täter ihn „zu Hause voll überrumpelt“, und das habe ihm schon „etwas zugesetzt“. Der Faustschlag habe ein blaues Auge zur Folge gehabt, nicht schlimm. Fesselspuren? „Kinderkram“. Insgesamt habe er alles „gut weggesteckt“. „Aber man ist eben keine 30 mehr.“ – Der Prozess wird am 27. Februar fortgesetzt.

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