Verbände sprechen von Chaos

Niedersachsen ändert Kurs bei Schulen erneut

Der geänderte Kurs sorgt in Niedersachsen für Diskussion: Verbände und Opposition sprechen von Chaos an den Schulen, die Landesregierung von einer Balance zwischen Bildung und Infektionsschutz.
20.01.2021, 16:39
Lesedauer: 3 Min
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Von Michael Evers

Erneut gibt es einen kurzfristigen Schwenk beim Corona-Kurs an den Schulen in Niedersachsen: Angesichts des verschärften Lockdowns hat das Kultusministerium die Präsenzpflicht an Grundschulen sowie in den Prüfungsklassen der weiterführenden Schulen aufgehoben. Um berufstätige Eltern kleiner Kinder nicht in ein Betreuungsproblem zu stürzen, wird der Unterricht in geteilten Klassen an den Grundschulen aber aufrecht erhalten, teilte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) am Mittwoch nach den Bund-Länder-Beschlüssen vom Vorabend mit. Die Erwartung sei, dass sich die Klassen erheblich leeren.

Eigentlich hätte Niedersachsen die am Montag gerade erst wieder im Wechselmodell geöffneten Schulen am liebsten ohne weitere Abstriche in Betrieb gehalten. Niedersachsen aber müsse den restriktiveren Bund-Länder-Kompromiss ernstnehmen und umsetzen, auch wenn Grundschüler keine Infektionstreiber seien, machten die noch schwer einzuschätzenden Virusmutationen Sorgen, sagte Weil. „Das ist ein nicht quantifizierbares Risiko, die Eltern sind die, die für ihre Kinder die richtige Entscheidung treffen.“

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Konkret haben die Eltern nun die Wahl, für ihre Kinder bis Mitte Februar den Unterricht in der Schule oder zu Hause zu wählen, mal hingehen und mal zu Hause bleiben, soll einer verlässlichen Planung wegen nicht möglich sein. Die Regelung greift ab sofort, bis zum Wochenende sollen die von den Schulen angeschriebenen Eltern sich entscheiden. Bis Ende Januar will das Kultusministerium dann eine Langfristplanung für das zweite Schulhalbjahr in Angriff nehmen.

Wie Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) sagte, bleibt der Schulbesuch für Grundschüler weiterhin möglich. Reines Distanzlernen sei schwierig und die Kinder seien inzwischen fünf Wochen zu Hause. „Das ist eine riesige Herausforderung für Kinder, für Eltern.“ Auch für junge Menschen, die vor Abschlussprüfungen ständen, seien regelmäßige Prüfungsvorbereitungen in kleinen Lerngruppen wichtig. „Sie haben ihre gesamte Schullaufbahn auf ihre Abschlüsse hingearbeitet und haben das Recht auf faire Prüfungen und gleichwertige Abschlüsse.“

Die Grünen kritisierten die häufigen Kurswechsel in Niedersachsens Corona-Schulpolitik. Die Landesregierung müsse das Hin und Her schnell beenden und sich am bundesweiten Vorgehen orientieren, sagte Grünen-Fraktionschefin Julia Willie Hamburg. „Dazu gehört, bundeseinheitlich zu klären, wie die Anforderungen an Lerninhalte und Abschlüsse in diesem Schuljahr an die Corona-Einschränkungen angepasst werden, und das „Sitzenbleiben“ auszusetzen.“ Bis die Schüler zurück in die Klassenräume können, müssten zudem bessere Lüftungskonzepte geschaffen werden. „Schulen müssen pandemiefest gestaltet werden, wenn wir Schulschließungen bestmöglich vermeiden wollen“, sagte sie.

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Auch der FDP-Bildungsexperte Björn Försterling kritisierte die erneuten Veränderungen. „Die Landesregierung ist offensichtlich nicht in der Lage, für Schüler, Eltern und Lehrer eine klare Entscheidung zu treffen.“ Entweder sei der Schulbesuch sicher, dann müsse er auch stattfinden, oder er sei nicht sicher, dann dürfe er nicht stattfinden. „Diese Entscheidung aber jetzt den Eltern zu überlassen, ist schlicht fahrlässig“, sagte Försterling. „Minister Tonne gibt im Prinzip das Motto aus 'Schule besuchen auf eigene Gefahr - Eltern haften für ihre Kinder'.“

Auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) forderte verlässliche Konzepte statt eines wöchentlichen Szenarienwechsels. Dies führe zu einem unnötigen Organisationschaos an den Schulen, sagte VBE-Landeschef Franz-Josef Meyer. „Statt klarer Entscheidungen für oder gegen eine Schulschließung gibt es wieder einen Mix aus Wechselunterricht mit oder ohne Präsenzpflicht, Notbetreuung und Distanzlernen für unterschiedliche Schulstufen“, sagte Meyer. „Mehr Chaos geht wirklich nicht.“

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Auch der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte (VNL/VDR) äußerte sich unzufrieden. „Die Belastung der Lehrkräfte steigt durch die Planungsunsicherheit der heutigen Beschlüsse weiterhin enorm an“, sagte der VNL/VDR-Vorsitzende Torsten Neumann. „Die immer wieder angekündigte Unterstützung durch Einstellung von zusätzlichem Personal ist an vielen Schulen noch immer nicht angekommen.“ Ebenso sei die Bereitstellung von Dienstlaptops für Lehrkräfte jetzt erst in die Wege geleitet worden.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) beklagte ein Kuddelmuddel an den Schulen. „Pädagogisch richtig ist es, derzeit keine allgemeine Schließung der Grundschulen zu verhängen“, sagte GEW-Landeschefin Laura Pooth. „Politisch falsch bleibt die vage Hoffnung der Landesregierung, dass die Situation nach einem verlängerten Lockdown wie durch ein Wunder besser wird.“

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