Schafsrisse alarmieren Halter und Jäger Der Wolf und die Deichschäfer

Tierhalter und Jäger schlagen Alarm: Seit Tagen ist ein Wolf in der Region unterwegs. Das Umweltministerium prüft wegen der vermehrten Nutztierrisse bereits „die Notwendigkeit einer Entnahme“ des Wolfes.
27.03.2020, 08:15
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Der Wolf und die Deichschäfer
Von Patricia Brandt

Wird der junge Wolf zum Abschuss freigegeben? Der Vizepräsident der Bremer Landesjägerschaft spricht bereits von einem „Problemtier“. Nachdem in Brokhuchting und in der Wesermarsch mehrere Schafe in Hausnähe gerissen worden sind, fordert auch sein niedersächsischer Kollege Helmut Blaut: „Deiche müssen wolfsfreie Zonen bleiben.“ Die EU-Kommission betrachtet wolfsfreie Zonen hingegen äußerst kritisch, heißt es dazu aus dem Ministerium. Zumal derzeit überhaupt nicht klar sei, ob es sich bei dem Angreifer um einen Wolf oder Hund handelt.

Die Behörde hat eine Karte der Region erstellt, auf der bestätigte Angriffe auf Schafe von Wölfen verzeichnet sind: Es gab einen Wolfsangriff bei Huntorf, einen bei Elsfleth, einen bei Jade. Dazu kommen Nutztierrisse, bei denen unsicher ist, ob ein Wolf oder ein Hund dahintersteckt. Vier davon haben sich in der Nähe von Ovelgönne ereignet. Ganz neu sind nun Meldungen von Schafhaltern aus der südlichen Wesermarsch, genauer Lemwerder und Huntebrück. Mehrere Muttertiere und Lämmer wurden getötet, verletzt oder verschwanden spurlos.

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Schaden Nummer 1210

Der jüngste Fall, der dem Ministerium in Hannover diese Woche von Tierhaltern aus der hiesigen Region gemeldet wurde, ist der „Nutztierschaden Nummer 1210.“ Hinter der Zahl verbirgt sich ein Fall aus Hambergen-Ströhe: Ein Tierhalter entdeckte am 21. März im Landkreis Osterholz ein totes Galloway-Kalb. Das Tier soll zur Hälfte aufgefressen gewesen sein. Auch dieser Halter zog einen Wolfsberater hinzu.

Nach Angaben des Ministeriums kann es dauern, bis die Ergebnisse der einzelnen DNA-Analysen vorliegen. Gerhard Frensel, Wolfsberater in Oldenburg, geht von einem Zeitraum von mindestens drei bis sechs Monaten aus. Der Wolfsberater war zu den jüngsten Schafsrissen in Lemwerder hinzugerufen worden und vermutet, dass es sich bei dem Angreifer „um ein und dasselbe Tier handeln könnte.“ Dieses Tier, so Frensel, könnte auch die Schafe in Brokhuchting auf der Bremer Seite erlegt haben.

„Zurzeit besteht die Unsicherheit, ob es sich um eines oder mehrere Tiere handelt“, meint hingegen Marcus Henke von der Bremer Landesjägerschaft. Es gebe Fotos und Videos, die möglicherweise unterschiedliche Tiere zeigten. Das Tier auf Bremer Seite sei ein starker, dunkel gefärbter Rüde. „Aber wir haben auch den Faktor Sonne.“ Deshalb brauche es weitere Sichtungen und DNA-Nachweise.

Henke geht davon aus, dass der Wolf in der Region zwischen Lemwerder und Brokhuchting und Osterholz heimisch wird. „Er hält sich in diesem Trichter auf.“ In dem Bereich gebe es Schafshaltung, Milchviehhaltung, Pferdehaltung – „das ist ein gedeckter Tisch für den Wolf.“ Zudem böten Schilfstreifen entlang der Ochtum ausreichend Deckungsmöglichkeiten für das Tier. Gleichzeitig sei das „Begegnungsrisiko zwischen Mensch und Wolf hier sehr hoch“.

Der Vizepräsident der Landesjägerschaft in Bremen erwartet die Freigabe zum Abschuss. „Wir halten den Wolf für auffällig.“ Alle Schafsrisse seien in Hausnähe passiert. Zudem zeigten Filmaufnahmen, wie der Wolf angstfrei neben einem Trecker herlief. Es sei nur der logische Schluss, wenn das Umweltministerium „die Entnahme anordnet“.

Sein Kollege Helmut Blaut, Vizepräsident der Jägerschaft des Landes Niedersachsen, geht nicht ganz so weit. Abgeschossen werden dürften nur verhaltensauffällige Wölfe. „Und dass ein Wolf Schafe reißt, ist nicht verhaltensauffällig“, sagt Blaut. „Auch nicht, dass er mal neben einem Trecker herläuft. Einen Trecker erkennt er nicht als Menschen an.“

Vom Trecker absteigen

Allerdings hat Blaut die Landwirte in der Region jetzt in einer E-Mail aufgefordert, das nächste Mal vom Trecker abzusteigen, wenn sie den Wolf sehen. Ziel sei es, herauszufinden, ob sich der Wolf tatsächlich einem Menschen nähern würde. Laut Einschätzung der Fachleute sei sein Vorschlag nicht gefährlich. „Die Landwirte sollen einfach einen Stein mitnehmen.“

Dass der Wolf bald wieder gesehen wird, ist laut Blaut sehr wahrscheinlich: Bald jeden Tag erhält er Nachrichten über den Wolf im Marschland zwischen Altenesch und Schohasbergen. Am Mittwoch soll er einen Schwan gerissen haben. Siedelt sich der Wolf in der Wesermarsch an, wäre das laut Helmut Blaut ein Problem: „Unsere Deiche müssen wolfsfrei bleiben, denn die Schafe sollen eine Beweidung sicherstellen. Und die Deiche kann man nicht einzäunen“, so der Vizepräsident der Jägerschaft. Wolfsfreie Zonen seien rechtlich aber aktuell nicht definiert. Hier sei die Politik gefordert.

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„Immer, wenn es in Niedersachsen vermehrt zu Nutztierrissen kommt, schauen wir uns die Situation sehr genau – grundsätzlich auch in Hinblick auf die Notwendigkeit einer Entnahme – an. Das geschieht auch im Landkreis Wesermarsch“, sagt Lotta Cordes, stellvertretende Sprecherin des Umweltministeriums.

Grundsätzlich müsse dabei vor einem Abschuss „der Verursacher identifiziert werden“, der Schaden ermittelt werden und die Herdenschutzmaßnahmen im Einzelfall bewertet werden, erläutert die stellvertretende Ministeriumssprecherin. Deshalb seien zunächst die DNA-Ergebnisse der jüngsten Nutztierrisse abzuwarten.

Um der besonders gelagerten Problematik von Schafsrissen am Deich gerecht zu werden, prüfe das Ministerium aktuell, welche Maßstäbe an die Zumutbarkeit von Herdenschutz am Deich anzulegen sind. Hier müssten pragmatische Lösungen gefunden werden, so Cordes weiter. „Für eine wasserseitige Zäunung wird teilweise mit mobilen Zäunen am Deichen gearbeitet.“

Ob der Wolf eine Gefahr für Spaziergänger und Kinder darstellt, beantwortet Cordes so: „Von gesunden Wölfen geht in der Regel keine Gefahr für den Menschen aus. Erwachsene Wölfe sind von Natur aus eher vorsichtig und haben eine natürliche Scheu vor Menschen, sodass sie sich zurückziehen, wenn sie die Nähe von Menschen wahrnehmen.“

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