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Stuhrer Exklave Kuhlen
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„Wir sind hier im Niemandsland“

Alexandra Penth 07.10.2019 0 Kommentare

Fühlt sich als Kuhlenerin oft etwas vergessen: Karin Hammann vor einer Lärmschutzwand zum Flughafengelände. 
Fühlt sich als Kuhlenerin oft etwas vergessen: Karin Hammann vor einer Lärmschutzwand zum Flughafengelände.  (Michael Braunschädel)

Stuhr. In Kuhlen geht nichts mehr. Seit 20 Jahren herrscht Stillstand, schlummert der oft vergessene Ortsteil Stuhrs seinen Dornröschenschlaf. Karin Hammann will das nicht mehr hinnehmen, will die Stuhrer Exklave vor den Toren Bremens, die durch den Bremer Flughafen zerklüftete Siedlung, wieder einmal in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Das tat sie früher oft. Die Kuhlenerin brachte sich in der Fluglärm-Kommission ein, kämpfte vor 20 Jahren dafür, dass die Norderländer Straße nur noch die Hälfte ihrer Schwellen besitzt. Jetzt ist sie 81 und ihr Zuhause wird immer mehr zur Sackgasse. Noch fährt Karin Hammann Auto, kauft ein und nimmt Arzttermine wahr. Was aber, wenn das nicht mehr geht? Sie nickt lange und wirkt nachdenklich bei der Frage. Busse fahren nicht durch Kuhlen, die nächste Straßenbahnhaltestelle „Grolland“ liegt an der Norderländer Straße. Ihre Haushaltshilfe, die noch gut zu Fuß sei, brauche gute 30 Minuten dorthin. Für die beim Gehen beeinträchtigte Karin Hammann ist das schlichtweg nicht machbar. Auf Stuhrer Seite ist die nächstgelegene Linie die 55, die auf der Stuhrer Landstraße fährt.

„Das ist eine schwierige Lage“, bestätigt Anja Behrmann, Bereichsleiterin Verkehrsangebot und Qualität beim Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen (VBN). Die alte Siedlung musste durch den Bau des Flughafens nahezu komplett weichen, weshalb es zwischen Kuhlen und Stuhr auch keine direkte Verbindung mehr gibt. Anja Behrmann verweist auf das von der Gemeinde Stuhr betriebene Anruf-Sammeltaxi, das auch in Kuhlen eine Haltestelle hat. Die liegt an der Schwäbisch-Hall-Straße, Ecke Ludwigsburger Weg. „Es soll eine Möglichkeit sein, um auch in abgelegeneren Orten von A nach B zu kommen“, erklärt Michaela Schierenbeck, Fachdienstleitung Verkehr und Feuerwehr im Stuhrer Rathaus. Auf Bestellung holt das Taxi seine Gäste von den Haltestellen ab, um sie zum Zielort zu bringen. Doch Anja Behrmann räumt ein: „Das ist nicht ideal für Menschen, die auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen sind.“ Die Routen der VBN-Busse legt der Zweckverband Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen (ZVBN) fest. Wobei es da heißt, dass für eine „ausreichende Bedienung“ zu sorgen ist. Das ist zugegebenermaßen schwammig formuliert, sagt Behrmann. „Da gibt es keine wirkliche Richtschnur.“ Die Faustregel aber laute: In erschlossenen Gebieten sollten Fahrgäste nicht mehr als zehn Minuten Fußweg bei normalem Tempo benötigen. Kuhlen, muss die VBN-Mitarbeiterin zugeben, sei allerdings so dünn besiedelt, dass sich die Situation wahrscheinlich nicht ändern wird. Zu den Menschen, die in Kuhlen leben, kann die Gemeinde Stuhr keine Angaben machen. „Die Zahlen werden Alt-Stuhr zugerechnet“, sagt Andreas Leder, Fachdienstleiter Bürgerbüro und Standesamt im Stuhrer Rathaus.

