Erste Plädoyers Sechs Jahre Jugendhaft beantragt

Verden·Weyhe. Tag 27 im Prozess um den Tod des Weyhers Daniel S., der Tag der ersten Plädoyers: Sechs Jahre Jugendhaft für den Angeklagten forderte am Donnerstag die Staatsanwaltschaft.
07.02.2014, 08:00
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Sechs Jahre Jugendhaft beantragt
Von Sebastian Kelm

Tag 27 im Prozess um den Tod des Weyhers Daniel S., der Tag der ersten Plädoyers: Sechs Jahre Jugendhaft für den Angeklagten forderte am Donnerstag die Staatsanwaltschaft. Einem Vertreter der Nebenklage reichte das aber nicht aus.

Staatsanwältin Annette Marquardt richtete ihre Ausführungen nicht nur an die dritte große Jugenstrafkammer des Landgerichts Verden, sie wandte sich auch direkt an den Angeklagten. „Was Du da gemacht hast, ist pure kriminelle Energie“, tadelte sie Cihan A. und dessen Gewalttat, durch die ihrer Ansicht nach Daniel S. am frühen Morgen des 10. März vergangenen Jahres zu Tode kam. Gut zweieinhalb Stunden dauerte gestern am Landgericht Verden ihr Plädoyer – das mit dem Antrag auf eine Jugendstrafe von sechs Jahren endete. Keine Rede war nun aber mehr vom ursprünglichen Vorwurf des Mordes aus Heimtücke und niederen Beweggründen. Denn für eine Tötungsabsicht des 20-Jährigen, so Marquardt, gebe es keine klaren Beweise.

Keinerlei neue Erkenntnisse hatte die Suche nach dem Halter eines von Zeugen erwähnten schwarzen Audi gebracht. Auch eine molekulargenetische Analyse , bei der Schuhe und Hose des Angeklagten sowie weiterer vermeintlicher Mittäter auf DNA-Merkmale des Opfers untersucht wurden, lieferte nichts Belastendes. So könne man sich laut Marquardt lediglich auf die Aussagen der wenigen glaubhaften Zeugen stützen. Viele der gehörten Angaben seien aber nicht nur lückenhaft gewesen. „Ich habe noch nie erlebt, dass so exzessiv gelogen wird“, beklagte die Staatsanwältin. Sei der Grund dafür Angst gewesen, wäre das menschlich noch nachvollziehbar. Als verwerflich erachtete sie aber, Beteiligte schützen oder eigenes Fehlverhalten nicht eingestehen zu wollen.

Man sei aber weiter davon überzeugt, dass zwei Tritte gegen das spätere Opfer von Cihan A. stammten – wobei unklar sei, welcher letztlich zu der tödlichen Verletzung führte. Allenfalls ein einzelner Schlag könne womöglich einem Dritten zugeschrieben werden. „Ich wüsste gern, wer der ist. Aber der einzige, der das sagen kann, bist Du“, sagte Marquardt. Die Augenzeugen, die allein ihn als Täter identifiziert hatten, hätten keinen Anlass gehabt, ihn fälschlicherweise zu belasten. Und nicht einer habe eindeutig andere Angreifer benannt. Einen „Kunstgriff“ nannte es Marquardt, dass der Angeklagte über seine Anwälte ein Protokoll vom Haftprüfungstermin kurz vor Prozessbeginn einbringen ließ.

Darin hatte Cihan A. den Mitarbeiter eines Weyher Pizzabringdienstes als den eigentlichen Täter beschuldigt, dessen Rolle tatsächlich „rätselhaft“ sei. Sich aber selbst als Schlichter darzustellen, die eigene Beteiligung als Unfall abzutun, verurteilte sie stark. Auffällig sei gewesen, dass sich Cihan A. zunächst nicht gegen seine Inhaftierung gewehrt, die Schuld nicht gleich von sich gewiesen habe.

Die angebliche Ankündigung der Tat während der Busfahrt von einer Diskothek zum Bahnhof Kirchweyhe reiche aber nicht als Indiz für einen Vorsatz, räumte sie ein. Wem der Ausspruch „Einer wird diese Nacht nicht überleben“ gegolten habe – nach Angaben des Angeklagten seinen Begleitern –, habe sich nicht ergründen lassen.

Cihan A. habe indes nicht damit rechnen können, das Opfer mit seinen Tritten zu töten. Auch deshalb liege ein Fall von Körperverletzung mit Todesfolge vor. Vom Erwachsenenstrafrecht sei abzusehen, weil der 20-Jährige „Reifeverzögerungen“ aufweise. In der Jugendhaft könne er einen Schulabschluss machen, und an seinem Aggressionspotenzial arbeiten.

Beim geforderten Strafmaß folgten die vier Vertreter der Nebenanklage dann im Wesentlichen dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Anwälte der Familie von Daniel S. erklärten aber, der Angeklagte habe ihrer Ansicht nach sehr wohl vorsätzlich gehandelt. Uwe Hoffmann, Vertreter der Mutter des Opfers, hielt wiederum acht statt sechs Jahre Haft für „eher angemessen“.

Am Mittwoch, 19. Februar, soll die Verteidigung ihr Plädoyer halten. Einer der Anwälte von Cihan A. hatte zunächst noch beantragt, einen Experten für Jugendgewalt von der Universität Bielefeld zu hören. Der könne möglicherweise bestätigen, dass das Tatgeschehen alle Kennzeichen einer „jugendtypischen Auseinandersetzung“ aufweise. Schließlich seien Mädchen anwesend, dafür keine Waffen im Spiel gewesen, alles habe sich schnell abgespielt und die Auswirkungen der Gewalt seien – unter anderem durch verharmlosende Darstellungen in Filmen – für die Beteiligten wohl kaum absehbar gewesen.

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