Spargel- und Erdbeersaison Erntehelfer bleiben großes Thema

Die gute Nachricht: Die Spargelernte ist sicher. Trotzdem bereitet das Wirrwarr um die Saisonarbeiter aus Osteuropa den hiesigen Landwirten auch weiterhin mitunter schlaflose Nächte.
08.04.2020, 17:40
Lesedauer: 5 Min
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Von Jacqueline Schultz

Wie deutschlandweit fürchten auch Spargel- und Beerenanbauer im Landkreis Oldenburg um ihre Ernte. Denn noch ist unklar, ob sie genügend Erntehelfer finden werden. Zwar sollen die im Kampf gegen das Coronavirus verhängten Einreisestopps für Menschen aus osteuropäischen Ländern wieder aufgehoben werden und bis zu 80 000 Erntehelfer unter strengen Auflagen nach Deutschland eingeflogen werden. Nur: Während Rumänien signalisiert hat, bei dem Plan mitzumachen, will Bulgarien wiederum das seinen Bürgern nicht erlauben. Und ob die Grenze nach Polen offen bleibt, ist noch eine ganz andere Frage. Außerdem steht eine weitere Frage im Raum: Kann das logistisch funktionieren, so viele Menschen in zwei Monaten mal eben einzufliegen?

Es gibt also noch einige Ungewissheiten, die über dieser Erntesaison liegen. Viele Landwirte sind aber sowieso schon gezwungen gewesen, zu improvisieren, schließlich hat die Spargelernte bereits angefangen und Lösungen mussten bereits im März gefunden sein. Aber die Situation könnte sich Anfang Mai mit Beginn der Erdbeerernte möglicherweise verschärfen. Je nachdem, ob sich die Grenzen im erhofften Maße öffnen oder eben nicht.

„Wir sehen die Grenzschließungen aus Gründen der Vorsorge zwar durchaus als gerechtfertigt an„, zeigt Bernhard Wolff, Geschäftsführer der Kreislandvolkverbandes Oldenburg, Verständnis für die Maßnahmen der Bundesregierung. Aber ohne die in der Vorwoche von den Bundesministern Julia Klöckner (CDU, Landwirtschaft) und Horst Seehofer (CSU, Inneres) verkündete Lockerung der Regelungen hätte 2020 ein bitteres Jahr für viele Betriebe werden können. “Sonst wären unsere rund 20 bis 25 Gemüsebaubetriebe mit Spargel und später Erdbeeren sehr hart getroffen gewesen“, meint Wolff. Was passiert, wenn doch nicht genügend Erntehelfer ihren Weg nach Deutschland finden? „Wenn die Erntekräfte fehlen, wird ein wesentlicher Teil des Gemüses und Obst womöglich auf den Feldern bleiben“, sieht Wolff die Situation kritisch.

Es sei denn, die Betriebe haben selbst vorgesorgt. „Kurz vor Schließung der Grenzen haben wir rund zehn Rumänen einfliegen lassen“, berichtet zum Beispiel Liane Wempe vom gleichnamigen Spargelhof in Ganderkesee. Insgesamt hat sie damit jetzt 16 Helfer für die just angelaufene Spargelernte im Team. Der Hofladen in Hoyerswege ist seit Mittwoch geöffnet. Auch über Facebook hätten sich viele Leute gemeldet und ihre Arbeit angeboten. Die Bereitschaft der Leute sei groß. „Momentan stehen wir also nicht so schlecht da. Wir haben ein gutes Kontingent, in anderen Betrieben sieht die Situation schlimmer aus“, weiß sie von ihren Berufskollegen.

Sorgen bereitet ihr die Zeit Anfang Mai, wenn die Tunnelerdbeeren geerntet und die Freilandsorten gepflanzt werden, wobei die Spargelernte bis Ende Juni parallel weiter läuft. Dafür benötigt sie etwa zehn zusätzliche Saisonkräfte. „Normalerweise kommen die dann in einer zweiten Anreisewelle“, erzählt Wempe. Doch trotz der Lockerung der Regelungen sieht sie auch weiterhin Probleme: „Die Plattform, auf denen Betriebe Leute melden konnten, war am Montag erst einmal gar nicht zu erreichen.“ Dort müssten nicht nur die Namen der Saisonarbeiter, sondern auch die Personalausweise in Kopie und eine konkrete Flugnummer angegeben werden. Es sei zunächst jedenfalls nicht gelungen, die benötigten Kräfte verbindlich anzumelden. Zudem seien die Auflagen für jetzt noch einreisende Erntehelfer, die die Betriebe einhalten müssten, „hammerhart“ (siehe Kasten).

Doch selbst wenn man auf Alternativkräfte oder Kurzarbeiter zurückgreift: „Was ist, wenn diese in ihre alten Jobs zurückkehren?", fragt Liane Wempe. Vor allem, wenn die Grenzen dann vielleicht doch wieder undurchlässiger werden als jetzt geplant. Schwer einschätzen kann sie auch die Arbeit mit den Alternativkräften: Da habe sie keine Erfahrungen. „Die Rumänen haben einen ganz anderen Druck, Geld verdienen zu müssen. Die kommen wirklich nur, um zu arbeiten. Die Rahmenbedingungen sind ganz anders als die der Menschen vor Ort“, schildert Wempe ziemlich ungeschminkt die Situation.

