Wassermühle in Scheeßel

Revolution von unten

In Scheeßel steht eine Mühle, die helfen soll, den Strommarkt zu verändern. Der Strom, den sie erzeugt, wird auf einer Online-Plattform angeboten. Von Privatperson zu Privatperson, ohne Großkonzern dazwischen.
21.01.2019, 15:07
Lesedauer: 5 Min
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Revolution von unten
Von Nico Schnurr
Revolution von unten

Jan Müller-Scheeßel produziert mit seiner Mühle Strom, den er auf der Plattform Enyway anbietet. Von Privatperson zu Privatperson, ohne Großkonzern dazwischen.

Fotos: Christian Platz

Als er in den dunklen Schacht der Mühle steigt, die Eisenleiter hinab, ahnt Jan Müller-Scheeßel nicht, irgendwann einmal den Strommarkt verändern zu können. Ein Dezembertag, die Wümme drückt gegen die Holzschotten der Mühle, und im Turbinenraum, wo modrige Luft unter der Decke hängt, kriecht Müller-Scheeßel über feuchten Boden. Ihm ist unwohl bei der Sache.

Der Landwirt war eine Weile weg aus Scheeßel, Studium, Arbeit, die Mühle kennt er noch aus seiner Kindheit. Sie gehört seiner Familie schon ewig. Inzwischen ruht die Mühle, drei Jahre schon, lange ist keiner unten gewesen. Und nun Müller-Scheeßel, durch den Schacht, in den Keller. Er will sehen, ob sich da noch etwas machen lässt. Sieht gut aus. Ein paar Handgriffe im Halbdunkel genügen, die Wassermühle funktioniert. Die alte Anlage am Südufer der Wümme wird nun aber kein Mehl mehr mahlen. Sie soll Strom erzeugen.

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Das macht die Mühle, 15 Jahre lang, Strom zum Fixpreis ins Versorgungsnetz. Dann bekommt Müller-Scheeßel einen Anruf, der Mitarbeiter eines Hamburger Start-ups ist dran. Ob er helfen will, die Energiewende voranzubringen, ein neues Level, Revolution von unten, aus dem Mühlenkeller? Er will.

Seit Mitte vergangenen Jahres bietet Müller-Scheeßel seinen Strom nun über ein Internetportal an, das sich selbst „Airbnb für Strom“ nennt. Die Mühle hat er damals im Dezember 2002 repariert, um eine Familientradition zu wahren. Jetzt soll sie helfen, den deutschen Strommarkt umzukrempeln.

Strom, instagramtauglich inszeniert

Unten, im Keller der Scheeßeler Mühle, stehen zwei alte Generatoren. Immer wenn die Wümme das Rad der Mühle dreht, bewegen sie sich mit. So entsteht Strom, 100 000 Kilowattstunden im Jahr. Müller-Scheeßel versorgt damit 61 Kunden, das absolute Limit. Ausverkauft, heißt es auf der Homepage von Enyway, dem Portal, auf dem er seinen Strom anbietet. Das Prinzip der Plattform: Strom von Privatperson zu Privatperson, ohne Großkonzerne wie RWE oder Vattenfall dazwischen. Die Verbraucher suchen sich ihren Versorger einfach selbst aus.

Für die privaten Anbieter kommt das gerade richtig. Bislang konnten sie ihren Strom ins Netz speisen und bekamen dafür vom Betreiber einen Festpreis bezahlt. Nach 20 Jahren ist damit bald Schluss, die sogenannte Einspeisevergütung läuft schrittweise aus. Besitzer kleiner Ökoanlagen müssen ihren Strom dann anders verkaufen.

Bei Enyway sollen die Kunden entscheiden. Zwischen Strom aus Windkraft vom Deich auf Norderney, Solarenergie vom Dach einer Schule bei Bonn oder der Wasserkraft der Wümme. Als Entscheidungshilfe dienen kurze Texte. Man erfährt, wer die Betreiber sind, warum sie Solarzellen auf dem Haus oder Windräder auf der Wiese dahinter haben, und was sie mit dem Geld, das sie für ihren Strom bekommen, machen wollen. Dazu gibt es Hochglanz-Videos, Drohnenflüge und Pianobegleitung inklusive. Bei Enyway inszenieren sie Strom instagramtauglich.

Die Mühle, Ursprung von Scheeßel

Muss sein, sagt Müller-Scheeßel, anders geht es nicht. Das Problem ist ja: Lampen leuchten immer gleich hell. Egal ob der Strom nun aus dem Kohlekraftwerk eines Großkonzerns oder aus Müller-Scheeßels Mühle kommt. „Wir müssen den Leuten irgendwie vermitteln, warum es trotzdem einen Unterschied macht, für welchen Strom sie sich entscheiden“, sagt Müller-Scheeßel. „Am besten geht das über persönliche Geschichten.“

In Müller-Scheeßels Haus, gleich neben der Mühle, ist die Geschichte seiner Familie verewigt. Als wäre das Esszimmer ein Theater hat ein Künstler den Stammbaum der Familie und eine kurze Chronik ihres Heimatortes wie ein Bühnenbild an die Wände gemalt.

