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Bürgermeisterkandidat Frank Holle
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„Ich lebe das C“

Sebastian Kelm 13.05.2019 0 Kommentare

Sieht sich nicht als
Sieht sich nicht als "One-Man-Show" – nicht als Bürgermeister der Samtgemeinde Tarmstedt und auch nicht im Stuhrer Rathaus bei einem Wahlerfolg am 26. Mai: Frank Holle. (Michael Braunschädel)

Stuhr. Viele werden ihn in den vergangenen Wochen bei öffentlichen Auftritten kennengelernt haben, den Politiker Frank Holle. Aber wer kennt auch Frank Holle, den Poeten? Die Mitarbeiter seiner Verwaltung der Samtgemeinde Tarmstedt kennen jedenfalls diese Seite ihres Chefs. „Jeder, der geht, bekommt von mir ein kleines Gedicht mit seinen Eigenarten“, erklärt Holle, der jetzt für den Bürgermeisterposten in Stuhr kandidiert, einen von ihm eingeführten Brauch bei Verabschiedungen im Tarmstedter Rathaus. Literatur sei ohnehin eines seiner größten Hobbys. Er lese gern, bevorzugt Krimis. Agatha Christie zum Beispiel, mitunter auch im englischen Original. „Nach langen Tagen habe ich abends keinen Kopf mehr für etwas Schweres“, sagt er. Nicht bei Krimis, eher bei Märchen, dafür auch geradezu lyrisch angehaucht, bedient er sich bei seinem eher augenzwinkernden Wahlversprechen: „Wenn ich gewählt werde, bringe ich drei Frau Holles mit – damit wir hier endlich mal wieder einen richtigen Winter bekommen.“

Eine Anspielung auf Ehefrau Christine, die er einst beim Volleyball traf und später auf dem Schützenfest in Wilstedt richtig kennenlernte, sowie die beiden Töchter, 14 und 17 Jahre alt. Sie wollen – anders als sein 20-jähriger Sohn, der in Freiburg Politik studiert – perspektivisch mit nach Stuhr ziehen: „Wenn es klappt, würde ich im Februar aber erst einmal alleine hier wohnen.“ Seine Frau bliebe weiter Lehrerin in Ottersberg, wo die Holles derzeit leben.

Aber das ist Zukunftsmusik, bleiben wir bei der Lebensgeschichte des 51-Jährigen. In Bremen geboren, wuchs er in Tarmstedt im Landkreis Rotenburg auf, ging dort zur Schule – auf eine Kooperative Gesamtschule (KGS), wie es sie eben auch in Brinkum und Moordeich gibt. Ein Freund dieses Modells? „Darüber habe ich früher noch nicht so nachgedacht, das war halt die Schule im Ort. Aber die Durchlässigkeit gefällt mir.“ Von der profitierte auch er einst: Ursprünglich als Realschüler eingestuft, stieg er später in den Gymnasialbereich auf. „Ich habe immer gerne die Schwächeren mitgenommen, da blieb keine Zeit zum Abheben. Bei denen waren schließlich einige größer als ich“, sagt er lachend. Sein Abitur machte Holle dann in Zeven.

Nebenbei versuchte er sich nach eigenen Angaben als freier Mitarbeiter für die Zevener Zeitung und die Rotenburger Kreiszeitung, vor allem Sportberichterstattung, ein bisschen Lokales: „Ich wollte tatsächlich kurz Journalist werden.“ Davon sei ihm letztlich aber abgeraten worden, weshalb er einen anderen beruflichen Weg einschlug: Frank Holle machte eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann in Bremen. „Bei der Colonia am Wall, jetzt Axa“, erzählt er. Ein halbes Jahr sei er auch im Außendienst eingesetzt gewesen.

