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Interview mit Manja Präkels
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„Manchmal muss man mutig sein“

Alexandra Penth 15.04.2019 0 Kommentare

Autorin Manja Präkels liest in Weyhe aus ihrem Roman "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß".
Autorin Manja Präkels liest in Weyhe aus ihrem Roman "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß". (FR)
Frau Präkels, wie viel Ihrer eigenen Geschichte erfährt der Leser durch Mimis Augen?

Manja Präkels: Alles ist wahr, nichts stimmt. So wenig, wie ich Mimi bin, habe ich meine Lebensgeschichte aufgeschrieben. Vielmehr finden sich im Roman neben stark verdichteten persönlichen Erfahrungen auch Geschichten, die mir als junger Journalistin Mitte der Neunzigerjahre bei der Märkischen Allgemeinen Zeitung zugetragen wurden.

Wie haben Sie die Wendezeit als Jugendliche im brandenburgischen Zehdenick erlebt?

Mit aller dazugehörigen Widersprüchlichkeit zwischen Euphorie und Schrecken. Einerseits eröffnete sich plötzlich die ganze, fabelhafte Welt, andererseits führte der Systemzusammenbruch zu einer sozialen Katastrophe. Die beiden Großbetriebe im Ort schlossen ihre Tore, und eine halbe Stadt war von einem Tag auf den anderen arbeitslos. Das Gewaltige des Umbruchs entlud sich allzuschnell gewaltsam, zuallererst gegen die Schwächsten, denen es schon vorher schlecht ergangen war, allen voran gegen nicht-weiße Vertragsarbeiter und Vertragsarbeiterinnen im Ort. Mit den geschärften Sinnen einer Teenagerin und mittendrin in Allem war ich nicht nur übervoll an Eindrücken, sondern – ob ich das wollte, oder nicht – auch Akteurin. Zuerst habe ich mich mit Freunden gegen die aufstrebenden Neonazis organisiert, später als Lokalreporterin versucht, aufzuklären und dagegenzuhalten.

Sie beschreiben einen gesellschaftlichen Bruch durch ein persönliches Erlebnis. So schließt sich Ihr Jugendfreund, mit dem Sie eben noch den ersten Alkoholrausch erlebt haben, der rechten Szene an. Dort wird er unter dem Kampfnamen Hitler zu einem Anführer gewaltbereiter Jugendbanden. Wie konnten Ihre Leben in so unterschiedliche Richtungen verlaufen?

Die Antwort darauf ist komplex. Ich habe auch nicht versucht, sie in meinem Buch zu geben. Vielmehr wollte ich erzählen, was passiert ist und möglichst viele Leserinnen genau damit konfrontieren: Wie passiert so etwas? Was können wir dagegen tun?

Ein Freund von Ihnen wurde bei einem Discobesuch von Neonazis ermordet. Sie haben als einzige Zeugin ausgesagt. Wurden derartige Vorfälle in Ihrer alten Heimat nahezu gedeckelt?

Ich kannte sowohl das Opfer des Disco-Überfalls als auch die Täter. So wie viele andere Besucher dieser Tanzveranstaltung in einer kalten Januarnacht kurz nach Jahreswechsel 1992. Es gibt außer mir nur einen weiteren Zeugen, der auch nach all den Jahren nicht vergessen kann, was geschehen ist. Doch er lebt – genauso wie die meisten der Täter – noch vor Ort und hat Angst um seine Familie. Die anderen Discobesucher jener Nacht schweigen aus ähnlichen Gründen oder weil sie es vergessen oder verdrängt haben.

Wie ist es heute?

Bei der Innenstadtsanierung ist das Pflaster ausgetauscht worden, dabei sind auch die in harten Debatten zuvor erkämpften und endlich verlegten Stolpersteine, die an die ermordeten jüdischen Bürger der Stadt erinnerten, verschwunden. Zum Glück ist das ein paar Leuten aufgefallen. Schülerinnen und Schüler haben die Steine sprichwörtlich aus dem Müll geholt. Im Guten wie im Bösen sehe ich darin ein exemplarisches Beispiel für den Umgang mit Geschichte in dieser Stadt.

Haben Sie noch Kontakt zu Menschen vor Ort?

Selbstverständlich, ein Teil meiner Familie lebt da. Ich bin dort aufgewachsen.

Steht Ihr Wunsch, als Reporterin bei der lokalen Tageszeitung zu arbeiten in Zusammenhang mit Ihren Erfahrungen von damals?

