Neue Düngeregeln

Rote Karte für Landwirte

Landwirte sind wegen der strengeren Düngemittelregeln in Sorge. Verbandsvertreter kritisieren das Messverfahren.
14.09.2019, 11:39
Lesedauer: 4 Min
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Von Irene Niehaus
Rote Karte für Landwirte

Ein Landwirt verteilt auf einem Feld. Künftig sollen strengere Düngeregeln gelten.

Philipp Schulze

Landkreise Rotenburg/Osterholz. Für die einen ist Gülle die Pest des Ackerbaus, für die anderen ein willkommener Wertstoff, der die Böden nach der Winterpause fit macht für das neue Agrarjahr. Auf vielen Äckern kann der Boden aber nicht so viel Gülle aufnehmen, wie vom Nutzer versprüht wird. Dadurch bekommen die Felder zu viel Nitrat, und das landet wiederum im Grundwasser. Für den Menschen wird es gefährlich, wenn sich Nitrat zu Nitrit wandelt. Nitrit behindert den Sauerstofftransport im Blut und steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Deshalb müssen sich Landwirte auch in den Kreisen Rotenburg und Osterholz erneut auf schärfere Düngeregeln einstellen. Damit soll die seit Jahren schlechte Wasserqualität verbessert werden.

Die niedersächsische Landesregierung hatte am Dienstag eine Karte der sogenannten roten Gebiete vorgelegt. Dabei handelt es sich um Bereiche, in denen ermittelt wurde, dass der Nitratgehalt des Grundwassers oberhalb von 50 Milligramm pro Liter liegt. Viele Flächen im Kreis Osterholz und nahezu der komplette Kreis Rotenburg gehören zu den roten Gebieten. Dem Entwurf zufolge sind Lilienthal, Worpswede und Grasberg sowie das ganze Teufelsmoor nicht als nitratsensibel eingestuft worden. Das Problem ist vor allem in Geestgebieten groß, wo sich auf sandigen Böden Intensiv-Tierhaltung und Biogasanlagen ballen. Neben Gebieten mit hoher Nitratbelastung sind auch solche mit zu viel Phosphat ausgewiesen. Außerdem führt Niedersachsen eine elektronische Nährstoffmeldung zum Erfassen ausgefahrenen Düngers ein.

Bauern wehren sich

Seitens der Landwirte kommt die rote Karte gar nicht gut an: So kritisiert der Landvolk-Kreisverband Rotenburg-Verden, dass sich die Landesregierung bei der Festlegung der roten Gebiete teilweise auf nicht repräsentativ verteilte Messstellen berufe und pauschal große Flächen miteinbeziehe. „Daher sehen wir hier klaren Korrekturbedarf“, betont der Vorsitzende Jörn Ehlers. Seine Organisation will nun alle Messstellen von einem Gutachter untersuchen lassen. Auch Christoph Otten, Landwirt in Hepstedt und Mitglied im Vorstand des Kreisbauernverbands Zeven, plädiert dafür, die Werte zu hinterfragen. Weil nur an wenigen Standorten gemessen werde, führe dies zu falschen Rückschlüssen. Der Osterholzer Landvolk-Vorsitzende Stephan Warnken mahnt ein europaweit einheitliches System der Probennahme an Messstellen an.

Kreisbauernverbandsvertreter Christoph Otten sagt allerdings auch, dass den Landwirten grundsätzlich bewusst sei, dass gehandelt werden müsse. „Kein Landwirt will das Grundwasser belasten“, so der Hepstedter Milchviehhalter. Auch Jörn Ehlers vom Landvolk-Kreisverband Rotenburg-Verden unterstreicht, dass Wasserschutz für Landwirte eine wichtige Aufgabe sei. „Daher werden wir an den Standorten mit zu hohen Nitratwerten Maßnahmen ergreifen müssen.“