Den Zivildienst absolvierte er bei der Arbeiterwohlfahrt, kurz Awo. „Ich war Sport-Zivi, habe mit den Älteren Sport gemacht“, blickt er zurück. Bewegung spielte für Holle immer eine große Rolle, wie er über sich sagt. Als Fußballer habe er es bis zur Bezirksliga geschafft, noch lange kickte er bei den Alten Herren: „Aber irgendwann war mir die Verletzungsgefahr zu hoch.“ Er verlegte sich eher aufs Joggen – und Radfahren. Sein größtes Erlebnis dabei: eine Teilnahme an den Cyclassics in Hamburg. „Jetzt fahre ich am liebsten allein durch die Natur.“ Viel Freizeit verbringe er mittlerweile auch im „Naturgarten“ seines 1902 erbauten Hauses, oder er arbeite handwerklich an oder in eben diesem. 

Die Zeit bei der Awo wertet er auch als Beleg seiner sozialen Ader. Um dem Wehrdienst zu entgehen, habe er damals noch eine zehnseitige Verweigerung schreiben müssen. Seine Begründung: „Ich würde niemals auf Menschen schießen.“ Das entspreche auch seiner christlichen Einstellung. In der kirchlichen Jugendarbeit sei er aktiv gewesen, als Betreuer mit auf Freizeiten gefahren. Bis heute sitzt er im Vorstand der Kirchenstiftung Wilstedt. „Ich lebe das C“, betont der CDU-Mann, der sich selbst allerdings auch nicht als klassischen Konservativen bezeichnen würde.

Als Rechtsanwalt – Jura studierte er von 1991 bis zum Staatsexamen 1999 in Kiel – sei er auch stets sozial eingestellt gewesen. Nach eigenem Bekunden vertrat er einige Mandanten unentgeltlich, arbeitete als Pflichtverteidiger sowie als Verfahrenspfleger in Familienangelegenheiten. „Da habe ich einige Krisensituationen miterlebt, in denen es um Haus und Hof ging“, sagt er. Da habe er gelernt, kritische Situationen zu managen. Sein Rezept dabei: „Ruhe bewahren, so halte ich es noch immer.“ Oft sei er bei Trennungen als „Anwalt des Kindes“ aufgetreten – und dabei an Grenzen gestoßen. „Ein einschneidendes Erlebnis war für mich eine Beratung, nach der ich dachte, es wäre gar nicht so schlecht für den Vater gelaufen. Aber am nächsten Tag hat er sich erhängt. Das hat mir zu schaffen gemacht“, blickt er nachdenklich zurück.

Als Mitglied einer Drei-Mann-Kanzlei in Tarmstedt hatte er dann erste echte Berührungspunkte mit Politik und Verwaltung. „Ich habe da schon die Gemeinde vertreten“, umreißt er diese. So sei man letztlich auf ihn als potenziellen Bürgermeister von Tarmstedt gekommen. In der CDU war er damals übrigens noch nicht. 2006 trat er erfolgreich als Parteiloser ohne Gegenkandidaten an. „Ich wollte nicht eintreten, solange mich alle unterstützen“, sagt er. Als aber die SPD 2013 einen eigenen Bewerber aufbot, habe er sich doch dazu entschieden. „Diese ganze Parteiengeschichte ist mir aber nicht so wichtig, so arbeite ich auch nicht“, bekräftigt der spät berufene Christdemokrat. Und: „Ich gehe zum Beispiel auch zu SPD-Fraktionssitzungen. Das würde ich in Stuhr nicht anders machen.“ Außerdem wolle er nicht unerwähnt lassen, dass er seit mehr als 13 Jahren in seiner Eigenschaft als Gemeindedirektor in Tarmstedt – das ist er zusätzlich zu seinem Hauptamt bei der Samtgemeinde – mit einem sozialdemokratischen Bürgermeister zusammenarbeitet. „Und wie ich meine erfolgreich“, bewertet er sein gemeinsames Wirken mit Wolf Vogel.

