Skulptur vom Abbruchhaus in Achim gebogen

Schrecksekunde für Justitia

Achim. Das Haus an der Achimer Obernstraße 17 ist am Wochenende im Zuge der Kreisel-Pläne abgerissen worden. Die Bauarbeiter konnten dabei die Justitia-Skulptur im Giebel des Gebäudes in Sicherheit bringen.
11.07.2010, 17:00
Lesedauer: 3 Min
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Schrecksekunde für Justitia
Von Ralf Michel
Schrecksekunde für Justitia

Vorbereitung zur Rettung der Justitia: Wo genau ist Platz für die Haltegurte?

Christian Butt

Achim. Mit einer Zeitangabe, wie lange der Abriss des Gebäudes dauern würde, tat sich Polier Harald Jaruga am Sonnabendnachmittag schwer. Nur eines stand für ihn fest: 'Wir können keine einsturzgefährdete Fassade stehen lassen.' So lange werde weitergearbeitet. 'Notfalls die ganze Nacht.' Ganz so lang sollte es nicht dauern. Um 2.30 Uhr in der Nacht zu Sonntag rückten die Bauarbeiter an der Gieschen-Kreuzung ab.

Vom Gebäude Obernstraße 17 blieb zu diesem Zeitpunkt nur noch eine Ladenhöhe übrig. Die wird am Montag abgerissen. 'Wir wollten in der Nacht nicht länger als notwendig Lärm machen', erklärt Jaruga mit Blick auf die Nachbarschaft. Für die verbliebenen Abbrucharbeiten ist keine Fahrbahnsperrung mehr notwendig, lediglich der Bürgersteig vor dem Haus bleibt wie seit Beginn der Bauarbeiten abgesperrt.

Dass trotz aller Umsicht bei der Abrissplanung und dem teilweise filigranen Einsatz des großen Baggers der Rückbau eines Gebäudes dieser Größenordnung direkt an einer Straße nicht ohne Gefahr ist, wurde am späten Samstagabend deutlich. Da nämlich polterten einige Steine noch über die gesperrte Fahrbahn hinaus auf die Gieschen-Kreuzung. Die Polizei rückte an und stellte sicher, dass der Verkehr reibungslos und ungefährdet vonstatten ging.

Die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen waren ein Grund dafür, dass sich die Bauarbeiten so lange hinzogen. Ein anderer war die Justitia-Skulptur im Giebel des Gebäudes. Die war in den Diskussionen der vergangenen Monate über den Umbau der Gieschen-Kreuzung zu einem Kreisverkehr urplötzlich ins Blickfeld geraten und wurde sozusagen zum kleinsten zu erhaltenden Nenner: Wenn denn schon das Haus den Kreisel-Plänen weichen muss, dann wenigstens die Skulptur retten.

Für die Baustelle war dies mit einigem - vor allem zeitlichen - Aufwand verbunden. Um die Figur heil von ihrem Podest in luftiger Höhe zu holen, waren der Einsatz eines Steigers und eines Ladekrans notwendig. Die wiederum erforderten die Sperrung einer Fahrspur vor dem Gebäude, was aber erst ab Sonnabend nach dem Wochenmarkt möglich war und die Baustelle ab Freitag zum Erliegen brachte. 'Ohne die Figur wären wir hier längst fertig', kommentierte Jaruga am Samstagnachmittag, legte dann aber sein ganzes fachmännisches Augenmerk auf die Bergung der Skulptur.

'Die steht auf einem Podest, ein kantiger, eckiger Fuß, der fest eingemauert ist', erklärte der Polier. 'Außerdem ist sie mit einem Stab im Rücken gesichert, der durch die gesamte Wand geht und hinten verschraubt ist. Der Fuß ist noch dazu mit Bandeisen gesichert.'

Um nicht von vorne an der Skulptur reißen zu müssen, sollten der Fuß von hinten freigestemmt, die Halterung gelöst und die Bandeisen getrennt werden. Gesichert war Justitia zu diesem Zeitpunkt mit zwei breiten Gurten, die der Ladekran während der gesamten Operation straff hielt.

Skeptische Blicke gab es trotzdem. Wiegt die Figur wirklich nur 250 Kilo wie geschätzt? Halten die Gurte? Und was ist mit dem Sockel? Ist er fest mit der Figur verbunden oder purzelt er alleine herunter? Als Zugabe gab es noch eine Schrecksekunde, ausgelöst von den Achimer Schützen. Deren Festumzug startete gegenüber vor Gieschens Hotel, eingeleitet von mehreren Schüssen - Platzpatronen, gleichwohl aber höllisch laut. Das wussten die Schützen, nicht aber die Bauarbeiter und die zahlreichen Kiebitze, die sich zur Rettung der Justitia eingefunden hatten. Allesamt wurden durch die plötzliche Knallerei gehörig aufgeschreckt. 'Wird hier gesprengt?', fragte einer der Zuschauer. Und ein anderer merkte nicht zu Unrecht an: 'Wenn der Mann am Ladekran jetzt verrissen hätte, wär?s um die Justitia geschehen.'

Doch Uwe Garlich behielt die Ruhe und so schwebte die Skulptur wenig später, wie geplant, in sanftem Bogen die Fassade hinunter direkt in die dafür bereitstehende Kiste. Etwas eiliger hatte es der Sockel, der tatsächlich nicht mit der Figur verbunden war, und im freien Fall auf den Fußweg stürzte, diesen Sturz aber gut überstanden hat. Justitia wird nun beim Bauhof eingelagert, bis über einen neuen Standort entschieden ist. Eine letzte Erinnerung an das rund 100 Jahre alte und etwa 1000 Tonnen schwere Gebäude Obernstraße 17, das voraussichtlich am heutigen Montag endgültig der Vergangenheit angehören wird.

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