Viele, die genau wie die Hammanns vor 50 Jahren am Bremer Flughafen auf Stuhrer Gemeindegebiet bauten, sind inzwischen fort. „Ganz viele sind weggezogen, weil sie kein Auto mehr fahren können und keine Anbindung haben“, schildert Karin Hammann. Der Zeigefinger wandert umher, als sie durch die Siedlung geht, die vor ihrer Häuserreihe in einen Wendehammer mündet. „Da sind Neue eingezogen, dort auch“, sagt sie. Die Zugezogenen scheinen sich an der Situation wenig zu stören. Genau wie Karin Hammann vor 50 Jahren. „Ich habe mir keine Gedanken gemacht früher“, sagt sie. 

Wobei sie einst davon ausgegangen war, einmal von der Nähe zur Hansestadt profitieren zu können. Eben von deren Infrastruktur. Offenbar ein Fehler, denkt sie heute. Den Flughafen gab es schon, als die Eheleute Hammann das Grundstück kauften. Nur sei ihnen damals versichert worden, dass Bremen ein Regionalflughafen bleibt. Mehr als fünf Flugzeuge seien es früher nicht gewesen, die von Bremen abhoben. Ein Schauspiel, das Karin Hammann früher von der Terrasse aus bewunderte, wenn Besuch da war. Die Faszination von einst ist längst verflogen.

Lärmschutzwand inzwischen marode

Hinter Karin Hammanns Garten und der Bäke erhebt sich ein Wall. Dahinter ragt ein geflochtener und vollständig mit Grün bedeckter Zaun aus dem Boden. Er schirmt die Verlängerung der Startbahn des Bremer Flughafens von den Gärten ab. Seit 20 Jahren steht der Zaun da. „Das soll eine Lärmschutzwand sein“, sagt Karin Hammann fast schon empört. Die Trennwand ist marode, bei sonnigem Wetter könne sie fast hindurch gucken, sagt sie. Karin Hammann muss nur wenige Meter gehen, dann kommt sie auf einen Wall zu, unter dem die Grollander Ochtum entlang fließt. Einige Radfahrer sind auf dem asphaltierten Weg unterwegs. Das Flughafengelände ist auf diesem Teilstück mit einer Glaswand abgeschirmt. Karin Hammann schüttelt den Kopf über den Umstand, dass dort, wo keine Häusergärten angrenzen, offenbar mehr an den Lärmschutz gedacht worden ist. Die Kuhlenerin sagt, dass die Verlängerung der Startbahn bis zu ihrem Garten „relativ häufig“ ausgenutzt werde. Insbesondere wenn das Heck eines startenden Flugzeuges statt Richtung Flughafen zur Siedlung zeige, hätten die Kuhlener darunter zu leiden. Wenn der Wind dann auch noch ungünstig steht, zwingen der Geräuschpegel und der Kerosin-Geruch die Seniorin dazu, ihre Terrasse zu verlassen. 

Die Belastungen durch den Flughafen sind eine Sache. Karin Hammann hat sich damit weitestgehend arrangiert, so weit davon die Rede sein kann. Das Mobilitätsproblem aber bleibt. Michaela Schierenbeck von der Gemeinde hält es für unwahrscheinlich, zum Beispiel die in Heiligenrode fahrende Grönemeyer-Linie auf Kuhlen auszuweiten. Da spielten auch Kosten eine Rolle.

Warum nicht ein Bus durch Kuhlen fahren kann, erschließt sich Karin Hammann rein pragmatisch betrachtet nicht. „Die Siedlung ist doch ein Kreis. Das ist kein Thema für einen Bus“, sagt sie. Die Hauptstraße des Gebietes ist die Schwäbisch-Hall-Straße. Über die Reutlinger Straße könnte ein Fahrzeug eine Schlaufe fahren. Karin Hammann fehlt heute die Kraft, sich inständig für die Belange der Exklave einzusetzen. Viele Neu-Kuhlener zeigten zudem wenig Interesse. Karin Hammann resigniert: „Man gibt irgendwann auf, wenn man nicht weiterkommt.“


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Leserkommentare
Wesersteel am 23.10.2019 10:50
Klimanotstand...................sind den ALLE nur noch ganz viel Bluna ?
WESER-KURIER_Onlineredaktion am 23.10.2019 10:44
Danke für den Hinweis. Das Gelände wurde vor 14 Jahren erworben. Die Fläche ist elf Hektar groß. Wir haben das korrigiert.