Hilfe für Risikogruppen

Einsatz für die Einkaufshelfer

Christian Gronau geht mehrmals die Woche im Auftrag einkaufen. Das hört sich einfacher an, als es ist. Wir haben ihn begleitet.
18.04.2020, 10:25
Lesedauer: 4 Min
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Von Patricia Friedek

Lilienthal. Christian Gronau zieht seine Gummihandschuhe an und den Mundschutz hoch. Seine Maske ist grün, passend zum gleichfarbigen T-Shirt. Ein Hoffnungsträger – einer, den man in diesen Tagen braucht. Er holt zwei Einkaufszettel im A4-Format aus seinem Jutebeutel. „Heute wird es ein bisschen komplizierter, ich muss für zwei Menschen gleichzeitig einkaufen“, sagt er. Beim letzten Mal habe er einige Produkte nicht bekommen.

Der Parkplatz vor dem Edeka-Markt in Lilienthals Mitte ist voll an diesem Vormittag. Sicherheitsleute stehen vor dem Supermarkt und verteilen die Einkaufswagen. Gronau wischt den Griff von seinem Wagen noch mal mit einem Tuch ab, nachdem ein Mitarbeiter ihn schon desinfiziert hat. Sicher ist sicher. Er wirft noch einen Blick auf die Liste, dann rollt der Wagen los.

Seit knapp drei Wochen bietet Christian Gronau ehrenamtlich eine Einkaufshilfe in Lilienthal an. Das Angebot gilt Menschen, die zur Risikogruppe des Coronavirus gehören. Das macht er nicht allein, sondern mit einem Team aus 25 Helfern. Jeden Tag gilt es, etwa vier bis fünf Einkäufe zu erledigen, insgesamt nehmen bislang rund 30 Menschen die Hilfe in Anspruch.

Gronau verteilt die Aufträge in einer Whatsapp-Gruppe an seine Kollegen, nachdem die „Kunden“, wie er sie nennt, ihm per Telefon oder E-Mail ihre Einkaufswünsche mitgeteilt haben. Dann entscheidet Gronau, für wen der Einkauf geeignet ist: Wenn Alkohol gewünscht ist, muss der Helfer mindestens 16 oder 18 sein. Auch bei der Größe des Einkaufs muss Gronau abwägen, ob er mit dem Fahrrad machbar ist, oder ob man ein Auto braucht. Einmal am Tag geht oder fährt Gronau meistens selbst los. „Es könnten deutlich mehr Aufträge sein„, meint er, “wir haben genug Helfer.“

Schokoladenkuvertüre, gemahlene Mandeln und Haselnüsse stehen auf der Liste, die Gronau nochmal begutachtet. Hannelore L., für die er an diesem Tag einkaufen geht, möchte offensichtlich backen. Also, auf zur Abteilung mit den Backutensilien. Als Gronaus Blick über das Regal wandert, bemerkt er eine erste Hürde: Es gibt keine gemahlenen Mandeln mehr. „In so einem Fall muss ich dann nach einem Alternativprodukt suchen“, erklärt Gronau. Also greift er zu ganzen Mandeln. Manche Angaben auf dem Einkaufszettel sind sehr genau, da steht sogar die Marke dabei. Wenn nicht, nimmt Gronau das Produkt in der mittleren Preisklasse.

Eine bestimmte Diät-Butter steht auf seinem Zettel. Nach einigen Minuten, die Gronau suchend zwischen den Kühlregalen verbracht hat, spricht er eine Verkäuferin an, die ihm sofort zu helfen weiß. „Oft muss ich mich plötzlich mit Dingen auseinandersetzen, die ich selbst noch nie für zu Hause gekauft habe“, erzählt Gronau.

Trauben, H-Milch, Käse

Die anderen Lebensmittel hat der Helfer mit ein paar Handgriffen zusammen: Weintrauben, H-Milch, Tiefkühlgemüse, Käse. Nur bei den Schoko-Tieren, da muss er die Kundin nochmal anrufen: „Die mit Glöckchen oder ohne?“ Das mache er öfter, wenn er sich unsicher sei, sagt Gronau.

