Tschüss, Jutta Behrens

Mehr Raum für Spontaneität

Seit 38 Jahren gehört Jutta Behrens zur Syker Stadtbibliothek, jetzt geht sie in den Ruhestand. Langeweile befürchtet sie nicht.
16.03.2020, 18:16
Lesedauer: 4 Min
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Von Sarah Essing
Mehr Raum für Spontaneität

Ein gemütlicher Lesesessel ist Jutta Behrens' Lieblingsplatz in der Syker Stadtbibliothek. Die Leiterin geht am 17. März in den Ruhestand.

Braunschädel

Syke. In zwei Klassenräumen hat Jutta Behrens angefangen, 1982, in der Grundschule am Lindhof. Dort richtete die Stadt Syke ihre erste öffentliche Bibliothek ein. Der Bestand stammte hauptsächlich aus Spenden. Eine Menge Bücher, die die junge Bibliotheksassistentin – „so hieß das damals“ – und ihre Kollegin erst mal sichten und sortieren musste, ehe sie sie in den Katalog aufnehmen konnten. „Am Anfang haben wir noch mit Leseheften gearbeitet“, erinnert sich Behrens mit einem Schmunzeln. Ein schmales Notizheftchen, auf dem vorne der Name und die Lesenummer stand und in das die ausgeliehenen Bücher eingetragen wurden, handschriftlich. Die Bücher hatten noch Karten, die bei der Entleihe herausgenommen und gestempelt wurden. „Die mussten wir dann einsortieren, manchmal riesige Stapel“, sagt Jutta Behrens. Es hat sich eine Menge geändert in den letzten 38 Jahren. Nur eines nicht. „Mein Beruf hat mir immer Spaß gemacht“, sagt Jutta Behrens. Am 17. März geht sie in Rente.

„Wir haben interessante Zeiten gehabt“, sagt Jutta Behrens. Angefangen mit „irren Lesungen“ wie sie es ausdrückt. Walter Kempowski, Arno Surminski, Ulla Hahn und Wolfdietrich Schnurre lasen in der Syker Bücherei aus ihren Büchern. Will Quadflieg las die Werke anderer, aber nicht weniger eindrucksvoll. „Klaus Peter Wolf ist bestimmt sieben Mal hier gewesen“, erinnert sie sich gern an diese Zeit. Neben den Lesungen organisierte sie auch Vorträge, Ausstellungen und Mitmachaktionen für die kleinen und großen Nutzer der Bibliothek. Die ganze Familie sollte sich in den Räumlichkeiten wohl fühlen.

Das wirkt bis heute nach, selbst wenn es in Syke längst auch an anderen Orten mehr kulturelle Angebote für alle Altersklassen gibt. Der Familiensonntag, der sich wie jüngst selbst bei Sturm und Regen als Zuschauermagnet erwiesen hat, legt Zeugnis davon ab. Ebenso wie die Spielenachmittage, das Bilderbuchkino, Literatur- und Seniorenfrühstück, der Computerclub.

Seit 2006 erhält das Team der Stadtbibliothek dabei Unterstützung vom Förderverein der Bibliothek. Dessen Gründung war Behrens' Idee. „Wir brauchten jemanden, der uns personell, finanziell, aber vor allem ideell unterstützen kann“, sagt sie. Denn: „Wenn man so eine kreative Gruppe um sich hat, macht die eigene Arbeit noch mehr Spaß.“ Wie etwa die Lesungen an ungewöhnlichen Orten, im Möbelhaus Wagner etwa, oder der Poetry Slam im Garten des Vorwerks und die Moritatensänger im Vorwerk.

