Waldbrandgefahr

Bereits viele Einsätze für die Kreisfeuerwehr Lüneburg

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil und Innenminister Boris Pistorius (beide SPD) haben die Waldbrandzentrale in Lüneburg besucht, um sich über die Gefahrenlage zu informieren.
09.07.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bereits viele Einsätze für die Kreisfeuerwehr Lüneburg
Von Peter Mlodoch
Bereits viele Einsätze für die Kreisfeuerwehr Lüneburg

Stephan Weil probiert ein Arbeitsgerät der Feuerwehr aus: Der Ministerpräsident hat die Waldbrandzentrale besucht, um sich über die Gefahrenlage zu informieren.

Philipp Schulze/DPA

Am Waldrand von Betzendorf steigen weiße Schwaden in den wolkenverhangenen Himmel. Blaulicht blitzt zwischen den Bäumen auf; 45 Einsatzkräfte der Kreisfeuerwehr Lüneburg verlegen in Windeseile Schläuche und bauen Wasserbarrieren mit bis zu zehn Meter hohen Fontänen auf. Doch es ist gar kein gefährlicher Rauch, sondern harmloser Kunstnebel. „Wir zünden hier nichts an“, beruhigt Einsatzleiter Torben Schippers. „Hier hat es jetzt zwar ein paar Tage geregnet, aber es ist immer noch trocken genug, dass sofort ein großer Waldbrand entstehen könnte.“

Also bloß kein Risiko; Übung soll schließlich Übung bleiben, zumal sich an diesem Mittwoch hoher Besuch aus Hannover angekündigt hat. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil und der für den Brandschutz zuständige Innenminister Boris Pistorius (beide SPD) wollen sich aus erster Hand über die Feuervorsorge im Land informieren. Die Heide mit ihren sechs Landkreisen Lüneburg, Lüchow-Dannenberg, Uelzen, Heidekreis, Celle und Gifhorn gilt neben den östlichen Bundesländern als Hauptrisikogebiet für Waldbrände.

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Und daran ändert auch das nasse Wetter der vergangenen Tage nichts. Von Entwarnung will der Projektleiter der Waldbrandüberwachungszentrale im Lüneburger Behördenhaus, Helmut Beuke, überhaupt nichts wissen. „Dafür bräuchten wir schon zwei Wochen Landregen am Stück.“ Das Laub der Bäume sei derzeit zwar schön grün, aber der Boden immer noch viel zu trocken. „Das Wasser geht nicht in die Tiefe.“ Nach den beiden Dürrejahren 2018 und 2019 befürchten die Fachleute eine Fortsetzung im laufenden Jahr.

Die Halbjahreszahlen geben ihnen recht. 139 Alarmmeldungen verzeichnete das System in den ersten sechs Monaten – mehr als der Ganzjahresschnitt zwischen 2011 und 2017. „Und der Hochsommer kommt erst noch“, warnt Beuke. Im Vorjahr gab es 315 Meldungen, 2018 sogar 510. Meist sind es allerdings keine Waldbrände, sondern andere Feuer in Gartenlauben, Fahrzeugen und Betrieben. So registrierten die Überwachungskameras auch den fast 80 Kilometer entfernten Großbrand Ende Mai auf einem Recyclinghof in Bassum.

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Das Hauptaugenmerk der Kontrolleuren der Niedersächsischen Landesforsten gilt allerdings aufkeimenden Glutnestern in den Heidewäldern. Eine Million Hektar umfasst das Risikogebiet mit seinen sandigen Böden, davon sind 400 000 Hektar mit Wald bewachsen. „Wir können Entstehungsbrände sehr früh und dadurch rechtzeitig erkennen“, sagt Beuke über die vor zwölf Jahren ins Leben gerufene Zentrale. Die beiden größten Waldbrände 2018 und 2019 in Niedersachsen hätten Ausmaße von gerade mal 0,3 und 0,8 Hektar erreicht, sagt der Brandbekämpfer.

In Brandenburg seien es vor zwei Jahren dagegen 1630 Hektar gewesen, 2019 in Mecklenburg-Vorpommern 1000 Hektar. In beiden Fällen habe man mehrere Dörfer evakuieren müssen. Beuke nutzt die Anwesenheit des ­Ministerpräsidenten und beklagt eine mangelhafte Kooperation der östlichen Nachbar-Bundesländer. Während man selbst Verdachtsmomente sofort nach drüben melde, kämen umgekehrt von jenseits der Landesgrenze keine Hinweise. Stephan Weil verspricht, das Problem bei seinen Amtskollegen anzusprechen.

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20 schwenkbare Kameras an 17 Standorten wie Türmen oder Funkmasten liefern über den behördlichen Digitalfunk Schwarz-Weiß-Fotos nach Lüneburg, wo das System bei abweichenden Grauwerten sofort Alarm schlägt. Fachleute an den Schirmen bewerten die Bilder, können binnen Sekunden Rauschwaden vom Nebel einer landwirtschaftlichen Beregnungsanlage unterscheiden. Besetzt ist die Zentrale von Frühjahr bis Herbst zwischen 10 und 19 Uhr. Davor und danach sei selbst im Hochsommer keine Selbstentzündungsgefahr gegeben, erklärt der Fachmann.

Beim höchsten Waldbrandgefahren-Index 5 starten von Lüneburg und Hildesheim zusätzlich zwei Beobachtungsflugzeuge, um aus der Luft mögliche Feuer aufzuspüren. Seit Neuestem dreht der Flieger aus Hildesheim dabei auch eine Runde über den Harz. Das automatische Überwachungssystem ist hier nicht installiert. Dessen Kameras funktionieren in den vielen Tälern nicht richtig. Bislang galt das Mittelgebirge unter anderem wegen seiner lehmigen Böden nicht unbedingt als Risikogebiet.

Inzwischen haben Trockenheit und Borkenkäfer dem Harz derart zugesetzt, dass die Waldbrandgefahr ebenfalls enorm gestiegen ist. Landesforsten-Präsident Klaus Merker plädiert deshalb für ein eigenes ­Kameranetz im Harz. Regierungschef Weil deutet zumindest ein besonderes Augenmerk für Südniedersachsen an. Man werde dafür sorgen müssen, den Brandschutz auf einem hohen Niveau zu halten. „Die Wälder hier haben sehr gelitten.“

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