Das Porträt: Nilüfer Türkmen

Sie hat viel zu erzählen

Auch ohne Buch wird Nilüfer Türkmen an der langen Nacht der Literatur in Bremen teilnehmen. Sie erzählt von einer kranken Mutter, ihrem verstorbenen Vater, Obdachlosigkeit und einer Kindheit im Heim.
05.09.2018, 09:39
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Sie hat viel zu erzählen
Von Micha Bustian
Sie hat viel zu erzählen

Zuhause in Syke: Nilüfer Türkmen hat ihre Erlebnisse in einem Buch verarbeitet.

Jonas Kako

Syke/Bremen. Ganz Bremen feiert am Freitag, 7. September, die lange Nacht der Literatur. Mittendrin auch ein ganz kleiner Teil Syke. Ein interessanter Teil allerdings. Weil Nilüfer Türkmen noch gar kein Buch veröffentlicht hat. Aber sie hat etwas zu erzählen, viel zu erzählen. Eine markerschütternde Geschichte von einer kranken Mutter, einem früh verstorbenen Vater, Obdachlosigkeit, Kindheit in einem Heim und weiteren traumatischen Erlebnissen. Diese Geschichte hat die Studentin aufgeschrieben. Das Buch ist noch nicht ganz fertig, aber der Titel steht schon fest: "Der Spion in der Lampe".

Nilüfer Türkmen ist in Bremen geboren. Ihre Mutter, um die es vornehmlich in ihrem Buch geht, war da 40 Jahre alt. Und schizophren. 20 Jahre schon hatte sie mit Menschen gesprochen, die es gar nicht gibt oder den "Spion in der Lampe" gefürchtet, als Nilüfer auf die Welt kam. Der Vater hatte zwei weitere Frauen, nahm aber Nilüfer und ihre Mutter mit in die Türkei, wo er mit zwei Frauen und Nilüfers Halbgeschwistern lebte. Bis er starb. Die Reaktion war krass. "Mein Halbbruder setzte uns irgendwo in der Nähe von Izmir auf der Straße aus", erzählt Nilüfer Türkmen. "Wir waren obdachlos." Obdachlos mit einer schizophrenen Mutter. Nilüfer Türkmen – "sag lieber Nelly, das ist nicht so kompliziert" – musste sich selbst verpflegen.

Das wurde nicht deutlich besser, als es über die Großmutter mütterlicherseits zurück ging nach Bremen. In die alte Wohnung in Blockdiek. "Das war damals so wie heute Tenever", erinnert sich die 20-Jährige. In dieser Phase wurde sie Augenzeugin eines Suizids, eines Autounfalls mit Todesfolge und fand eine erstochene Frau in einem See. Sie sammelte traumatische Erlebnisse wie andere Mädchen Puppen. Mit achteinhalb Jahren – sie war unterernährt, weil ihre Mutter sich nicht mehr um sie kümmern konnte – schickte das Bremer Jugendamt "Nelly" ins Kinderheim. Die Mutter verlor allerdings nicht das Sorgerecht, "das fand ich gut".

Auch im Heim in Fischerhude hatte Nilüfer Türkmen zuerst zu leiden. Der Leiter war Alkoholiker. "Als er weg war, hat es angefangen, mein Zuhause zu sein", erklärt sie. Das Haus aus Holz "war superschön". Eine angemessene Dekoration, frisches Essen – alles war sehr familiär. "Ich habe mich dort wirklich wohlgefühlt." Zehn Jahre hat sie dort gelebt. Mit 16 kam sie in Therapie. Kurz, bevor sie erwachsen wurde, bezog sie alleine eine dem Heim angeschlossene Wohnung. Verselbstständigungsbereich heißt das heutzutage. "Das war Erwachsenwerden auf der Überholspur."

Fast 19 Jahre alt war Nilüfer Türkmen, als sie auf eigene Füße gestellt wurde. Sie wollte nach Achim ziehen, zu ihren Freunden. "Viel zu teuer." Also schaute sie, wo es einerseits ländlich und andererseits verkehrstechnisch gut angeschlossen ist. Und landete in Syke. Dort zog sie mit einer Freundin zusammen und wurde heimisch. So heimisch, dass sie Anfang dieses Jahres zur Vorsitzenden des SPD-Ortsvereins Syke gewählt wurde. Es gefällt ihr gut, "aber manchmal vermisse ich meine Freunde".

Nilüfer Türkmen, Studentin der Rechtswissenschaften, besucht ihre Mutter regelmäßig. Die Mama wohnt in einem Heim für betreutes Wohnen. "Es ist okay da", findet Nelly, "aber ich würde mir wünschen, dass dort nicht nur Geisteskranke untergebracht wären."

Ihre Mutter ist Hauptperson des Buches "Der Spion in der Lampe". Ihre Lehrerin Nicole Siebrecht zündete den Funken dazu. "Nelly" hatte in der 13. Klasse ein Referat zum Thema Schizophrenie gehalten – mit Briefen, die ihre Mutter während ihrer Wahnvorstellungen geschrieben hatte und Videos mit den Symptomen ihre Mutter. "Darüber musst Du ein Buch schreiben", fand Siebrecht. Gesagt, getan: Im Studium erhielt sie dann von Dozentin Anke Fischer Unterstützung. Drei Schreibkurse belegte die 20-Jährige, darüber hinaus ein "ständiges Lektorat" von Fischer.

Ein Kapitel über das Leben in der Türkei fehlt noch, am Heimaufenthalt will Nilüfer Türkmen noch feilen. "Dann wollen wir uns auf die Suche nach einem Verlag machen", sagt die Jung-Autorin. Wer's bis dahin nicht abwarten kann: 7. September, 19 Uhr, Buchhandlung Balke, Pappelstraße 84a in der Bremer Neustadt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+