„Ich hätte gerne noch eine Lesung in einem Autohaus organisiert“, sagt sie. Mit wem? Hat sie einen Lieblingsautor oder ein Lieblingsbuch? Da will sich die Kirchweyherin lieber nicht festlegen. Krimis mag sie, aber sonst sagt sie mit einem Lachen: „Jedes Jahr hat sein Lieblingsbuch.“ Sie müsse berufsbedingt so viele Bücher anlesen, dass sie sagt: „Wenn ich es dann zu Ende bringe, ist es ein gutes Buch.“

Besonders stolz ist Jutta Behrens auch auf die Bücher-Mäuse, eine Lesestarter-Aktion in Kooperation mit der Stiftung Lesen und einer Kinderärztin. Dabei erhalten Kleinkinder einen kleinen Beutel mit einem Bilderbuch und die Eltern Informationen zum Angebot der Bibliothek. „Büchereien haben auch einen Bildungsauftrag“, unterstreicht Behrens. Die Leseförderung hat ihr deshalb immer besonders am Herzen gelegen. „Damit keine Schwellenangst da ist“, sagt sie, denn sie weiß: „Wenn man eine Verbindung hat, kommt man irgendwann wieder.“ Und tatsächlich kommen viele Eltern, die sie als Kinder kennengelernt hat, heute mit ihren eigenen Kindern, um das Angebot der Bücherei zu nutzen.

Und längst gibt es in der Bibliothek nicht mehr nur ausschließlich Bücher auszuleihen. In den Regalen tummeln sich auch Musik- und Hörspiel-CDs, DVDs, Hörbücher, Computerspiele und Brettspiele. Nach dem Umzug 1985 der Syker Bibliothek kam auch die erste EDV zur maschinellen Erfassung der Ausleihen, wie Jutta Behrens sich erinnert. Inzwischen ist die Stadtbibliothek längst bei der neuesten Softwaregeneration angekommen. Heute läuft nicht nur die Buchung über den Computer. Übers Internet hat jeder Leser auch Zugang zu seinem Konto, kann einsehen, was entliehen ist, kann Medien vorbestellen oder verlängern, Musik hören und sich über die Neuerwerbungen in der Bücherei informieren. 25 000 Medien hat die Syker Bibliothek in ihren Räumen. Hinzu kommen 26 000 E-Books, die über das gemeinsame Portal der niedersächsischen Lokalbüchereien – NBib24 – entliehen und auf den E-Book-Reader – oder über die entsprechende App gleich aufs Smartphone – heruntergeladen werden können. „Interessant“ waren die Zeiten sicherlich nicht nur wegen der Veranstaltungen.

„Als wir hier im Rathaus angefangen haben, hatten wir samstags noch auf, weil der Wochenmarkt vor der Tür stattfand“, erinnert Jutta Behrens sich. Später verlagerte sich das Geschehen dann mehr auf die andere Seite der Bundesstraße, die Bibliothek kürzte ihre Öffnungszeiten. Veränderungen gab es viele in den vergangenen 30 Jahren. Die „Auffrischung“ des Kinder- und Jugendbereichs ist dabei nur die jüngste in einer ganzen Reihe. „Nach 35 Jahren hat die 'Wichtelburg' ausgedient“, findet Jutta Behrens das nur richtig. Eine Rutsche, geschwungene Regale und eine Wand mit Monitoren, an denen gespielt werden kann, sollen dann bei den nächsten Generationen für Abwechslung sorgen. Bibliotheken, das weiß Jutta Behrens, sind nicht nur eine Buch-Abhol-und-Rückbring-Station – auch im digitalen Zeitalter nicht. Wie sie sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Veränderungen angepasst haben, wird das auch in Zukunft geschehen. Und da sind sie immer stärker gefragt als Treffpunkt für alle Generationen. Einem Umzug an die Hauptstraße, wie er bereits seit einiger Zeit mal mehr, mal weniger angedacht ist, steht Jutta Behrens daher durchaus positiv gegenüber. Doch das wird dann ihre Nachfolge regeln müssen.

„Ich habe bewusst noch gar nichts organisiert“, sagt sie über ihren nahenden Ruhestand. Langeweile wird dennoch nicht aufkommen, ist sie sicher. Dafür ist sie zu vielseitig interessiert. „Ich war immer sportlich aktiv“, sagt sie. Für Pilates und Nordic Walking hat sie auch Übungsleiterscheine gemacht. Im TSV Barrien gibt sie zudem seit kurzem einen Doppelkopf-Kurs. Die Kirchweyherin will sich künstlerisch betätigen und mehr Dinge in der Umgebung erkunden. „Ich freue mich darauf, spontan zu sein, nicht immer planen zu müssen.“

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