Ortsgeschichte von Rekum und Farge

Im Kahnschifferhaus können Besucher wieder nach der Vergangenheit suchen

Zuletzt war das Kahnschifferhaus wegen Corona geschlossen. Inzwischen können Besucher jedoch wieder die Ortsgeschichte von Rekum und Farge erkunden.
02.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Ulrike Schumacher
Im Kahnschifferhaus können Besucher wieder nach der Vergangenheit suchen

Im Kahnschifferhaus sind mehrere Jahrhunderte Ortsgeschichte festgehalten.

Christian Kosak

Wo Farge draufsteht, ist auch Farge drin. Und das nicht zu knapp. Gleiches gilt für Rekum. Arend Wessels muss nur Schranktüren öffnen, um den Blick auf mehrere Jahrhunderte Ortsgeschichte freizugeben. Das heißt: Erst einmal sehen die Augen nichts als die Rücken der vielen Aktenordner, die sich dicht an dicht schmiegen und Regal über Regal füllen. Die fett gedruckten Buchstaben verraten: Hier dreht sich alles um Farge und Rekum.

Arend Wessels leitet das Archiv im alten Kahnschifferhaus in Rekum. In einem der hinteren Zimmer haben er und fünf andere Geschichtsversessene in akribischer Ordnung festgehalten, wie sich Farge und Rekum entwickelten und wuchsen. Davon zeugen allein rund 5000 Fotos.

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Dazu kommt eine Fülle an Schriftstücken, die inzwischen digitalisiert wurden. Die Leute wissen, dass sie hier nur ein bisschen graben müssen, um Antworten auf ihre Fragen zu bekommen, erzählt Arend Wessels. Die Kundschaft, wenn man sie so nennen darf, kommt mit den unterschiedlichsten Anliegen: „Das sind Leute, die ein Haus gekauft haben und nun wissen wollen, ob es zu diesem Haus Unterlagen gibt.“ Andere möchten Lücken in der Familienchronik füllen. „Meine Großmutter ist eine geborene Oltmann. Sie kommt aus Rekum. Wissen Sie was darüber?“, erinnert sich der Archiv-Leiter an die Frage eines Besuchers.

„Wer sich in Themen verbeißt“, sagt Arend Wessels, „ist hier richtig.“ Die Titel auf den Rücken der Aktenordner reichen von A wie Altenteilerverträge bis W wie Wohnen. Es gibt Unterlagen über Sitten und Bräuche, übers Jagdwesen, über Bürgerinitiativen und den Bunker Valentin. Der Archivleiter hat anhand der vielen Dokumente eine 76 Seiten lange Abhandlung über die Geschichte Farge-­Rekums geschrieben, die hier ebenso ihren Platz hat. Besonderer Hin­gucker ist zudem ein altes Anschreibe­buch aus dem Consum von 1867.

Arend Wessels findet in dem großen Archiv Unterlagen von alten Gebäuden.

Arend Wessels findet in dem großen Archiv Unterlagen von alten Gebäuden.

Foto: Christian Kosak

Regelmäßigen Archivabende vor Corona

Als Corona noch nicht in der Welt war, nutzte manch einer mit solchen Fragen zur Ortsvergangenheit gern die regelmäßigen Archivabende im alten Kahnschifferhaus. Dann kam die Pandemie und das Haus blieb geschlossen. Inzwischen sind Besuche aber wieder möglich. An jedem ersten und dritten Donnerstag im Monat ist das Archiv im Kahnschifferhaus an der Straße Unterm Berg 31 von 18 bis 20 Uhr geöffnet. Die gebotenen Abstands- und Hygieneregeln sowie Mund-Nasen-Bedeckung sind dabei Pflicht. Anmelden müssen Besucher sich nicht.

Ein Besuch bei der Rekumer Adresse Unterm Berg 31 ist dabei weitaus mehr als eine Recherche in Schriftstücken und anderen Hinterlassenschaften. „Wer ins Archiv möchte, muss ja durchs Haus gehen“, bemerkt Rosemarie Dietrich, die erste Vorsitzende des Heimatvereins Farge-Rekum, vielsagend. Sie und ihr Mann Bernhard Dietrich, zweiter Vorsitzender, sitzen zusammen mit Arend Wessels an der langen Tafel in der Diele und erzählen von dem alten Reetdachhaus, das dem Heimatverein Farge-Rekum und dem Rekumer Schifferverein im Jahr 1992 geschenkt wurde. „Das dazugehörige Grundstück haben beide Vereine je zur Hälfte erworben“, fügt Rosemarie Dietrich hinzu.

