Wolfsangriffe auf Nutztiere

Schäden durch Wölfe werden mit EU-Hilfen ersetzt

Im vergangenen Jahr sind in Niedersachsen 123 Angriffe von Wölfen gemeldet worden. Künftig sollen Viehhalter Schäden durch Wolfsangriffe zu 100 Prozent ­erstattet bekommen können.
18.01.2019, 21:42
Lesedauer: 3 Min
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Von Detlef Drewes und Justus Randt
Schäden durch Wölfe werden mit EU-Hilfen ersetzt

Wölfe sind durch mehrere europäische und internationale Richtlinien geschützt.

Bernd Weissbrod/dpa

Wo er auftaucht, hinterlässt der Wolf Spuren: Zwietracht zwischen seinen Fans und Skeptikern. Letztere haben umso mehr Vorbehalte gegen die Wiederkehr des Wildtiers, je häufiger Bilder blutiger Schafskadaver oder toter Kälber kursieren. Experten gehen davon aus, dass sich der Bestand der Wölfe jedes Jahr um rund 30 Prozent erhöht. Derzeit gibt es demnach etwa 1000 Wölfe in Deutschland – jeder vierte von ihnen lebt in Niedersachsen.

Dort sind im vergangenen Jahr 123 Angriffe von Wölfen gemeldet worden, denen insgesamt 301 Nutztiere zum Opfer fielen. Den Tierverlust bekommen die Halter komplett ersetzt. Schäden an ­Weiden, Zäunen und wolfsbedingte Tierarztkosten werden von den Ländern aber nur zu 80 Prozent erstattet – mehr ließ das Beihilferecht der EU nicht zu. Nun soll sich einiges ändern.

Es geht um viel Geld

„Wir wissen um die Bedrohung, die Wolfsrudel für Tierhalter in einigen Regionen Deutschlands bedeuten, und wollen dies in unseren Bestimmungen zur Förderung des ländlichen Raums berücksichtigen“, hatte EU-Agrarkommissar Phil Hogan schon vor ­einigen Tagen in einem Interview angekündigt. Am Freitag machte er in Berlin zum Start der Grünen Woche ernst.

Demnach können Viehhalter künftig Schäden zu 100 Prozent ­erstattet bekommen ? nun auch einschließlich der Aufwendungen für Tierärzte und die Suche nach vermissten Schafen. Die Beihilfe-Regeln wurden entsprechend angepasst. Außerdem will Brüssel mit Subventionen die Errichtung von besonderen Schutzzäunen und die Anschaffung von Herdenschutzhunden zur Wolfsabwehr unterstützen – Investitionen, die kleine Betriebe schnell überfordern.

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Dass es dabei um viel Geld geht, bestätigt das Bundeslandwirtschaftsministerium. In Berlin hat man errechnet, dass allein die ­Anschaffung eines Herdenschutzhundes mit rund 4000 Euro zu Buche schlägt – hinzu ­kommen noch einmal 1000 Euro im Jahr für die artgerechte Haltung der Tiere. Je nach Größe der Herde sind zwei Hunde erforderlich.

Das Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft nennt konkrete Zahlen für Deutschland: Um nur die Schafherden wirkungsvoll vor Wölfen zu schützen, müssten 26.500 Kilometer an Sicherheitszäunen neu gezogen werden, was rund 16,5 Millionen Euro kostet. Außerdem würden 17.150 Herdenschutzhunde benötigt, deren Anschaffung etwa 51,4 Millionen Euro kosten würde. Hinzu kommen Ausgleichszahlungen für gerissene Tiere – das waren 2016 knapp 140.000 Euro.

Heftige Diskussionen auch in Frankreich

In Niedersachsen wurden laut vorläufiger Angabe des Umweltministeriums im vergangenen Jahr 821.736,70 Euro an Präventionsleistungen gezahlt – 80 Prozent der tatsächlich aufgewendeten Kosten. Ebenfalls vorläufig ist die Angabe der Summe ausgezahlter sogenannter Billigkeitsleistungen für gerissene Nutztiere von 41.222,69 Euro.

Und das sind nur die Summen für die Bundesrepublik. In Brüssel geht man davon aus, dass Frankreich ebenso viele Wölfe innerhalb seiner Grenzen hat. Dort wurden im Vorjahr 40 Tiere zum Abschuss freigegeben (Deutschland: drei) – was zu heftigen Diskussionen führte. Ebenso wie in Schweden, wo 22 Wölfe abgeschossen werden durften.

Dann schritt die Kommission ein. Denn Wölfe sind durch mehrere europäische und internationale Richtlinien geschützt. Agrarkommissar Hogan machte noch einmal klar, dass Brüssel nicht daran denke, den Schutz der Wölfe preiszugeben. Man müsse aber „die Prävention und die Hilfe für die betroffenen Landwirte“ ausbauen. Schließlich unterstütze die Gemeinschaft die Wiederansiedlungspläne für Wölfe, die es in den Mitgliedstaaten gebe.

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Damit die Bauern im Schadensfall schnell an ihr Geld kommen können, will Hogan die Vorgaben der EU deutlich vereinfachen. Er lud die zuständigen Stellen der Mitgliedstaaten jedenfalls ein, die nunmehr eröffneten Möglichkeiten auch zu nutzen. Ansprechpartner in Deutschland sind die Bundesländer.

Brüssel will auch seine Zuschüsse auf diesem Wege an die Bauern verteilen. Hartmut Schlepps, Geschäftsführer des niedersächsischen Landvolk-Bauernverbandes mit rund 8000 Mitgliedern, reagierte verhalten auf die Nachricht aus Berlin: Abgesehen davon, „dass der Wolf eher in die Zuständigkeit des EU-Umweltkommissars gehört“, beharrt Schlepps darauf, dass es „allein mit Zäunen und Hunden nicht gehen wird. Wir müssen die Regulierung der Wolfsbestände ins Auge fassen“.

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