Timmersloher Ökoanbau Start-up-Unternehmen vermietet ökologische Anbauflächen in Timmersloh

In der Erde wühlen, Pflanzen wachsen sehen und Gemüse ohne Plastikverpackung nach Hause tragen, sind Gründe, warum Großstädter bei dem Urban-Gardening-Projekt Ackerhelden in Timmersloh mitmachen.
05.11.2018, 07:52
Lesedauer: 4 Min
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Von Petra Scheller

Üppige Rosenkohl-Sträucher stehen neben rotem Mangold. Tomaten, Gurken und Kürbisse leuchten in der tief stehenden Herbstsonne. Korn- und Ringelblumen säumen das großflächige Nutzbeet gleich neben dem Landkindergarten Timmersloh. Bianca Meyer-Sander bewirtschaftet ihre kleine Parzelle zweimal pro Woche. An Wochenenden tummeln sich hier Kinder mit Gießkannen und Schaufeln, erzählt sie. Meyer-Sander drapiert Rote Beete, Karotten und Lauchzwiebeln in ihrem Körbchen, als würden sie für ein Hochglanzmagazin abgebildet werden.

Ihre Jungs sind diesmal nicht dabei. „Aber sie werden sich nachher über das Gemüse freuen“, sagt die Grasbergerin zufrieden. „Biogemüse-Gärten zum Mieten“, steht auf einem großen Schild an der Timmersloher Landstraße 25 – über 2500 Quadratmeter groß ist die Fläche insgesamt. Die Timmersloher Petra und Ingo Stelljes-Subarew stellen das Land aus Familienbesitz zur Verfügung. 30 Parzellen vermieten sie über ein Start-up-Unternehmen namens Ackerhelden aus Essen an Städter und Menschen ohne eigenen Garten.

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Reger Andrang

Bianca Meyer-Sander fällt eigentlich von vornherein aus dieser Zielgruppe heraus. Sie kommt aus Grasberg und wohnt mit ihrer vierköpfigen Familie auf einem großen Hof zur Miete. „Dort gibt es nur Rasenfläche ringsherum. Das ist für die Jungs zum Bolzen gut,“ sagt die Mutter eines Sieben- und eines Zwölfjährigen. „Aber anbauen kann ich da nichts.“ Zwei- bis dreimal pro Woche ist die Hobbygärtnerin deshalb in diesem Sommer nach Timmersloh gependelt, um Mais, Möhren, Spinat und Grünkohl zu säen. Die Idee mit der Parzelle habe sie ihrer Familie zu Weihnachten geschenkt. „Die waren erst mäßig begeistert, aber inzwischen finden sie es ganz gut“, sagt die Gärtnerin, während ihr Mann Bunte Beete erntet.

Die Soziologiestudentin Carolin Neumann kniet ebenfalls auf der Erde und pflückt Endiviensalat, Beete, Bohnen, Tomaten und Wirsing. Die Riensbergerin verstaut den Ertrag in einem kleinen Pappkarton. Kartoffeln hat sie noch zuhause. Im zweiten Jahr nutzt die Bremerin das Urbarn-Gardening-Projekt am Rande der Wümmewiesen. „Ich wohne in einer kleinen Wohnung. Hier kann ich endlich mal etwas selber anbauen“, sagt sie glücklich. „In der Erde wühlen, Pflanzen wachsen sehen und Gemüse ohne Plastikverpackung nach Hause tragen, sind Gründe, warum ich bei dem Projekt mitmache“, sagt Neumann. Knappe 200 Euro kostet die Gartenmiete pro Saison. Hinzu kämen noch rund hundert Euro für Setzlinge, Saat und Gartenutensilien. Spaten, Gießkannen und Wasser werden gestellt und gemeinschaftlich genutzt.

