Wattführungen bei eisigen Temperaturen

So schön ist Hallig Hooge im Winter

Rund 100 Menschen wohnen auf der 5,6 großen Hallig Hooge im Nationalpark Wattenmeer. Im Sommer wird die Hallig von Touristen überspült, während es im Winter hingegen ruhiger zugeht.
15.12.2018, 20:57
Lesedauer: 4 Min
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Von Andreas Heimann
So schön ist Hallig Hooge im Winter

Auf dem Weg zur Hallig Hooge herrscht eine besondere Lichtstimmung über der kalten See.

www.hooge.de/DPA-TMN

Schon am frühen Abend ist es stockdunkel. Und ziemlich windig. Auf dem Weg von der Hans- zur Backenswarft kann man buchstäblich nicht die Hand vor den Augen sehen. Wer jetzt auf der Hallig Hooge noch draußen unterwegs ist, tastet sich Schritt für Schritt vorwärts. Es ist eine Stimmung, die neu angekommenen Großstädtern schnell unheimlich werden kann.

Wenn gleich Theodor Storms Schimmelreiter am Horizont entlang galoppierte, würde es einen nicht wundern. Straßenlampen gibt es keine. Kein Mensch ist zu sehen. Aber der Himmel ist voller Sterne – und auf einmal zeigt sich sogar eine Sternschnuppe.

Es sind diese Momente, für die Gäste auf die nur 5,6 Quadratkilometer große Hallig im Nationalpark Wattenmeer kommen. Lediglich rund 100 Menschen wohnen hier dauerhaft. Im Sommer wird Hallig Hooge von Touristen überspült, die bei Tagesausflügen für ein paar Stunden über die Hallig laufen, den Film im Sturmflutkino gucken, ein Krabbenbrot essen und dann wieder zum Hafen hetzen. Wenn man die Zahl der Touristen und Einwohner in Beziehung setzt, hat Hallig Hooge ein ähnliches Overtourism-Problem wie Venedig.

Im Sommer wenig Zeit

„Aber im Winter ist es ruhig“, sagt Karen Tiemann, die mit ihrem Mann in einem Reetdachhaus von 1750 auf der Backenswarft wohnt. Das Haus hat schon ihren Großeltern gehört. „Da kann man mal rausgehen an den Deich oder zum Kaffeetrinken zu den Nachbarn.“ Im Sommer hat die gebürtige Hoogerin dafür wenig Zeit. „In meiner Kindheit gab es im Winter keine Gäste, nur zu den Feiertagen. Die Saison ging bis Ende September.“ Das hat sich inzwischen geändert. Aber auch heute sind im Winter nur die wenigsten Ferienwohnungen vermietet. Es gibt Tage, da hat nicht ein einziges Restaurant geöffnet – nicht mal Karen Tiemanns Café „Zum Blauen Pesel“.

Nordseeurlaub mit Gegenwind - Hallig Hooge im Winter

Karen Tiemann ist gebürtige Hoogerin und Mitglied im Kirchenvorstand.

Foto: Andreas Heimann/dpa

„Im Winter holen wir nach, wozu man im Sommer nicht kommt“, sagt die Hoogerin, die auch Mitglied im Kirchenvorstand und in der Theatergruppe der Hallig ist. „Das ist toll, dann nicht diesen Zeitdruck zu haben.“ Und endlich mal dazu zu kommen, Doppelkopf zu spielen, das neue Theaterstück für die nächste Sommersaison zu proben oder ausgiebig zu feiern. Am Sonnabend war so eine Familienfeier, gleich drei Geburtstage auf einmal. Die halbe Hallig war eingeladen. Und etliche sind erst spät schlafen gegangen.