Eine ältere Dame mit Gehhilfe steht vor dem Sortiment mit den Eiern. Sie hat Schwierigkeiten, an das obere Regal zu kommen und fragt Christian Gronau, ob er ihr helfen kann. Diese Gelegenheit nutzt der Helfer und fragt die Frau: „Haben Sie schon mal etwas von der Einkaufshilfe gehört?“ Sie gehe lieber selbst einkaufen, auch, wenn ihre Familie ihr immer wieder davon abrät, antwortet sie. Sie nimmt den Flyer zwar an, den Gronau ihr in die Hand drückt, scheint aber kein Interesse zu haben. „Das war noch freundlich“, sagt Gronau danach, er habe schon ganz andere Reaktionen erlebt. Menschen, die dann erbost seien, weil er sie als Risikogruppe bezeichnet. „Viele wissen nicht, was das wirklich bedeutet, wenn sie das Virus bekommen sollten“, sagt der Helfer. Dass sie danach im Zweifel nie wieder einkaufen gehen könnten. Wie schwierig es ist, die Abstandsregeln im Supermarkt einzuhalten, zeigt sich auch an diesem Vormittag. Immer wieder drängeln sich Kunden an Gronau vorbei, wenn er nach Produkten sucht. Eineinhalb Meter sind das bei Weitem nicht.

An der Kasse teilt Christian Gronau die Einkäufe mit einem Trenner und bezahlt sie einzeln. Knapp 15 Euro für den einen Einkauf, 95,95 für den anderen. Das Wechselgeld steckt er zusammen mit dem Kassenbon in einen Umschlag. Meistens lege Gronau das Geld aus und bekomme es dann später von den Kunden zurück, erklärt er. Manche würden es ihm schon vorher geben. „Viele wollen uns Trinkgeld geben. Soweit es geht, wollen wir das aber ablehnen. Wir arbeiten ehrenamtlich“, betont Gronau.

Fünf volle Tüten sind es am Ende des Einkaufs. Die müssen nun zu ihren Besitzern. An diesem Tag ist Christian Gronau mit dem Auto da, meistens fährt er mit dem Rad. Auf dem Rücksitz hat er ein paar Packungen Toilettenpapier gelagert: „Ein Supermarkt hat sich bereit erklärt, mit uns zusammen zu arbeiten und uns erlaubt, mehr Toilettenpapier zu kaufen.“ Es ist nicht die einzige Unterstützung, die Gronau bekommt. Der Soziale Runde Tisch in Lilienthal hat ihm geholfen, die Flyer zu drucken, die in Supermärkten und Briefkästen verteilt sind. Bürgermeister Kristian Tangermann hat Plastiktüten für die Einkaufshilfe organisiert. Und die Stadtwerke Osterholz wollen einen Dienstwagen zur Verfügung stellen.

Zwei Lieferstationen gilt es für Gronau abzufahren, beide sind nur ein paar Minuten vom Supermarkt entfernt. Gronau greift zum Telefon und wählt die Nummer der ersten Kundin. „Legen Sie mir 15 Euro vor die Tür, ich bin gleich da“, sagt er in den Hörer. Damit auch die Geldübergabe kontaktlos über die Bühne geht, sollen die Empfänger den Briefumschlag vor die Tür legen, Gronau stellt im Gegenzug die Einkäufe mit dem Wechselgeld hin.

„Man lernt zu improvisieren“

Die letzte Station ist bei Hannelore L.. Sie ist 73 und sieht noch sehr fit aus. Deshalb möchte sie ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen – die Leute könnten ja sagen, dass sie doch noch selbst einkaufen gehen könne, meint sie. Aber Hannelore L. hat eine schwere Lungenkrankheit. „Für mich kann das ganz böse enden. Mein Mann könnte zwar einkaufen gehen, aber das Risiko, dass er sich ansteckt und dann auch mich infiziert, ist zu groß“, sagt sie. Von der Einkaufshilfe habe sie durch einen Flyer in ihrem Briefkasten erfahren. „Wir sind sehr glücklich, dass es sowas gibt“, sagt sie. Dass es die gemahlenen Mandeln nicht gab, findet Hannelore L. überhaupt nicht schlimm. „Man lernt zu improvisieren. Und man muss nicht immer alles da haben.“

Nach etwa eineinhalb Stunden ist Christian Gronau fertig mit der Einkaufshilfe. Ob das nicht anstrengend ist, wenn man das mehrmals die Woche macht? „Mir bereitet es viel Spaß“, sagt Gronau dazu. Und kaum sitzt er im Auto, klingelt sein Telefon: Der nächste Auftrag steht bevor.

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