Vor 70 Jahren entdeckte Günter Radloff das Spiel der Könige für sich / Heute bringt er Schülern die Regeln bei

Schach spielen bis der Ofen kalt war

Osterholz-Scharmbeck. Es war in den ersten Monaten des Zweiten Weltkrieges. Auf Osterholz-Scharmbeck waren vier Bomben gefallen. Da schickte der Vater den siebenjährigen Günter Radloff und dessen Mutter zu Verwandten aufs Land nach Groß Häuslingen. "Zur Sicherheit", erinnert sich Günter Radloff. Ein dreiviertel Jahr blieb er dort, wohnte bei den Großeltern, ging zur Schule und beobachtete seine wenig ältere Tante und deren Bruder beim Schach. "Das Spiel hat mich fasziniert", erzählt er.
21.12.2010, 05:00
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Schach spielen bis der Ofen kalt war
Von Brigitte Lange

Osterholz-Scharmbeck. Es war in den ersten Monaten des Zweiten Weltkrieges. Auf Osterholz-Scharmbeck waren vier Bomben gefallen. Da schickte der Vater den siebenjährigen Günter Radloff und dessen Mutter zu Verwandten aufs Land nach Groß Häuslingen. "Zur Sicherheit", erinnert sich Günter Radloff. Ein dreiviertel Jahr blieb er dort, wohnte bei den Großeltern, ging zur Schule und beobachtete seine wenig ältere Tante und deren Bruder beim Schach. "Das Spiel hat mich fasziniert", erzählt er.

In 70 Jahren hat diese Faszination nichts an Kraft verloren. "Schach steht für mich über allem", erklärt Radloff. Diese Begeisterung will er nun bei anderen wecken. Seit 2004 bringt er Schülern die Grundzüge des Spiels bei. Eine Idee, die auf Hartmut Hesse, den Vorsitzenden der "Schachfreunde Osterholz-Scharmbeck", zurückgeht. Er bot die erste Schach-AG an der Grundschule in Pennigbüttel an und holte sich seinen Vereinskollegen Radloff zur Unterstützung. Inzwischen sind die beiden an die Grundschule Buschhausen gewechselt, erklären dort freitags von 12.45 bis 13.30 Uhr den Schülern die Bedeutung der Figuren und zeigen ihnen, auf welche Weise sie ein Schachspiel eröffnen können und alle Figuren ins Spiel bringen. "So eine Schulstunde ist gar nichts", sagt Radloff. An der Realschule in Osterholz-Scharmbeck hat er daher gleich mehr Zeit eingeplant. "Seit dem Sommer bin ich dienstags von 13.15 bis 14.45 Uhr dort und bringe den Schülern das Spiel bei", so der Kreisstädter.

Es waren schwierige Zeiten, in denen Günter Radloff das Spiel der Könige lernte. Nicht lange nachdem er nach Groß Häuslingen gekommen war, wurde sein zehn Jahre älterer Onkel an die Front geschickt. Von da an saß er seiner Tante beim Schach gegenüber, schob Figuren, deren Farbe sich bei der kleinsten Berührung mit Wasser ablöste, über ein einfaches Feld. Das Kriegsende erlebte er in Osterholz-Scharmbeck. "Damals suchten meine Freunde und ich uns einen älteren Mann, der uns Schach richtig beibrachte", erinnert sich Radloff - und muss bei diesen Worten an seine Schach-AGs denken. Heute, so meint er, sei er wohl dieser ältere Mann.

Das Jahr 1947 brachte Veränderungen: Günter Radloff wurde Mitglied im damaligen Schachklub von Osterholz-Scharmbeck. Einem Verein, der 1909 gegründet und nach dem Krieg im Angebot der Volkshochschule zu finden war. Ein Jahr später spielte der 14-Jährige sein erstes Turnier. Acht Osterholz-Scharmbecker gegen acht Lilienthaler. Radloff verlor und kämpfte mit den Tränen. "Ich weiß noch, wie mein Gegner sagte, ,nun weine man nicht?."

Die Zeiten der Niederlagen währten nicht lange. Bereits 1951/52 sicherte er sich den zweiten Platz bei den Vereinsmeisterschaften. In der nächsten Saison erspielte er sich den ersten Platz. "Ich war jahrelang der Primus", erzählt Radloff. Ein anderer Schachspieler habe mal zu ihm gesagt "wenn auch keiner von uns siegt, du gewinnst". "Das hat mich angespornt." Den richtigen Trainingspartner fand er unter dem eigenen Dach. "Mein Vater kehrte 1948 aus Russland zurück und konnte Schach spielen." Von da an hätten sie die Vereinsmeisterschaften (sein Vater war im Schachklub) am eigenen Küchentisch ausgetragen. "Bis spät in die Nacht haben wir über den Zügen gegrübelt und darüber ganz vergessen, im Ofen Holz nachzulegen." Erst die Kälte, die sich im Zimmer ausbreitete, riss die Männer in den frühen Morgenstunden aus ihrer Konzentration.

Wenn es überhaupt noch möglich war, so nahm Günter Radloffs Begeisterung für das Spiel der Könige in den folgenden Jahren zu. Kurzfristig wurde sie von seiner Leidenschaft für den Fußball an die Wand gespielt. Wetterbedingte Platzsperrungen und Spielausfälle bewirkten aber ein erneutes Umdenken und ein Abend unter der Woche sowie der Sonntag gehörten fortan dem Schach. Daran änderte sich nichts, als er seine spätere Ehefrau kennenlernte und eine Familie gründete. "Sonntags wird eben immer Turnier gespielt - auch heute noch", so Radloff. Dass er da nicht alles mitten in einer Partie stehen und liegen lassen könne, um pünktlich um 13 Uhr zum Mittagessen daheim zu sein, das habe seine inzwischen verstorbene Frau nur schwer akzeptieren können. Radloff: "Sie meinte immer, ich müsse doch etwas essen."

Bis 1972 spielte Günter Radloff in Osterholz-Scharmbeck. Aber die Mitgliederzahl schrumpfte. Irgendwann waren sie nur zu sechst, traten zu jedem Mannschaftsturnier mit zwei Spielern zu wenig an und kassierten bereits dafür zwei Strafpunkte. "Dagegen konnten wir gar nicht anspielen", bedauert der 77-Jährige. Der Klub wurde aufgelöst. Radloff und drei Schachfreunde traten daraufhin dem Schwaneweder Verein bei. Zehn Jahre und eine Ölkrise später gehörte er dem näher gelegenen Schachklub in Ritterhude an. Irgendwann waren er und seine Bekannten es leid, als umsatzschwache Gäste ihre Turniere immer wieder vor den Toilettenräumen der Gastwirtschaften austragen zu müssen. Schließlich nahmen sie das Angebot an, auf Gut Sandbeck als "Schachfreunde Osterholz-Scharmbeck" zu spielen. Nach einigem Auf und Ab spielen Günter Radloff und seine Vereinskollegen inzwischen in der Klasse A des Schachverbandes Bremen.

Neue Mitspieler seien gern gesehen, versichert er und lädt zum Vereinsabend der Schachfreunde Osterholz-Scharmbeck ein: Dienstags von 19.30 Uhr bis 22 Uhr werden auf Gut Sandbeck die Schachfiguren strategisch geschoben. Jugendliche können bis 21.30 Uhr ihren König verteidigen.

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