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An einer Wand sieht man, was Jan Müller-Scheeßels Nachname bereits vermuten lässt: Schon seine Vorfahren arbeiteten ab 1517 in der Gegend als Müller. Lange waren die Mühlen der Familie die wichtigsten Kraftwerke der Region. Mit der Zeit siedelten ringsum immer mehr Betriebe, das heutige Scheeßel entstand. Ein halbes Jahrtausend später ist die Mühle wieder etwas Besonderes, in Niedersachsen gibt es nicht mehr viele ihrer Art.

Auch Müller-Scheeßel kämpft gegen den Verfall. Er will die Mühle erhalten, aber das kostet nicht nur beinahe seine gesamte Freizeit, sondern auch ziemlich viel Geld. Seitdem er im Winter 2002 erstmals den Schacht hinunter in den Keller kroch, hat er mehr als eine halbe Million Euro in die Mühle investiert. Er bekommt EU-Gelder, das Landesamt für Denkmalpflege hilft, es gibt einen Förderverein. Und trotzdem fließt jeder Euro, den er mit seinem Strom verdient, in die alte Anlage.

Statussymbol: Strom

„In der Mühle steckt richtig viel Arbeit, das hat mich begeistert“, sagt Niklas Mull. „Manche prahlen mit ihrem dicken Wagen. Und ich gebe jetzt eben damit an, dass mein Strom aus der Wümme kommt.“ Mull, 28 Jahre alt, lebt in Rotenburg. Seit einer Weile bezieht er seinen Strom aus der Gegend, er ist Kunde bei Müller-Scheeßel. Mull zahlt jetzt mehr als vorher bei den Stadtwerken. Er denkt sich: Na und? „Das Bio-Steak vom Schlachter ist doch auch teurer als das Billigfleisch.“

Mull ist Berufssoldat und pendelt. Er arbeitet in Erfurt, die Wochenenden verbringt er in Rotenburg. Viele Stunden im Auto, das will er irgendwie ausgleichen. Weniger Fleisch, die Eier direkt vom Bauernhof, im Haus ein Heizofen, den er auch zum Kochen nutzt. Und jetzt auch noch Ökostrom aus Scheeßel. Als er davon bei einer Familienfeier berichtet, schauen ihn die Verwandten sparsam an.

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„Die haben gedacht: Strom aus der Wümme, wovon redet der Junge da?“ Mull hat ihnen dann versucht zu erklären, warum sich das lohnt. Nicht alle haben es verstanden, glaubt er. Stört ihn nicht, Mull macht das für sich. „Das ist eine Gewissensfrage“, sagt er. „Es geht ums gute Gefühl zu wissen, dass der Strom aus der Region ist, von jemandem, den ich in seiner Mühle besuchen kann.“

Die Mühle als Museum

Wenn Jan Müller-Scheeßel mit seinen Kunden durch die Mühle streift, über den knarzenden Dielenboden, durch die schattigen Räume, muss man sich das wie eine Museumsführung vorstellen. Mühlsteine, Walzenstühle, Maschinen, fast so alt wie die Mühle selbst, dazu die passenden Geschichten aus der Familienchronik.

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Müller-Scheeßel restauriert die alte Technik, irgendwann will er sein eigenes Mehl mahlen. Ökostrom, verkauft von einer Person an die andere, das wird ein Nischenthema bleiben, glaubt er. Nicht weiter schlimm. Müller-Scheeßel sagt: „Die Großkonzerne zu stürzen, das ist nicht mein Kampf, darum sollen sich andere kümmern.“

Zum Beispiel Varena Junge, Enyway-Gründerin. Ihr Plan: „Strommarkt auf den Kopf stellen, Macht verschieben: von Großkonzernen hin zu privaten Erzeugern.“ Junge ist Realistin genug, um zu wissen: Ihr Start-up ist davon noch ein ganzes Stück entfernt. Noch fehlt es an einer breiten Masse von Kunden. „Es ist eine ziemliche Herausforderung, Strom sexy zu machen“, sagt Junge. Viele hätten immer noch Vorbehalte gegenüber Ökostrom. „Manche Leute denken wirklich, sie könnten plötzlich im Dunkeln sitzen.“

Angst vor dem Blackout

Als die Dürre im Sommer dafür sorgt, dass die Wümme nur noch ein besseres Bächlein ist, kann die Mühle nicht arbeiten. Wochenlang schaut Müller-Scheeßel auf den Zähler, immer steht da: Null Kilowattstunden. Kein Strom, nichts. Zuhause bei seinen Kunden brennt trotzdem Licht. Ohne das zu merken, beziehen sie ihren Ökostrom in dieser Zeit aus Norwegen. Müller-Scheeßel hat vorgesorgt.

Trotzdem glaubt er, dass die Angst vor einem Blackout einige Kunden abschreckt. Macht nichts. Er ist ja ausverkauft. Bald renoviert er das Sägewerk neben der Mühle, ein Café soll eröffnen. Mehr Geld für die Restaurationsarbeiten kann nicht schaden. Hauptsache, er kann die Mühle erhalten. Muss ja nicht immer alles gleich eine Revolution sein.

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