Bilder, Dokumente und Objekte aus mehreren Jahrhunderten Ortsgeschichte.

Bilder, Dokumente und Objekte aus mehreren Jahrhunderten Ortsgeschichte.

Foto: Christian Kosak

Mehr als fünf Jahre lang haben die neuen Eigentümer das im Jahr 1800 erbaute Zweiständerhaus, das sich malerisch an den Deich duckt, restauriert. „Es gab viele Sponsoren, und es haben sehr viele mit angepackt“, berichtet Rosemarie Dietrich.

Seither wird das Kahnschifferhaus von beiden Vereinen verwaltet und unterhalten. Es ist mit seinem roten Stein und den weißen Fenstern und Türen ein Schmuckstück. Sehr wahrscheinlich werden die Besucher schon vor dem Archiv mit ihren Augen hängenbleiben. An den vielen Dingen, die die Vergangenheit so unmittelbar an einen heranrücken lassen: die alte Schiffsglocke, die winzige Schlafbutze für den Kahnknecht, die Original-Fliesen aus der Farger Steingutfabrik Witteburg, die alten Stühle aus dem Farger Rathaus.

Unter der Decke hingen einst im Rauch die Würste

Vorbei am mächtigen Kachelofen, „der zwei Tage braucht, bis er mal Hitze abgibt“, dann aber nicht mehr aufhört zu bullern, geht es in die ­gedrungene Küche mit einer original erhaltenen gemauerten Feuerstelle. Unter der Decke hingen einst im Rauch die Würste. „Das Haus hat im Lauf der Jahre mehrere Umbauten ­erfahren“, wissen die Gastgeber. Nachdem die ersten Besitzer Kleinbauern waren, zogen 1867 selbst­ständige Kahnschiffer ein. „Mit kleineren Schiffstypen wie Weserkahn, Ever oder Tjalk sorgten Kahnschiffer für den Warentransport auf der ­Weser.“

Allein in der Straße Unterm Berg hätten im vorletzten Jahrhundert mindestens elf selbstständige Schiffer gewohnt. „Zur Erinnerung an diese Zeit haben wir dieses Haus Kahnschifferhaus genannt“, erklärt Bernhard Dietrich die Namensgebung und fügt hinzu: „Wir hoffen, dass dieses Haus, das ein Stück Orts-, Bauern-, Schiffer- und Baugeschichte verkörpert, auch den heranwachsenden Generationen eine Begegnungsstätte sein wird.“

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Die drei Heimatvereinsmitglieder schwärmen von dem munteren Miteinander, das sich hier regelmäßig entspinnt. Normalerweise. Seit Anfang März ist alles anders. Die Jahresplanung listet zwar noch all die geselligen Zusammenkünfte auf: Plattdeutsch und Handarbeit, Damenstammtisch und Klönschnack bei Kerzenschein, Lichtbildervortrag, Lesungen und Basare. Aber daran sei erstmal nicht zu denken.

Immerhin – das Archiv hat wieder geöffnet und Arend Wessels ein Ohr für die Fragen der Besucher. Wer nicht direkt vorbeischauen kann, schreibt eine E-Mail an info@­heimatverein-farge-rekum.de. „Wir hatten auch schon“, erzählt Bernhard Dietrich, „Anfragen aus Bayern.“

Info

Zur Sache

Anfahrt und Öffnungszeiten

Ab Bremer Hauptbahnhof geht es mit der Nordwestbahn bis zum Endbahnhof Farge. Dann 500 Meter die Farger Straße Richtung Rekum und links in die Straße „Unterm Berg“. Mit dem Auto erreicht man das Kahnschifferhaus von Bremen aus über die A 27 Richtung Bremerhaven, Abfahrt Bremen-Nord und auf die A 270 Richtung Blumenthal und Farge.

Die A 270 wird ab Blumenthal als B 74 weiter geführt und mündet in die Farger Straße. Der Straße folgen, über die Bahnschienen und nach dem Sportplatz links in die Straße „Unterm Berg“ einbiegen. Das Archiv im Kahnschifferhaus am Weserdeich im Bremer Norden (Unterm Berg 31) hat am ersten und dritten Donnerstag im Monat von 18 bis 20 Uhr geöffnet.

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