Projekt in der Wesermarsch Schulverweigerern auf der Spur

Wenn Schüler den Unterricht über längere Zeit schwänzen, dann riskieren sie ihre gesamte Bildungslaufbahn. Das Projekt Wesermarschmallows will das durch gezielte Unterstützung verhindern.
30.07.2019, 14:25
Lesedauer: 4 Min
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Von Georg Jauken

Wesermarsch. Konflikte mit Freunden, Lehrern und Eltern, die Pflicht, sich zu Hause um kleinere Geschwister zu kümmern, Medienkonsum und morgens nicht aufstehen können, zu hohe oder zu geringe Leistungsanforderungen, Depressionen, Sorgen, Mobbing: Es gibt viele Gründe, aus denen Kinder und Jugendliche die Schule schwänzen. Schüler, die trotz Schulpflicht länger oder häufig dem schulischen Unterricht fern bleiben, verspielen allerdings ihre Zukunftsperspektive. Damit das nicht passiert, gibt es die Wesermarschmallows. 2015 gestartet, wurde das vom Bund und der EU geförderte Projekt inzwischen verlängert, so dass Schulverweigerer auch im neuen Schuljahr und darüber hinaus Unterstützung erhalten.

Zielgruppe des Projekts sind Schülerinnen und Schüler von zwölf bis 18 Jahren. Vom Landkreis Wesermarsch beantragt, wurde die Kreisvolkshochschule mit der Durchführung beauftragt. Vier Mitarbeiterinnen teilen sich dort zwei Stellen, um die Schulverweigerer bei der Bewältigung ihrer Schwierigkeiten zu unterstützen. Dabei wird die Schulverweigerung als Prozess aufgefasst, der mit Unlust und Leistungsverweigerung beginnt und sich im weiteren Verlauf über gelegentliches Fehlen und Zuspätkommen zu einem dauerhaften Fernbleiben vom Unterricht manifestiert. In ihrem Alltag kümmern sich die Wesermarschmallows daher nicht erst um die Jugendlichen, wenn sie die Schule gänzlich meiden. Auch in Fällen von sogenanntem passiven Schulabsentismus bieten sie ihre Hilfe an.

Anwesend, aber nicht dabei

Gemeint sind Fälle, in denen Schüler zwar körperlich anwesend sind, jedoch wenig Interesse am Geschehen in der Klasse zeigen, ihre Hausaufgaben ständig „vergessen“, dem Unterricht nicht mehr folgen oder ihn aktiv stören. Eine andere Variante sind häufige Fehlzeiten. Denn auch ärztliche Atteste oder durch Eltern entschuldigtes Fehlen in einem nicht mehr nachvollziehbaren Ausmaß mit wenig plausiblen Begründungen können auf Schulverweigerung hinweisen, wissen die Wesermarschmallows. In jedem Fall sei ein enges Zusammenspiel mit den Schulen nötig.

So startete das Projekt Anfang 2015 damit, sich an den Schulen bekannt zu machen, berichtet Christiane Holz, die das Projekt für die Kreisvolkshochschule betreut. „Es musste erst einmal von allen Beteiligten der Mehrwert des Projekts erkannt werden“, ergänzt Abteilungsleiterin Katinka Seemann. Inzwischen seien die Kontakte aufgebaut. In den Schulen werden regelmäßig Sprechstunden angeboten, in denen sich Schüler an eine der Beraterinnen wenden können, aber auch Lehrkräfte, wenn sie Unterstützung im Umgang mit bestimmten Schülern benötigen.

„Auch vor und nach den Sprechstunden sind wir für alle sichtbar. Wenn es Probleme gibt, klopfen sie an“, lautet die Erfahrung von Beraterin Anne Francksen. Besonders intensiv werde das Angebot an der IGS Brake genutzt. „Die Schule hat erkannt, dass sie mit diesem Projekt schneller agieren kann“, erklärt Christiane Holz. So könnten sich die Probleme gar nicht erst verfestigen. Zum Beraterinnenteam gehören außerdem Edeltraut Röchert und Evelyn Nafzge, die sich um Schulverweigerer an den Oberschulen in Elsfleth, Berne und Lemwerder kümmert.

Bis kurz vor den Sommerferien hatten die Wesermarschmallows 152 Schülerinnen und Schüler über einen längeren Zeitraum begleitet. Gut die Hälfte von ihnen konnte ihre Schwierigkeiten überwinden, die schulische Laufbahn fortsetzen oder hatte im Anschluss einen Ausbildungsplatz, wie es heißt. Weiteren 116 Schülerinnen und Schülern konnte mit Kurzberatungen geholfen werden.

Ob kurze Beratung oder längere Begleitung inklusive Gesprächen mit den Eltern und Lehrern: Die Beraterinnen verstehen sich in gewisser Weise als Anwälte der Schüler. Vor allem geht es ihnen darum, dass sich die Schulverweigerer öffnen und über ihre Probleme sprechen, damit sie ihnen helfen können. Bei Bedarf machen sie Hausbesuche und begleiten die Schüler zu wichtigen Terminen.

In einem Fall gelang es durch die intensive Betreuung, Vertrauen zu einem 15-jährigen Mädchen aufzubauen, das zwei Jahre nicht zur Schule gegangen war. In der Lernoase, einem weiteren Angebot der KVHS, bekam sie die Möglichkeit, sich künstlerisch zu betätigen. Die 15-Jährige hielt es dort einen ganzen Tag lang mit den anderen Schülern aus, war mit Interesse dabei, bekam ein positives Feedback und ließ sich schließlich darauf ein, ihre Schullaufbahn an einer neuen Schule zu beenden.

Einer 13-Jährigen mit psychischen Problemen vermittelte das Projekt einen Therapieplatz. Auch das verbuchen die Wesermarschmallows als Erfolg, denn vorher hatten weder Eltern noch Schule gewusst, was los ist. Gerne erinnert sich Edeltraut Röchert an einen Schüler, der wegen unentschuldigter Fehlzeiten sogenannte Sozialstunden in einem Altenheim ableisten musste. Dort half er bei der Betreuung alter Menschen mit Demenz und wusste am Ende, dass er genau das machen will. „Das motiviert“, sagt Edeltraut Röchert. Denn oftmals handle es sich bei den Schulverweigerern um Schüler, denen praktische Arbeit nun mal mehr liege als die Schule.

Bußgeld droht

Ganz freiwillig lässt sich übrigens nur ein Teil der Schulverweigerer auf die Wesermarschmallows ein. In vielen Fällen ist der Grund ein Bußgeldbescheid vom Schulamt. Die Schulen sind aufgefordert, Schulversäumnisse spätestens nach dem fünften Fehltag an die Behörde zu melden.

Bei der ersten Meldung werden 50 Euro, bei der zweiten 100 und ab der dritten Meldung 150 Euro plus Bearbeitungsgebühren fällig. Wird das Bußgeld nicht gezahlt, kann das Amtsgericht Sozialstunden und im Fall der Verweigerung Jugendarrest anordnen.

Doch mit dem Schreiben vom Jugendamt erhält jeder Schulverweigerer auch einen Beratungsgutschein vom Projekt Wesermarschmallows. Um das Bußgeld und weitere Folgen zu vermeiden, muss er nur innerhalb von acht Werktagen das Beratungsangebot annehmen, eine Zielvereinbarung unterschreiben und sich daran halten. Tut er es nicht, helfen die Wesermarschmallows im Zweifelsfall auch bei der Suche nach einem passenden Platz zum Ableisten von Sozialstunden. So weit, sagt Christiane Holz, ist es bislang aber nur in wenigen Fällen gekommen.

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