Mit den neuen Anforderungen gingen jedoch erhebliche Belastungen einher, so Ehlers. So soll Dünger unter anderem in kürzerer Zeit eingearbeitet und Wirtschaftsdünger auf Nährstoffe hin untersucht werden. Außerdem sollen Landwirte ihre Lagerkapazität für Gülle erhöhen, so Ehlers. „Trotzdem wissen wir als Branche sehr zu schätzen, dass das Landwirtschaftsministerium bei den geforderten Maßnahmen Augenmaß hat walten lassen, entgegen dem, was uns noch zusätzlich aus Berlin angekündigt wurde.“

Sorgen bereiten den Landwirten nämlich auch weitere Verschärfungen, über die der Bund mit der EU-Kommission verhandelt – und die ab Anfang 2020 drohen. Die Landwirte seien verunsichert, so Ehlers. Einige Vorschläge seien kontraproduktiv. Dazu zählten die vom Bund geplante Senkung der Düngung um 20 Prozent und das Verbot einer Düngung von Zwischenfrüchten, die für den Wasser- und Bodenschutz angebaut werden.

Grüne: Es gibt zu viel Vieh

Welche konkreten Auswirkungen die schärferen Düngeregeln auf seinen Betrieb haben, vermag Hermann Cordes, Bauer aus Wilstedt und einer der drei Geschäftsführer der Nawaro Biogas WBO GmbH & Co. KG, noch nicht abzuschätzen. Angesichts der Vorgaben, die auf die Bauern zukommen, ist er allerdings alarmiert. Er befürchtet, dass die Verschärfung der Düngeregeln den Strukturwandel enorm beschleunigen wird, sodass „Landwirte ihre Höfe aufgeben, weil sie die Auflagen nicht erfüllen können.“ Die Sorge teilt der Osterholzer Landvolk-Vorsitzende Stephan Warnken: „Kleinere und mittlere Betriebe werden wegen der Ertragseinbußen aufgeben müssen.“ Die Investition in hochspezialisierte Ausbringtechnik sei für die meisten landwirtschaftlichen Betriebe ökonomisch nicht machbar. Außerdem sei professionelles Güllemanagement zeitlich kaum zu schaffen, da die wenigsten Landwirte über eine entsprechende Personaldecke verfügten, so Warnken.

Die Grünen-Landtagsabgeordnete Eva Viehoff aus Loxstedt, die für ihre Fraktion unter anderem die Kreise Osterholz und Rotenburg betreut, kritisiert die Maßnahmen der Landesregierung zur Nitratreduktion im Grundwasser: „Anstatt zielgerichtet Daten zu nutzen, um Problembetriebe mit zu vielen Tieren und zu wenig Fläche zu identifizieren, treffen die Sanktionen auch Landwirte und Landwirtinnen, die eine flächengebundene Tierhaltung praktizieren, wie Weidehalter und ökologisch wirtschaftende Betriebe.“ Die wahre Ursache für die hohen Nitratwerte im Grundwasser wird nach den Landesgrünen erst gar nicht angepackt: „Wir haben viel zu viel Vieh in Niedersachsen. Das Verhältnis zwischen Tier und Fläche stimmt einfach nicht“, so Viehoff.

In Niedersachsen ist das Wasser seit Jahren auf 60 Prozent der Fläche von schlechter Qualität. Die Überdüngung durch die Massentierhaltung gilt als Hauptgrund. Etwa drei Viertel der Höfe halten Tiere. Dem jüngsten Düngebericht zufolge haben die Bauern trotz neuer Auflagen allerdings auch von Juli 2017 bis Juni 2018 zu viel Gülle und Kunstdünger auf ihre Äcker gekippt.

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Zur Sache

Zur Sache

Die Landwirte in weiten Teile der Landkreise Rotenburg und Osterholz müssen in Zukunft Gülle und Gärreste aus Biogasanlagen genau analysieren lassen, bevor sie zur Düngung eingesetzt werden. Außerdem muss Dünger künftig schneller in die Böden eingearbeitet werden. Darüber hinaus sollen die Landwirte die Lagerkapazität für flüssige Wirtschaftsdünger und Gärreste von sechs auf sieben Monate ausweiten. Diese Maßnahmen erfordern Investitionen. Deutschland drohen Strafzahlungen an die EU, sollte die gesetzlichen Maßnahmen zur Reduktion von Nitrat im Grundwasser nicht wirksamer ausgestaltet werden.

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