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Einen Teil der zweimal 20 Meter langen Parzellen haben Stelljes-Subarews bereits im Frühjahr bestellt. Die erste Bepflanzung läuft nach Planvorgabe der Ackerhelden – Mangold, Rosenkohl, Wirsing und Ringelblumen waren in diesem Jahr unter anderem Pflicht. Die andere Hälfte der Flächen bepflanzen die Mieter selbst. Sie sei eine absolute Gartenanfängerin, erklärt Neumann. Deshalb habe sie auch am Anfang der Saison an einer Einführungsveranstaltung des Start-ups teilgenommen. „Wege wurden markiert, Schnüre gespannt und Felder zugeordnet“, sagt Neumann. Das kollektive Bestellen der Parzelle sei hilfreich. „Rote Beete habe ich früher nie gegessen“, und dass Brokkoli so hoch und üppig wachse, sei ihr völlig neu. „Ich bin erschrocken, wie wenig ich eigentlich über Pflanzen weiß“, gibt die Bremerin unumwunden zu. „Es ist toll zu sehen, wie die Dinge hier wachsen.“

Urban Gardening ist vor gut fünf Jahren als Trend an den Rändern großer Städte gesät worden, erzählt der Unternehmensgründer der Ackerhelden, Tobias Paulert, am Telefon. Dreimal im Jahr ist er vor Ort in Timmersloh und gibt Schulungen. Die Ackerhelden streichen mit ihrer grünen Idee noch keine Gewinne ein, sagt der Gründer. Jedenfalls keine monetären. „Immerhin schreiben wir in diesem Jahr fast eine schwarze Null.“ Paulert will sich nicht damit abfinden, dass gesunde Ernährung ein Privileg für Gutverdienende sein muss. Die Idee einer gesunden Ernährung für alle, die daran Interesse haben, treibe ihn an. Zusätzlich zu den Privatparzellen vermieten die Ackerhelden kostenlose Flächen an Schulklassen und Kindergärten – dazu haben Paulert und sein Partner eine gemeinnützige Gesellschaft gegründet. Zurzeit sei er in Gesprächen mit der Bremer Bildungsbehörde. Es sei erklärtes Ziel der Stadt, bis zum Jahr 2021 in Schulen und Kindergärten weitgehend Biokost anzubieten. Paulert will die Umsetzung unterstützen.

Salatköpfe fehlen

Carolin Neumann vermisst ein paar Salatköpfe. Zwei Reihen habe sie gepflanzt, doch nur zwei Köpfe seien etwas geworden. „Der Rest ist nicht aufgegangen“. Schuld sei wohl der trockene Sommer. Tütchen mit Saat und Setzlinge gab es auf Bestellung zugeschickt.

Nach der Ernte vertrocknen die Pflanzenreste auf dem Feld. Im Frühjahr werde der Humus untergepflügt, erklärt Ingo Stelljes-Subarew. Gurken, Tomaten oder Brokkoli entziehen dem Feld im Verlauf des Jahres Nährstoffe, die sie zum Wachsen und zur Fruchtbildung benötigen. Diese Nährstoffe müssten dem Boden zurückgegeben werden. Eine besonders gute Methode sei die Gründüngung: Perserklee, Gelbe Lupine und Phacelia werde er nach Saisonende im November in die Erde drillen, erklärt der Hobbylandwirt.

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Das Land als Bioacker zu nutzen, passe in ihre Weltanschauung, sagt das Timmersloher Ehepaar. Der Installateur- und Heizungsbaumeister und die Kauffrau Subarew betreiben zusätzlich einen landwirtschaftlichen Nebenerwerb und züchten Schafe. Auf ihren Feldern werde grundsätzlich ohne künstliche Düngemittel oder Pestizide gearbeitet.

In diesem Jahr waren alle 30 Parzellen vermietet. Im kommenden Jahr haben die jetzigen Mieter ein Vorpachtrecht. Weitere Informationen gibt es unter www.ackerhelden.de. Kindergärten und Schulklassen können sich unter www.ackerheldenmachenschule.de belesen. Ihnen stehen die Ackerflächen kostenlos zur Verfügung.

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