Vielleicht die größte persönliche Herausforderung seiner Amtszeit sei das Aufkommen der Sozialen Medien gewesen, die die Form von öffentlicher Kritik „verschlimmert“ habe. So sei er nach dem „Wolfsverdachtsfall“ von Steinfeld, bei dem ein Friedhofsgärtner verletzt wurde und zunächst einiges auf einen Angriff durch ein Raubtier hindeutete, im Internet „massiv bedroht“ worden: „Aber wir haben alle ein dickes Fell entwickelt.“ Man müsse schon „ein wenig verrückt“ sein als Bürgermeister: „Der Job bedeutet definitiv Raubbau am Körper und an der Familie.“

Zu kämpfen hatte er auch mit der „Flüchtlings- und Asylantenproblematik“ vor ein paar Jahren, wie er ausführt. „Da habe ich den ganzen Tag nichts anderes gemacht als zu überlegen, wie man 200 Menschen menschenwürdig unterbringt.“ Den Umgang mit Geflüchteten in Stuhr beurteilt er als „sehr positiv“, es gebe viele eifrige Helfer. „Aber man merkt schon, dass die Leute erschöpft sind“, schildert er seinen Eindruck.

Wie hat er die Gemeinde, in der er neuer Bürgermeister werden möchte, sonst bisher wahrgenommen? Den hiesigen Zeltverleih von Klaus-Peter Mahlstedt kenne er schon lange durch seine Eigenschaft als Geschäftsführer der Tarmstedter Ausstellung. Ein guter Freund habe zudem früher beim Deutschen Milchkontor (DMK) gearbeitet, als dieses noch in der Gemeinde ansässig war. Und beim einstigen Luxus-Autohaus Tamsen in Seckenhausen sei er als junger Mann auch öfter vorbeigefahren: „Weil es witzig war“. Heiligenrode etwa habe er aber erst neu für sich entdeckt. Nach Bremen sei er wiederum immer schon stark orientiert gewesen. „Wir sind viel zu Werder-Spielen gefahren, damals noch in der Gerade Nord.“ Weiter weg verschlägt es Holle unter anderem dann, wenn er in den Niederlanden die Familie seiner zur Hälfte holländischen Frau besucht.

Vermissen würde er seine Tarmstedter Heimat bei einem Wahlerfolg indes schon, räumt er ein. Vor allem die Ausstellung, der er selbstverständlich treu bleiben werde, wenn auch nur als Besucher. Und „meine Rathausfamilie“ – mit 28 Mitarbeitern deutlich kleiner als die in Stuhr, deren Chef er werden will. Mitbringen würde er seine „klare und direkte Sprache“. Obwohl er wisse, dass man sich damit nicht nur Freunde macht: „Aber man muss sagen, was nicht geht. Das darf nicht elf Jahre dauern.“ Er ergänzt: „Mein Ziel ist es nicht, geliebt zu werden, sondern respektiert.“ 

Obwohl er selbstverständlich auch Angestellte entlassen musste, sei er stets fair mit dem Team der Verwaltung umgegangen, behauptet er von sich. Sein Credo: „Motivation durch Verantwortung.“ Er wolle nicht dominant auftreten, den Vorgesetzten nicht zu sehr heraushängen lassen: „Aber man muss sagen, wo es lang geht“. Bürgermeister zu sein ist seiner Ansicht nach andererseits „keine One-Man-Show“. Das will Frank Holle zeigen, sollte er den Einzug ins Stuhrer Rathaus schaffen. Ob die Kollegen in seiner jetzigen Behörde dann wohl auch ein Gedicht für ihn verfassen?

In den folgenden drei Tagen stellt der WESER-KURIER die drei Bewerber um das Bürgermeisteramt in der Gemeinde Stuhr vor – nach der Reihenfolge der offiziellen Verkündung ihrer Kandidatur. Auf Frank Holle folgt am Mittwoch Stephan Korte. Nach diesen persönlichen Porträts wird es bei der WK-Podiumsdiskussion am kommenden Donnerstag, 16. Mai, ab 18 Uhr im Hotel Bremer Tor an der Syker Straße 4 in Brinkum um die einzelnen Positionen, Motivationen und Ziele gehen.


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Leserkommentare
holger_sell am 20.10.2019 15:36
Kultur ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und gerade auch in Bremen ein Magnet für den Tourismus.
Außerdem ist Kulturbewusstsein ein großer ...
holger_sell am 20.10.2019 15:30
Jede Politik hat ihre Klientel.
Wollen Sie im Ernst behaupten, dass Menschen, die sich für Kultur interessieren, keine normalen Leute sind ?