Datenkolumne Das Tik Tok-Verbot

Die Smartphone-App Tik Tok hat es in den vergangenen Wochen in die weltpolitischen Schlagzeilen geschafft. Grund waren angebliche Spionagevorwürfe. Unsere Experten gehen dem auf den Grund.
12.08.2020, 12:19
Lesedauer: 3 Min
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Von Sven Venzke-Caprarese und Dennis-Kenji Kipker

Junge Leute kennen sie alle: einen ganzen Reigen von kleinen Programmen, die man sich herunterladen und auf seinem Smartphone installieren kann. Snapchat, Instagram, Whats-App, Twitter oder den Facebook-Messenger. Viele von ihnen sind sowohl ein Medium zur Unterhaltung und zum Zeitvertreib wie auch ein nützliches Werkzeug zum Netzwerken, Chatten und Austausch mit Freunden. Eines dieser kleinen Programme hat vor wenigen Wochen völlig unvorhersehbar das weltpolitische Parkett betreten: die App Tik Tok, die vom chinesischen Unternehmen Byte Dance entwickelt wurde. Mit Tik Tok, das auch hierzulande in den App-Stores verfügbar ist und sich großer Beliebtheit gerade bei Teenagern erfreut, kann man sich unter anderem Musikclips ansehen und eigene kurze Videoclips aufnehmen, und dazu beispielsweise im Internet die Choreographie seiner Lieblingsstars selbst nachtanzen. Auf den ersten Blick somit ein völlig harmloses Programm – wie kann es also sein, dass Tik Tok zurzeit derart in die weltpolitische Aufmerksamkeit gelangt ist?

Ausgangspunkte der Debatte sind eigentlich zweierlei: Zum einen stammt die App aus China, und zum anderen ist sie mittlerweile zu einer der erfolgreichsten Apps für das I-Phone und für Android-Geräte avanciert, noch vor Youtube, Facebook-Messenger, Instagram, Netflix oder Spotify. Gerade die USA haben zurzeit ein politisch schwieriges Verhältnis mit China, und auch für Indien liest man häufiger von Konflikten mit seinem Nachbarn, dem Reich der Mitte. Erst im Juni kam es zwischen Indien und China erneut zu militärischen Spannungen in der Grenzregion, und die indische Regierung sprach noch Ende Juni ein Verbot für die Nutzung von verschiedenen chinesischen, in Indien sehr populären Apps aus, darunter auch Tik Tok.

Offiziell genannter Grund hierfür war aber nicht der militärische Konflikt, sondern eine angebliche chinesische Spionage, die durch Tik Tok auf den Smartphones betrieben werden soll. Ähnliche Vorwürfe hat zurzeit auch die US-Regierung erhoben – Präsident Donald Trump geht hier sogar noch einen Schritt weiter und will Tik Tok in den USA nicht nur verbieten, sondern durch Microsoft aufkaufen lassen. Das hätte zur Folge, dass die App für US-Nutzer quasi nicht mehr existieren würde, sondern Microsoft eine andere App, aber mit ähnlichen Funktionen, selbst betreiben würde.

Doch was ist nun dran an den Spionagegerüchten? Kann man Tik Tok tatsächlich noch guten Gewissens auf seinem Smartphone installieren? Die Antwort lautet: Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei Tik Tok tatsächlich um eine Spionage-App handelt, dürfte vergleichsweise gering sein. Schon mehrfach wurde die App von unabhängigen Stellen technisch überprüft, und nichts Nennenswertes wurde dabei herausgefunden. Auch zielt die App auf das für Spionage falsche Zielpublikum ab, denn sie wird vornehmlich auf privaten Smartphones von Jugendlichen, nicht aber auf Verwaltungs- oder Regierungshandys installiert. Natürlich lässt sich auch Tik Tok umfassende Rechte für den Datenzugriff beim Download einräumen – das geht aber nicht über andere übliche und vergleichbare Apps hinaus, die man sich im App-Store herunterladen kann, so zum Beispiel der Facebook-Messenger.

Tik Tok dürfte also zumindest keine Spionage-App sein. Dass sie in der weltpolitischen Debatte momentan gleichwohl als eine solche bezeichnet wird, dürfte weniger mit der App an sich, sondern vielmehr mit der Tatsache zu tun haben, dass die App als Vehikel für politische Kommunikation und Drohgebärden genutzt wird. Als privater Nutzer kann man Tik Tok also nach wie vor ruhigen Gewissens auf seinem Telefon installiert lassen, wenn man nur bereit ist, dass Informationen wie mit Facebook vergleichbar an Dritte übermittelt und mit diesen geteilt werden.

Eine weitere Frage ist nun natürlich, ob man auch in Deutschland und in der EU mit einem Verbot von Tik Tok rechnen kann. Unserer Meinung nach ist aber auch das eher unwahrscheinlich, denn das weltpolitische Verhältnis zwischen Deutschland und China ist ein ganz anderes als das der USA oder Indien zu China. Und nicht zuletzt gibt es zumindest zurzeit noch keine klare Rechtsgrundlage, mit der die App als solche hierzulande dauerhaft verboten werden könnte.

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Zur Person

Die Experten

Vor dem Hintergrund von Datenklau und Datenschutz beleuchten sie im WESER-KURIER regelmäßig Themen der digitalen Welt. Der Weyher Dennis-Kenji Kipker ist unter anderem als Vorstandsmitglied bei der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz tätig, der Stuhrer Volljurist Sven Venzke-Caprarese arbeitet als Prokurist und Justiziar bei dem Bremer Unternehmen Datenschutz Nord.

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