Kuriose Studien auch am eigenen Leib

Die Anfänge des Robert Koch: Selbstversuche mit Butter und Spargel

Die Karriere des Bakteriologen Robert Koch begann im 19. Jahrhundert in Göttingen. In einem seiner kuriosen Experimente verleibte er sich mehrere Kilo Butter ein.
13.05.2020, 20:06
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Von Heidi Niemann
Die Anfänge des Robert Koch: Selbstversuche mit Butter und Spargel
Brent Hofacker/123RF

Kaum eine Forschungseinrichtung steht derzeit so im Fokus wie das Robert-­Koch-Institut in Berlin. Das Institut ist die für Infektionskrankheiten zuständige Bundesoberbehörde und informiert kontinuierlich über den neuesten Stand der Corona-Pandemie. Benannt ist es nach einem Pionier der modernen Medizin: Robert Koch (1843-1910) hat mit seinen Forschungen den Grundstein dafür gelegt, dass Krankheiten, die im 19. Jahrhundert für Hunderttausende Menschen den sicheren Tod bedeuteten, wirksam bekämpft und behandelt werden können. 1905 erhielt er für die Entdeckung des Tuberkulose-Erregers den Nobelpreis für Medizin. Weniger bekannt ist, dass der Begründer der Bakteriologie, Mikrobiologie und Hygiene seine ersten Studien in Göttingen gemacht hat – teilweise am eigenen Leib.

Robert Koch stammte aus einer Bergmannsfamilie in Clausthal im Harz, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte und auch sein Abitur ablegte. Im Sommersemester 1862 zog er dann zum Studieren ins heimatnahe Göttingen. Wie damals üblich, trug sich Koch zu Beginn seines Studiums am 23. April 1862 in das Matrikelbuch der Georg-August-Universität ein. Dieses wird heute im Universitätsarchiv verwahrt.

Der Weg zum Bakteriologen

Aus dem Eintrag geht hervor, dass Koch sich zunächst für Naturwissenschaften eingeschrieben hatte. Schon bald wechselte er jedoch zur Medizin. Dort hörte er unter anderem Vorlesungen bei dem Physiologen Professor Georg Meissner und dem Anatomen und Pathologen Jacob Henle. Beide waren bedeutende Forscherpersönlichkeiten, nach Henle ist eine hohe Auszeichnung benannt: Die Medizinische Fakultät der Universität Göttingen vergibt seit 1988 die Jacob-Henle-Medaille für „herausragende, medizinisch relevante wissenschaftliche Leistungen“. Robert Koch hat noch als Student eine Auszeichnung der Medizinischen Fakultät erhalten. Die Fakultät hatte im Juni 1864 eine Preisaufgabe gestellt. Diese lautete wie folgt: „Durch eine genügende Reihe von Untersuchungen festzustellen, ob und in welcher Verbreitung die Nerven des Uterus Ganglien enthalten.“ Koch nahm sich dieses Themas an und untersuchte dafür diverse Präparate von verschiedenen Tieren, unter anderem von Maulwurf, Kaninchen und Kuh. Seine Arbeit wurde als „gekrönte Preisschrift“ mit dem Titel „Ueber das Vorkommen von Ganglienzellen an den Nerven des Uterus “ 1865 veröffentlicht. Da die Studie seiner Promotionsakte beigefügt ist, wurde sie vermutlich auch als Dissertation behandelt. In dieser Akte befindet sich auch ein dreiseitiger Lebenslauf des Mediziners.

Dem Fakultätsprotokollbuch der Medizinischen Fakultät („Acta Facultatis Medicae“) ist zu entnehmen, das Koch seinen Doktorgrad am 18. Januar 1866 erlangte. Auch dieses Dokument befindet sich im Universitätsarchiv, ebenso die Promotionsurkunde. Koch hat während seiner Göttinger Zeit noch eine weitere Forschungsarbeit verfasst, die in einer Fachzeitschrift veröffentlicht wurde. Diese Studie unter dem Titel „Über das Entstehen der Bernsteinsäure im menschlichen Organismus“ hatte Kochs Angaben zufolge sein Lehrer Professor Meissner veranlasst. Koch sollte prüfen, „ob die beim Hund und beim Kaninchen gemachten Erfahrungen“ über die Bildung von Bernsteinsäure im tierischen Organismus sich auf den Menschen übertragen lassen.

