Seine Wanderschaft führt den Handwerker Frank Krämer auch durch Tarmstedt

Sechs Paar Schuhe verschlissen

USA, Südamerika, Polen, Skandinavien - viele Regionen der Welt hat der Wandergeselle Frank Krämer gesehen. Gestern führte ihn seine Reise durch Tarmstedt. Mit dem schwarzen Cordanzug, den robusten Schuhen, dem markanten Wanderstock und dem Hut ist der 29-Jährige noch einen Monat lang unterwegs. Dann endet seine Walz. Drei Jahre und drei Monate ist der junge Zimmermann unterwegs.
02.02.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Irene Niehaus

USA, Südamerika, Polen, Skandinavien - viele Regionen der Welt hat der Wandergeselle Frank Krämer gesehen. Gestern führte ihn seine Reise durch Tarmstedt. Mit dem schwarzen Cordanzug, den robusten Schuhen, dem markanten Wanderstock und dem Hut ist der 29-Jährige noch einen Monat lang unterwegs. Dann endet seine Walz. Drei Jahre und drei Monate ist der junge Zimmermann unterwegs.

Tarmstedt. Frank Krämer steht bei klirrender Kälte an der Bremer Landstraße und hält seinen Daumen hoch. Er will weiter nach Rotenburg, einen Handwerksbetrieb finden, der Arbeit für ihn hat. In Tarmstedt und umzu hat er keinen Erfolg gehabt. "Aber Brötchen und Kaffee gab es immer", erzählt der Wandergeselle. In seiner Jackentasche steckt sein "Navigationsgerät". Eine Deutschlandkarte aus Papier, mit Folie überzogen, absolut wasserdicht. Das muss sie auch sein, denn nicht selten trampt Krämer bei starkem Regen durch die Landschaft. Die Eiseskälte macht ihm nichts. "Man gewöhnt sich daran. Ich stecke die Hände meistens in die Tasche."

Seinen Fingern sieht man an, dass er keinen Bürojob hat. In einem Betrieb bei Osnabrück ließ der junge Mann sich zum Tischler ausbilden. Dann lernte er noch das Handwerk des Zimmermanns. Der baut Dachstühle und Holzhäuser. Anschließend zog es ihn in die Welt. Nur wenige seiner Handwerkskollegen gehen auf Wanderschaft, nur ein Prozent, vermutet Krämer. Früher mussten Gesellen auf die Walz, um die Prüfung zum Meister zu beginnen. Auf die Wanderschaft darf heute nur der gehen, der den Gesellenbrief in der Tasche hat, kinderlos und schuldenfrei ist und keine Vorstrafen hat, erzählt Krämer.

Knöpfe mit Bedeutung

In der Öffentlichkeit trägt er seine maßgeschneiderte schwarze Kluft. Schlaghosen und Hut mit Krempe gehören dazu. Die sechs Knöpfe an der schweren Cordjacke stehen für die sechs Arbeitstage, die acht Knöpfe an der Weste für einen Acht-Stunden-Tag. Damit nicht genug. Auch die drei Knöpfe am Jackett-Ärmel haben eine Bedeutung: Sie weisen auf die drei Wanderjahre hin. Das weiße Hemd ist kragenlos, die Ärmel werden bei der Arbeit nach innen gekrempelt, damit Sägespäne leichter abfallen. Am Hals trägt Krämer ein blaues Band, das Zeichen für die Vereinigung Rolandschacht, der er angehört. Im Band steckt eine Handwerksnadel. Im Ohr trägt Frank Krämer einen Ring. Auch aus Tradition. Im Notfall konnten Wandergesellen früher den goldenen Ohrring verkaufen und damit finanzielle Engpässe überbrücken. Hatte sich ein Geselle unehrenhaft verhalten, wurde ihm der Ohrring ausgerissen und er zum "Schlitzohr" gemacht. Sein Hab und Gut verstaut Frank Krämer in einem Charlottenburger,

darin liegen Arbeitskleidung, Wäsche, Werkzeug und Schlafsack. Auffällig ist der typisch knotig verdrehte Wanderstock, der Stenz. Handy ist tabu. Im Wanderbuch sammelt Krämer die Siegel jener Orte, durch die er kommt, und die Arbeitszeugnisse der Betriebe. Die stellen dem jungen Wandergesellen einen Schlafplatz zur Verfügung, im Haus oder in der Werkstatt. Wenn Krämer unterwegs ist, übernachtet er auf Bauernhöfen oder bei Leuten, die er gerade kennengelernt hat. Im Sommer auch auf der Wiese. Geld darf er für die Unterkunft, so will es der Brauch, nicht ausgeben.

Seine Familie hat der 29-Jährige während der Reisezeit nur ein Mal gesehen. In Hannover. Er darf während der Walz die Region um seinen Heimatort Melle in einem Bannkreis von 60 Kilometern nicht betreten. Krämer bewegt sich nur zu Fuß oder per Anhalter fort. Öffentliche Verkehrsmittel sind zwar nicht verboten, aber ein bisschen verpönt. Ein Flugzeug hat er trotzdem bestiegen. Seine Wanderschaft hat der junge Mann im November 2008 begonnen. Von Stuttgart ging es per Anhalter und zu Fuß nach Österreich, dann mit dem Flieger nach Florida, danach in die Schweiz und nach Polen. Fünf Monate verbrachte Krämer in Venezuela, Kolumbien, Equador, Peru und Chile, er arbeitete mit Bambus, traf auf Schwerkriminelle und auf viel Gastfreundschaft. Die Tour führte den Weltenbummler auch nach Norwegen. Allein, zu zweit, gelegentlich auch zu fünft. Bis zu sechs Paar Schuhe hat Krämer in der Zeit verschlissen, das Jackett, das er trägt, ist neu, das zweite in seiner Wanderzeit.

Krämer hat mit der Wanderschaft sein Ziel erreicht: Er lernte neue Arbeitspraktiken kennen sowie fremde Orte, Kulturen und Menschen. Obendrein sei er selbstbewusster geworden und selbstständiger.

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