Kammerjäger im Einsatz in Lüssum Rattenjagd in Blumenthal

Ratten bevölkern die Garagen an der Vorberger Straße. Die Mieter sorgen sich um die Sicherheit ihrer Autos, weil die Nager alles anfressen. Die Gewosie hat einen Schädlingsbekämpfer beauftragt.
04.09.2020, 06:22
Lesedauer: 4 Min
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Von Klaus Grunewald

Als Detlef Hansing kürzlich seinen Wagen aus der Garage fuhr, sprang eine Ratte aus dem Motorraum und geriet unter den Vorderreifen. Für den Blumenthaler und andere Mieter der Gewosie-Garagen an der Vorberger Straße war der Tod des Tiers Anlass, den Vermieter nach dem Kammerjäger rufen zu lassen. Schließlich knabbern die Nager auch Kabelisolierungen und Schlauchverbindungen an, können also technische Probleme und Unfälle verursachen.

Ein Mitarbeiter der von der Wohnungsbaugenossenschaft Gewosie beauftragten Firma für Hygiene und Schädlingsbekämpfung ist nun seit Kurzem damit beschäftigt, den vierbeinigen, gut 20 Zentimeter langen Allesfressern den Aufenthalt in den Garagen der Lüssumer Wohnsiedlung zu verleiden. Vor wenigen Tagen inspizierte er Detlef Hansings Mietobjekt und das seines Nachbarn. Dunkler Kot auf den Betonfundamenten lieferte den Beweis für ungebetene Besuche der intelligenten Tiere, die nach dem Infektionsschutzgesetz als Gesundheitsschädlinge eingestuft werden, da Ratten Krankheitserreger wie Tollwut oder Typhus, aber auch Bandwürmer und Salmonellen auf den Menschen übertragen können.

Ratten kommen durch bodennahe Belüftungslöcher

Detlef Hansing und der Mieter der benachbarten Garage, der seinen Namen nicht in der Zeitung veröffentlicht sehen möchte, sind aktuell vor allem darüber besorgt, dass Ratten die Sicherheit ihrer Autos beeinträchtigen könnten. So ist bei einem Wagen bereits am Schlauch der Klimaanlage geknabbert worden. Doch wie sind die intelligenten Mitglieder aus der Familie der Altweltmäuse überhaupt in die Garagen gekommen? Hansing vermutet durch die bodennahen Belüftungslöcher in Wänden der einzelnen Garagen, die nach seiner Meinung durch kleine Gitter versperrt werden sollten. Ob das allerdings ausreicht, ist fraglich, denn die äußerst beweglichen Nager können überall dort durchschlüpfen, wo der Rattenkopf durchpasst. Zum Beispiel durch schmale Nischen neben Abflussrohren.

Freilich kann sich Detlef Hansing kaum vorstellen, dass sein 27 Jahre alter Oldtimer, ein in Italien produzierter Opel Astra, Ratten wegen seines Seltenheitswerts anlockt. Weil sie von Natur aus neugierig sind und überall Nahrung vermuten, dürften die Tiere nach Expertenmeinung von Essensresten, Tierfutter oder Abfällen in oder in der Nähe einer Garage angelockt worden sein. Und weil sie beweglich und schlank sind, kommen sie fast überall hin. Sie können ebenso gut graben wie an steilen Wänden und durch Rohre senkrecht nach oben klettern. Ratten sollen schon in Toiletten von Hochhäusern gesichtet worden sein.

In der Hansestadt gibt es nach den Erkenntnissen des öffentlichen Grundstücksverwalters Immobilien Bremen rund 100 „Brennpunkte“ an bremischen Liegenschaften, wo Ratten ständig bekämpft werden müssen. Und weil die Nager meistens dort anzutreffen sind, wo viele Menschen leben und wohnen, sind nahezu täglich Schädlingsbekämpfer irgendwo in Bremen im Einsatz.

Bei der Rattenjagd werden zum Beispiel Präparate wie Pastenköder oder Pelletköder benutzt. Oft jedoch riechen die Nager den giftigen Braten und lassen zunächst junge Familienmitglieder an dem vermeintlichen neuen Leckerbissen naschen. Bekommt er ihnen nicht, lassen die anderen davon ab. Fazit auch der Kammerjäger: Die Rattenjagd ist nicht einfach. Zu den effektivsten Jägern der Plagegeister wird übrigens nach wie vor die Hauskatze gezählt.

Vorbeugen ist wichtig

Insgesamt gilt auch im Kampf mit der Haus- oder Wanderratte: Vorbeugen ist wichtig. Das bedeutet aus Sicht der Gesundheitsämter zum Beispiel, Abfallbehälter verschlossen zu halten, Speisereste nicht auf dem Kompost oder in der Toilette zu entsorgen, auf Sauberkeit und Hygiene im Umfeld von Wohnungen, Schulen und Spielplätzen zu achten und keine Tiere in Parks, Grünanlagen oder auf öffentlichen Plätzen zu füttern, weil die Reste ein gefundenes Fressen für die Nager sind.

In Blumenthal leben rund 33.000 Menschen. Eine alte Faustregel besagt, dass es demnach mindestens genau so viele Ratten im nördlichsten Bremer Stadtteil gibt. Schädlingsbekämpfer sprechen allerdings von mindestens doppelt so vielen Nagern. Ob sie sich vom Garagenhof in der Vorberger Straße vertreiben lassen, steht nach dem ersten Einsatz des Kammerjägers noch nicht fest.

Zur Rattenbekämpfung an der Vorberger Straße will die Gewosie nach den Worten ihrer Pressesprecherin Jutta Never zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Stellungnahme abgeben. Detlef Hansing hat allerdings bereits nach eigenen Worten beim Gesundheitsamt nachgefragt, wer denn für die Kosten des Kammerjägers aufkommt. Die Antwort, so Hansing, laute: Das sei eine privatrechtliche Angelegenheit zwischen Mieter und Vermieter. Nach dem Infektionsschutzgesetz sei der Grundeigentümer oder der Nutzungsberechtigte für die Beseitigung des Rattenbefalls verantwortlich.

Ein Wachsen der Rattenpopulation hat vor wenigen Tagen erst die Stadt Osterholz-Scharmbeck bestätigt. Volker Pfeil bestätigt auf Anfrage der Redaktion, dass sich Ratten auch in der Kreisstadt vermehrt haben. Als Leiter des Ordnungsamtes der Stadt hat er einen Überblick über die Lage. „Es ist deutlich mehr geworden.“ Er glaubt nicht daran, dass es daran liegt, dass die Menschen durch die Corona-Krise mehr Zeit zu Hause und im Garten verbringen und sie ihnen daher mehr auffallen. Vielmehr habe sich der Anstieg über einen längeren Zeitraum angedeutet. „Das geht schon seit gut ein, zwei Jahren so“, sagt Pfeil. „Die Sichtungen haben zugenommen.“ Deshalb sind auch in Osterholz-Scharmbeck Spezialisten damit beauftragt worden, den Meldungen nachzugehen und die Tiere zu bekämpfen.

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