Testobjekt war dabei Koch selbst: Anders als in seiner Studie über die Ganglienzellen untersuchte er diesmal keine Tierpräparate, sondern seinen eigenen Harn. Dabei ging er der Frage nach, ob sich nach Einnahme bestimmter Stoffe Bernsteinsäure bildete.

Bei einem dieser Selbstversuche verleibte er sich mehrere Kilo Butter ein: „Es wurde 5 Tage lang nachmittags ein halbes Pfund Butter mit etwas Brot genossen, während sonst die gewöhnlichen Nahrungsmittel eingenommen wurden“, heißt es in seiner Arbeit. Es sei dann jeweils „nur der über Nacht gebildete, am Morgen entleerte Harn“ untersucht worden. Das Ergebnis dieser fünftägigen „Fett-Diät“, wie er das Selbstexperiment nannte, beschrieb er so: „Vor Beginn der reichlichen Fettzufuhr enthielt der Harn keine Bernsteinsäure; an den beiden folgenden Tagen, also nach zweimaliger Einfuhr der genannten größeren Fettmenge, fand sich auch noch kein bernsteinsaures Salz im Harn. Am dritten Tage und von da an zunehmend zeigte der, wie oben angegeben, hergestellte Alkoholniederschlag die vorher genannte charakteristische Beschaffenheit, und es fand sich im Harn der dritten Nacht wenig bernsteinsaures Alkali, mehr im Harn der vierten Nacht und eine bedeutende Menge in dem der fünften Nacht.“ Vermutlich, so Koch, hätte sich die Menge der Bernsteinsäure im Harn noch erhöht, wenn er den Versuch noch länger fortgesetzt hätte. Eine weitere starke Fettzufuhr sei aber „wegen sich einstellender Verdauungsstörungen nicht wohl ausführbar“ gewesen. Eines lasse sich indes schon feststellen: „Daß erst nach Einverleibung eines gewissen Fettüberschusses die Bernsteinsäure im Harn erschien, stimmt mit den am Hunde gemachten Erfahrungen überein.“

Forschung mit dem eigenen Harn

Koch hat dann zur Erforschung der Bernsteinsäure-Bildung noch andere „Spezial-Diäten“ gemacht: „Nachdem mittags ein Pfund Spargel gegessen war, erschien am Abend des folgenden Tages bernsteinsaures Alkali in reichlicher Menge; in dem über Nacht gebildeten Harn fand sich eine noch größere Menge. In der folgenden Harnportion fehlte die Bernsteinsäure ebenso, wie sie vor dem Spargelgenuß und in dem in den ersten 24 Stunden nach dem Genuß desselben entleerten Harn gefehlt hatte. In einem zweiten Versuch fand sich gleichfalls etwa 36 Stunden nach dem Spargelgenuß reichlich Bernsteinsäure im Harn; die Dauer des Vorkommens konnte diesmal nicht bestimmt werden.“

Wirklich bahnbrechend war diese Studie nicht, wohl aber die Forschungen, die Koch ab 1872 als Kreisphysikus in Wollstein (Provinz Posen) anstellte. Koch wies nach, dass Milzbrand von einem einzigen Erreger ausgelöst wird, und erklärte so die bis dahin unverstandene Infektionskette und die hohe Widerstandsfähigkeit des Bakteriums gegenüber Umweltfaktoren. Weltruhm errang Koch mit einer anderen Entdeckung, die er 1882 in einem Vortrag in Berlin vorstellte: Koch hatte den Erreger der Tuberkulose entdeckt – dies war ein Meilenstein der Medizingeschichte.

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