Lilienthal-Roman

Skizzen für einen Platz in der Weltliteratur

Lilienthal macht Schlagzeilen. Grund dafür ist das Medienecho zum 100. Geburtstag des Schriftstellers Arno Schmidt. Beim Heimatverein freut man sich darüber.
31.01.2014, 00:00
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Skizzen für einen Platz in der Weltliteratur
Von Bernhard Komesker
Skizzen für einen Platz in der Weltliteratur

Die Heimatkundler Harald Kühn (l.) und Peter Richter vor dem Küsterhaus im St. Jürgensland, in das Arno Schmidt gerne eingezogen wäre.

Bernhard Komesker

Lilienthal macht Schlagzeilen. Grund dafür ist das Medienecho zum 100. Geburtstag des Schriftstellers Arno Schmidt. Beim Heimatverein freut man sich darüber. Der Ort verdanke Schmidt nicht nur einen Platz in der Weltliteratur, sondern auch Beobachtungen zu Land und Leuten, allen voran zu Johann Hieronymus Schroeter.

Harald Kühn und Peter Richter vom Lilienthaler Heimatverein sehen sich bestätigt: Wer sich mit der Ortsgeschichte und dem Astronomen Schroeter beschäftigt, kommt um Arno Schmidt unmöglich herum. Der Schriftsteller, der am 18. Januar vor 100 Jahren geboren wurde, hat sein Romanprojekt „Lilienthal 1801 oder: Die Astronomen“ zwar nie verwirklicht; dennoch habe Schmidts Beschäftigung mit Lilienthal und Schroeter unübersehbare Spuren hinterlassen. Die Würdigungen vor zwei Wochen in den deutschen Feuilletons haben den Hobby-Heimatforschern vor Augen geführt, dass Schmidt offenbar im Begriff war, Lilienthal und Schroeter ein Denkmal in der Weltliteratur zu setzen.

„Als wir Ende 2013 unser Buch herausgebracht haben, war uns der Jahrestag gar nicht bewusst“, gesteht Kühn. Die Vereinsveröffentlichung „Von der Sternenwelt fasziniert“ befasst sich mit Johann Hieronymus Schroeter und dessen spät entdeckter Familiengeschichte (wir berichteten). Da spielt dann auch Arno Schmidt eine Rolle, denn der hatte sich so sehr für Lilienthal und Schroeter, die Historie und die Astronomie interessiert, dass er sich 1957 auf die Stelle des Küsters in St. Jürgen bewarb.

„Schade, es war so still dort“

Die Gemeindeversammlung entschied sich seinerzeit letztlich gegen den Atheisten, was dieser sehr bedauerte: „Schade, es war so still dort. Genau die Landschaft, die ich für Lilienthal brauche“, schrieb Schmidt von Darmstadt aus an seinen Freund und Kollegen Alfred Andersch. „Wenn ich nicht bald nach Norddeutschland gelange, entsteht das Buch nie.“ Am Ende landete Schmidt, nach dem vor drei Jahren eine Straße in der Neubausiedlung Ossenhöfe benannt wurde, im 200-Seelen-Nest Bargfeld bei Celle. Doch Lilienthal, Schroeter und die Astronomen ließen den eigenwilligen Schriftsteller nicht mehr los.

Peter Richter, Deutschlehrer im Ruhestand, ist besonders beeindruckt von Schmidts Akribie, wodurch der Dichter denn auch zur wichtigen Quelle für die Heimatforschung werde. Das preisgekrönte literarische Werk, das ja als sperrig und verschroben gilt, zeige bei alledem auch, wie sehr der Autor Leben und Literatur, Wissenschaft und Werk im Zusammenhang sah.

„Zeichnungen, Fotografien und unzählige Notizzettel zeugen davon, dass er alles in sich aufnahm“, weiß Richter. Eigenhändig angefertigte Bleistiftskizzen der Lilienthaler Sternwarte, die um 1800 als die größte auf dem europäischen Festland galt, finden sich in Schmidts Nachlass ebenso wie eine Kopie des Totenscheins von Schroeters Witwe, Ahlke Lankenau.

Zu den Lilienthal-Studien hat die Arno-Schmidt-Stiftung 1996 „Fragmente eines nicht geschriebenen Romans“ veröffentlicht – laut Harald Kühn bis heute ein Standardwerk, das zahllose Belege dafür enthält, dass sich Arno Schmidt von 1949 bis kurz vor seinem Tode im Jahre 1979 mit Lilienthal beschäftigt haben muss. „Es war sein Lebenswunsch.“ Und es wäre wohl das Opus Magnum geworden, wuchtiger noch als der überbordende „Zettel’s Traum“ von 1970, an dem Schmidt sechs Jahre lang gearbeitet hatte. So aber werde Schmidts Stellenwert für Lilienthal nur zu leicht unterschätzt. Der Schriftsteller habe es verdient, mit mehr als nur einer Straßentaufe ins Bewusstsein gerufen zu werden.

Kühn glaubt, dass die Jahreszahl 1801 in Schmidts Arbeitstitel auf die in Lilienthal gegründete internationale Astronomische Vereinigung zurückgeht. Dem Zusammenschluss der Sternenkundler gelang in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts die Entdeckung mehrerer Planetoiden, darunter Ceres, der 1801 in Palermo von Guiseppe Piazzi identifiziert wurde. „Schon in jungen Jahren war Arno Schmidt fasziniert von Schroeter, Olbers und Bessel“, so der Heimatvereinsvorsitzende. Auch Hermann Schumachers wichtigen Sternwarte-Aufsatz von 1889/90 habe Schmidt genau studiert und mit Anmerkungen versehen.

Was aber wäre gewesen, wenn es 1957 mit der Küsterstelle im St. Jürgensland geklappt hätte? Für Peter Richter eine reizvolle Spekulation: „Er war kein einfacher Mensch, möglicherweise hätte er in dem dörflichen Umfeld mit seiner Einstellung Probleme bekommen.“ Schmidt habe die Abgeschiedenheit fürs Arbeiten gebraucht. „Aber wer weiß, ob er dann Lilienthal 1801 fertigbekommen hätte...“

Als ihm Jan Philipp Reemtsma dafür die fantastische Summe von 350000 Mark bietet, schreibt Schmidt am 14. Juni 1977 in sein Tagebuch: „Lilienthal zu schreiben, ist ja nicht nur eine Geldfrage.“ Und seine Frau Alice konstatiert tags darauf warnend, es wäre „bedenklich, sich halbtot zu schaffen“ mit einem „Werk, das rasch zu schreiben zehn Jahre währte“. Schmidt starb zwei Jahre später an den Folgen eines Schlaganfalls.

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