Skeptisch ist auch Klaus-Dieter Ulrich vom gleichnamigen Spargelhof Dötlingen: „Über Aufrufe und Medien haben sich zwar viele Leute gemeldet, aber ob diese dann Vollzeit auf dem Feld stehen, ist fraglich. Das sind häufig nur Absichtserklärungen.“ Zudem stünden Stundenlöhne von 16 oder 17 Euro zur Debatte: „Und das sind Preise, die ich nicht bezahlen kann“, stellt er klar.

Liane Wempe sieht das ähnlich: „Was müsste ich für eine Kiste Erdbeeren nehmen, um diese Löhne zahlen zu können? Spargel und Erdbeeren müssen für den Kunden auch bezahlbar bleiben. Sonst bleiben die Kunden weg, zumal das Geld durch die Krise sicherlich knapper wird.“ Auf die Kaufkraft der Privatleute ist Wempe zurzeit mehr denn je angewiesen, da auch der Absatz von Hotels und Restaurants fehlt. Bei ihr mache das etwa 20 Prozent des Umsatzes aus, bei anderen Betrieben sogar noch deutlich mehr.

Sonja Alfkens vom Spargelhof in Groß Köhren sieht den Einsatz von Alternativkräften ohnehin eher in anderen Bereichen, etwa in der Sortierung, in der Aufbereitung, als Fahrer oder im Verkauf. Rund 80 Kräfte braucht sie für diese Aufgaben, Anfragen gibt es genug. Hinzu kommen 40 Helfer für die Ernte. „Und hier suchen wir keine Leute, die zwischendurch mal ein paar Stunden Zeit haben und bei gutem Wetter auf dem Feld arbeiten möchten, sondern Leute, die sechs Tage in der Woche bei Wind und Wetter acht Stunden am Tag Spargel ernten“, sagt Alfkens. Deshalb ist sie auch froh, kurzfristig noch rund 15 Erntehelfer aus Polen gefunden zu haben. Das reicht zumindest für die Spargelernte, aber für die Erdbeersaison ab Mai sowie die Himbeer- und Heidelbeersaison ab Anfang Juni braucht auch sie weitere Leute.

Zwar ist Sonja Alfkens nun zuversichtlich, dass Ende April neun Rumänen mit dem Flugzeug einreisen dürften. Sorgen bereitet ihr aber, dass Polen die Grenze zu Deutschland schließen könnte. Die Unsicherheit bleibe in jedem Fall. „Wir können überhaupt nicht planen und schauen nur von Tag zu Tag.“ Klaus-Dieter Ulrich befürchtet, dass mit den Hygienerichtlinien „ein riesiger bürokratischer Aufwand“ verbunden ist.

Auf dem Hof Alfkens gilt es jetzt aber erst einmal, die weißen Stangen von 25 Hektar Anbaufläche zu ernten. „Unser Hofladen ist schon seit einer Woche geöffnet. Und nach und nach folgen jetzt die Verkaufsstände“, sagt Sonja Alfkens. Die Erträge seien dabei schlecht zu prognostizieren. Laut Klaus-Dieter Ulrich könnten pro Hektar maximal acht bis neun Tonnen Spargel geerntet werden. Wenn es zu kalt sei, vielleicht aber auch nur die Hälfte oder sogar ein Drittel.

Um den Landwirten in ihrer gegenwärtigen Situation zu helfen, hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft ein ganzes Maßnahmenpaket zur Unterstützung entwickelt. So dürfen Saisonarbeitskräfte nun bis zum 31. Oktober eine kurzfristige Beschäftigung bis zu 115 Tagen sozialversicherungsfrei ausüben. Bisher war dies nur bis zu 70 Tage möglich. Außerdem werden Nebeneinkünfte aus der Landwirtschaft übergangsweise bis zur Höhe des Nettolohns aus dem eigentlichen Beschäftigungsverhältnis nicht auf das Kurzarbeitergeld angerechnet. Schließlich hat das Ministerium das Vermittlungsportal www.daslandhilft.de ins Leben gerufen, um den Kontakt zwischen suchenden Landwirten und helfenden Kräften herzustellen.

Info

Zur Sache

Auflagen für Erntehelfer

- Erntehelfer dürfen ausschließlich per Flugzeug einreisen. Dies soll stundenlange Busfahrten quer durch Europa vermeiden. Bei der Einreise erfolgt ein Gesundheitscheck.Vom Flughafen müssen die Erntehelfer dann vom Betrieb abgeholt werden.

- In den ersten 14 Tagen müssen Agrarhelfer, die neu einreisen, separat untergebracht werden und von anderen Beschäftigten strikt getrennt leben und arbeiten. Sie dürfen den Betrieb in dieser Zeit nicht verlassen. Dies gilt laut Regierung als '„faktische Quarantäne bei gleichzeitiger Arbeitsmöglichkeit“.

- Die Saisonkräfte sollen dabei in möglichst kleinen Gruppen von fünf bis zehn Personen arbeiten. Dabei sind Mindestabstände einzuhalten.

- Die Unterkünfte sind nur mit halber Kapazität zu belegen. Gemeinschaftsräume wie Küche dürfen von den Arbeitergruppe nie gleichzeitig genutzt werden.

- Bei einem begründeten Verdacht aus Infizierung ist der Arbeitnehmer sofort zu isolieren und das ganze Team muss getestet werden.

- Besucher sind auf dem Betriebsgelände verboten.

- Kontrolliert werden die Auflagen vom örtlichen Gesundheitsamt.

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