Lokalreporterin bin ich eher aus Verlegenheit geworden, weil ich dringend Arbeit brauchte, die Anfang der Neunziger in Ostdeutschland nicht leicht zu finden war. Einerseits interessierte mich der Beruf schon zu Schulzeiten, ich hatte in den Ferien mein Geld mit Berichten von allen möglichen Festen und Sportveranstaltungen verdient. Andererseits gab es eine neue Chefin, die mir die Chance eröffnete, die Arbeit in der Redaktion intensiver kennenzulernen. Das Ganze erwies sich als glückliche Fügung. Ich habe viel gelernt in jenen Jahren, von den Kollegen und über die Menschen im Märkischen.

Sie sind als Journalistin bedroht worden. Wie sah das genau aus?

Bevor örtliche Neonazi-Kameradschaften Kontakte im ganzen Land zu knüpfen begannen, gab es gezielte Angriffe zunächst auf mein Umfeld, auf Freunde und Bekannte. Meine Bekanntheit als Journalistin hielt sie davon ab, mich persönlich anzugreifen. Eines Tages warnte mich eine Sozialarbeiterin: „Pass auf, die suchen mit Autos nach dir. Den Kennzeichen nach kommen die von weit her. Die meinen es ernst.“ Da hab’ ich die Koffer gepackt.

Haben Sie nur schlechte Erinnerungen an die Zeit dort?

Aber nein. Ich erinnere mich an Freundschaft und Liebe, an großartige Menschen, an Mut und herrliche Erlebnisse unter freiem Himmel, fernab von Großstadtlärm und -hektik.

Sie touren mit Ihrem Buch. Welche Erfahrungen haben Sie auf den verschiedenen Stationen gemacht?

Meine Tour-Erlebnisse und -Gespräche könnten schon wieder ein eigenes Buch füllen. Eine wichtige Erkenntnis ist: Viele Menschen haben Erfahrungen mit rechtsradikaler Gewalt, Diskriminierung, Rassismus und Homophobie. Ob in entlegeneren Provinzen, Großstädten, ob wir die neunziger Jahre betrachten oder die Situation heute. Die große Frage, die alle umtreibt, ist, wie es weitergehen soll. Es gibt ost- und westdeutsche Spezifika. Die radikaleren Einschnitte im Leben der Ostdeutschen während der vergangenen 30 Jahre verleihen den Debatten dort die größere Brisanz. Der Bedarf an Gesprächen, am Austausch von Erfahrungen, ist mitunter enorm. In Westdeutschland wissen die Menschen sehr wenig vom Osten. Es wird viel gestaunt.

Was wollen Sie den Jugendlichen und jungen Erwachsenen bei Ihrer Lesung in Weyhe mitgeben?

Ich möchte sie für Literatur begeistern, für das Lesen und Geschichten erzählen. Provinz ist überall. Die steckt in den Köpfen. Ein Buch ist immer auch das Tor zu einer anderen Welt. So kann man verreisen, ohne hinaus zu gehen, und dabei wird der Blick geschärft. Es lohnt sich nämlich, genau hinzusehen, aufeinander acht zu geben, und manchmal muss man mutig sein.

Die Fragen stellte Alexandra Penth.

Zur Person

Manja Präkels
1974 in Zehdenick geboren, erhielt für ihren Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ 2018 den Deutschen Jugendliteraturpreis sowie den Anna-Seghers-Preis.

Weitere Informationen

Aus ihrem aktuellen Jugendbuch „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“, erschienen im Verbrecher-Verlag, liest Manja Präkels am Donnerstag, 18. April, im Jugendhaus Trafo, Kirchweyher Straße 51. Karten gibt es im Vorfeld für drei Euro dort und in der Buchhandlung Schüttert am Marktplatz. An der Abendkasse kosten Tickets vier bis sechs Euro. Die Lesung ist für Zuhörer ab zwölf Jahren bestimmt, Einlass ist ab 18.30 Uhr. 


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Leserkommentare
darkstarbremen am 21.10.2019 19:36
Endlich ein richtiger Ansatz in der Ausbildung. Das ist sehr zu fördern. Und was wird mit den anderen Studiengängen in der Pflege in Bremen?
darkstarbremen am 21.10.2019 19:31
Inwiefern wurden denn die Gehälter der Pflege in Kliniken gedrückt? Der TVÖD Pflege in den Kliniken wurde nicht gesenkt. Das ist auch richtig so. Nur ...