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Mahl des Handwerks
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Es wird aufgetischt und ausgeteilt

Sebastian Kelm 11.11.2018 0 Kommentare

Gastgeber-Duo mit Referent (von links): Matthias Wendland, Jens Leßmann und Josef Kraus.
Gastgeber-Duo mit Referent (von links): Matthias Wendland, Jens Leßmann und Josef Kraus. (Fotos: Janina Rahn)

Landkreis Diepholz. Deftiges von der Schlachteplatte wird traditionell beim Mahl des Handwerks serviert. Deftige Sprüche wiederum gab es bei der 27. Auflage am Donnerstagabend im Hotel Zur Post in Neubruchhausen quasi als Vorspeise. Diese hatten Kreishandwerksmeister Matthias Wendland und der Ehrengast des Abends, der ehemalige Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus, für die gut 150 von der Kreishandwerkerschaft Diepholz/Nienburg geladenen Vertreter aus Wirtschaft, Verwaltung und Politik vorbereitet.

Letztgenannte Gruppe bekam zuerst vor dem durchaus fettigen Essen ihr Fett weg. Hart ins Gericht ging Matthias Wendland vor allem mit den beiden sogenannten Volksparteien. Früher habe man etwa bei Nato-Doppelbeschluss oder der Ostpolitik in die Richtung wählen können, die der eigenen Überzeugung entspricht. Heute seien die großen Parteien inhaltlich so nah beieinander, dass es gefühlt keinen Unterschied mache, für welche man stimmt. Dabei gebe es bei etwas aktuelleren Themen wie der EU-Erweiterung, der Euro-Einführung oder dem Umgang mit Flüchtlingen seiner Ansicht nach durchaus kritikwürdige Aspekte. Er spüre bei Gesprächen, dass dadurch ein „Grundvertrauen in die politische Elite“ verloren geht, weil den Menschen kein „Alternativangebot“ mehr gemacht wird. Dieses würden sie oft nur an den Rändern finden – oder sie blieben eben am Wahltag den Urnen fern. Und übrig bleibe nicht selten Wut. „Die sich auch gegenüber dem fremd aussehenden Handwerker äußert“, so Wendland.

Er bemängelte überdies eine „schleppende Integration“ von Migranten. Fehlende Sprachkenntnisse würden zur „Etablierung von Parallelgesellschaften“ führen, so der Kreishandwerkermeister. Der weiter: „Tausende werden wir nicht durch die Ausbildung bringen können.“ Er forderte deshalb einen niedrigeren Mindestlohn für diese Gruppe, da sonst nur Schwarzarbeit begünstigt werde.

Soweit zur Polit-Schelte. Es waren aber erstmalig auch Leiter von allgemeinbildenden Schulen zum Handwerkermahl eingeladen. Und die bekamen dann einiges zu hören von Josef Kraus, Bildungskritiker, selbst lange Gymnasialleiter und 30 Jahre Deutschlands oberster Lehrer. Er machte keinen Hehl daraus, in Sachen Schule auf Neu-Deutsch ziemlich „Old School“ zu sein. So sah er Bücher im Vorteil gegenüber digitalen Medien und unterstrich noch einmal – wie schon in diversen Talkshows – seine ablehnende Haltung gegenüber der Pisa-Studie und der Rechtschreibreform.

Der Niederbayer in Niedersachsen haderte – passend zur Überschrift seines Vortrags „Qualität oder Quote“ – aber vor allem mit dem erhöhten Anteil an Abiturienten, der gegenläufigen Entwicklung bei Sitzenbleibern und der in 20 Jahren fast verdoppelten Zahl an Studienanfängern. Seine These: „Je höher die Quote, desto niedriger die Qualität.“ Immerhin sei auch die Fehlerquote bei der Rechtschreibung um 80 Prozent gestiegen, der aktive Wortschatz bei Viertklässlern wiederum auf 700 Wörter gesunken. Er beklagte eine „Noteninflation“, verglich Zeugnisse mit ungedeckten Schecks und warnte: „Wir lügen uns und den jungen Leuten in die Tasche.“

Beinahe lustig machte sich der 69-Jährige über die „überholte Leier“, Schule müsse Spaß machen. Die dürfe eben kein „Ponyhof“ sein. Und die derzeit dogmatisch propagierte „Radikal-Inklusion“ sei keineswegs im Sinne der Kinder – nicht der mit, nicht der ohne Behinderung. Die Ansicht, dass jeder „zu allem begabbar“ ist, tat er als „Machbarkeitswahn“ ab.

Aber Kraus hatte nicht nur Vorhaltungen aus Ergolding bei Landshut mitgebracht, sondern auch Vorschläge. So machte er sich für das dreiteilige Schulsystem stark, dieses fördere nicht Gleichheit, sondern Individualität. Er wünschte sich zudem eine „Renaissance des Leistungsgedankens“ statt „Leistungsfeindlichkeit“, in der den Kindern und Jugendlichen „Schulstress“ bloß eingeredet werde: „Bildung geht nicht ohne Anstrengung.“

Es müsse wieder mehr Deutschunterricht geben und „Lehrpläne statt Leerpläne“. In Anlehnung an das Sprichwort „Wer nichts weiß, muss alles glauben“ befand er: „Wer nichts weiß, kann nicht mal richtig googeln.“ Deutschland brauche zudem keinen Bildungszentralismus, bei dem würde man sich nur dem niedrigen Niveau von Bremen, Berlin oder Brandenburg anpassen. Letztlich forderte er eine „bürgerschaftliche Revolte“ – gegen das Bildungssystem im Allgemeinen und „Helikoptereltern“ im Speziellen.


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...