Am Sonntagmorgen in der schönen, kleinen Halligkirche aus dem 17. Jahrhundert ist die Zahl der Gottesdienstbesucher überschaubar. Man hört den Wind draußen pfeifen. Unter der niedrigen Holzdecke hängt ein Schiffsmodell. Am Leuchter brennen Kerzen. Und vorne rechts neben dem Altar ist das Vaterunser auf Plattdeutsch zu lesen: „Uns’ Vadder in’n Himmel: Dien Name schall hillig bleiben.“

"Die Hallig ist ein besonderer Ort"

Swantje Boyens, an diesem Sonntag Küsterin, reicht jedem ein Gesangbuch. Einen ­eigenen Pastor hat die Hallig Hooge derzeit nicht, die Stelle soll 2019 wieder besetzt werden. Den Gottesdienst hält Matthias Petersen, Pastor im Ruhestand, der dafür aus Kiel angereist ist. Im vergangenen Winter hat er vier Monate lang die Vertretung hier übernommen. „Die Hallig ist ein besonderer Ort“, sagt ­Petersen. „Und der Winter hier ist wunderschön. Ich merke dann so etwas wie Entschleunigung, der Takt ist langsamer.“ Und die Kontakte zu den Gemeindemitgliedern seien viel enger als in der Großstadt. „Hier kennt jeder jeden.“ ­Petersen kann dem viel abgewinnen: „Hallig Hooge ist die Sehnsucht nach dem anderen Leben, die bei mir aber nicht so weit geht, dass ich ganz hierher ziehen würde“, sagt er.

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Die Hallig ist klein, die Wege von Warft zu Warft sind kurz. Aber was viele Besucher hier empfinden, ist das genaue Gegenteil: ein Gefühl von Weite und Unendlichkeit. Das liegt vor allem an der Nordsee, die die Hallig umgibt und sie regelmäßig überspült. Im Schnitt fünf Mal im Jahr passiert das, meistens im Winter. Dann steht das Wasser überall, nur die Häuser auf den Warften, wie die künstlichen Erdhügel genannt werden, bleiben trocken – wenn alles gut geht.

Dann pfeift der Orkan um die Hausecken, rüttelt an den Fenstern und Dachpfannen. „Es gibt Gäste, die kommen extra im Winter, um mal Landunter zu erleben“, sagt Bürgermeisterin Katja Just. „Für die meisten ist das ein Abenteuer.“ Dass es nicht viel häufiger zu Überflutungen kommt, liegt an dem Deich, der einmal um Hallig Hooge herumführt. Er ist elf Kilometer lang – in drei Stunden lässt sich die Hallig umrunden, bei kräftigem Wind in vier. Und Wind gibt es hier oft und viel, zwischen Oktober und April noch mehr als sonst und gefühlt immer von vorn. Bei kräftigem Frost frieren die Priele zu. Dann können Halligbewohner und Besucher übers Eis schlittern oder sogar Schlittschuh laufen. Manchmal gibt es auch richtig viel Schnee. Und bei Dauerfrost treiben zwischen den Halligen Eisschollen in der Nordsee.

Nordseeurlaub mit Gegenwind - Hallig Hooge im Winter

Unterwegs auf der Hallig Hooge bei eher verdrießlichem Wetter.

Foto: Andreas Heimann/dpa

Deren Wasser ist im Winter oft schlammgrau. Und der Himmel sieht manchmal nicht viel anders aus. Bei Ebbe kann man auch im Winter ins Watt laufen. Die Mitarbeiter der Schutzstation bieten neben Vorträgen auch Führungen an, selbst bei Minusgraden.

Jasin Olschowka, der dort seinen Bundesfreiwilligendienst macht, wartet schon am Deich nicht weit von der Ockelützwarft, auf der Kindergarten und Schule der Hallig ihren Platz haben. Der Wind bläst kräftig, auf dem Wattboden steht hier und da noch Wasser. Vor dem Deich liegt jede Menge Seegras, das im Winter abstirbt und nun angespült wurde.

Das Watt ist auch bei Kälte voller Leben. Zugvögel wie die Knutts sind allerdings längst im Süden, Ringel- und Graugänse sind nur noch wenige zu sehen, hier und da ein Austernfischer. Wattschnecken lassen sich problemlos auch bei Kälte finden, genau wie Herzmuscheln. Jasin gräbt auch Ringel- und Wattwürmer aus und zeigt auf die Nordseegarnelen, die durch die Pfützen flitzen.

Es ist schon wieder später Nachmittag. Auf dem Priel vor der Kirchwarft schwimmt einsam eine Stockente. Die Wasseroberfläche kräuselt sich leicht. Am Horizont sind die Häuser der Hanswarft zu sehen – aber kein Mensch weit und breit. Die Sonne geht unter, die Wolken stehen still. Man kann dabei zugucken, wie es dunkel wird. Bald ist es wieder schwarz wie die Nacht.

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