Vogelschutzgebiet

Streit über Jagd im Nationalpark eskaliert

Die Jagd im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer ist nur mit Einschränkungen erlaubt. Agrarministerin Otte-Kinast verlängert bestehende Jagdpachten und provoziert damit Umweltminister Lies.
30.08.2018, 20:37
Lesedauer: 3 Min
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Streit über Jagd im Nationalpark eskaliert
Von Silke Looden
Streit über Jagd im Nationalpark eskaliert

Ringelgänse rasten zu Tausenden im Nationalpark.

Ingo Wagner/dpa

Ein neuer Streit ist in der niedersächsischen Landesregierung eskaliert: Im Alleingang hat Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) die Jagdpachten im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer verlängert und damit den Ärger von Umweltminister Olaf Lies (SPD) auf sich gezogen. Naturschutzverbände fordern schon lange ein Verbot der Jagd in dem wohl größten europäischen Vogelschutzgebiet. Jedes Jahr rasten dort im Herbst und im Frühjahr Tausende Zugvögel.

„Das eigenmächtige Vorgehen des Landwirtschaftsministeriums ist mir vollkommen unverständlich und ganz schlechter Stil“, sagte Minister Lies. Warum die Domänenverwaltung Verträge abschließe, die erheblich vom Kompromiss mit der Nationalparkverwaltung abweichen, sei ihm unbegreiflich. Offenbar gehen die Meinungen über angemessene Regelungen zum Schutz der Vögel weit auseinander. Lies: „Dieser Alleingang bedeutet einen hohen Vertrauensverlust.“

Niedersachsen habe mit der Einrichtung des Weltnaturerbes Wattenmeer nicht nur eine besondere Auszeichnung erhalten, sondern auch einen Auftrag von internationaler Bedeutung angenommen. „Wir wollen eine nachhaltige und moderne Naturschutzpolitik. Eine rückwärtsgewandte Jagd kann nicht in unserem Sinne sein“, so Lies. Mit ihrem Alleingang konterkariere die Landwirtschaftsministerin den Naturschutz und stelle die bislang gute Zusammenarbeit auf eine „harte Probe“.

Niedersächsische Umweltverbände sprechen von einem Skandal

Ministerin Otte-Kinast zeigte sich überrascht von der scharfen Kritik. Die Verlängerung der Jagdpachtverträge sei ein „üblicher Vorgang“. Sie betonte: „Den Vorwurf, den Naturschutz zu konterkarieren, weise ich entschieden zurück.“ Das Nationalparkgesetz sehe weitreichende Einschränkungen bei der Jagd vor, und diese bestünden auch weiterhin. Auch in den verlängerten Verträgen seien zusätzliche Einschränkungen festgehalten, die noch über das Gesetz hinausgingen, so Otte-Kinast.

Von einem „Skandal“ sprechen indes die niedersächsischen Umweltverbände. Insgesamt neun Organisationen – darunter der Naturschutzbund (Nabu), der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), der WWF und der Mellumrat – können nicht verstehen, warum die Jagd in einem Nationalpark überhaupt erlaubt wird. In einer gemeinsamen Erklärung heißt es: „Die Jagd ist mit dem Schutzgedanken des Nationalparks grundsätzlich nicht zu vereinbaren.“ Statt Verbesserungen zu erzielen, solle das Rad zurückgedreht werden.

„Hunderte von Zugvögeln werden von Jägern erschossen oder von abgerichteten Jagdfalken erlegt, Tausende von ihren Hochwasserrastplätzen vertrieben oder so stark beunruhigt, dass sie fluchtartig das Gebiet verlassen“, meint Holger Buschmann, Landesvorsitzender des Nabu in Niedersachsen. „Bei der Jagd auf Waldschnepfen kommt hinzu, dass dieser wunderbare Vogel im Schutzgebiet allein wegen seines Federkleides geschossen wird, das die Jäger dann stolz als Trophäe an ihren Hüten tragen. Diese Zeiten sollten endlich vorbei sein.“

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„Nach über 30 Jahren ist es an der Zeit, die international geltenden Kriterien für Nationalparks einzuhalten“, fordert der Landesvorsitzende des BUND, Heiner Baumgarten. Mit der Einrichtung eines Nationalparks habe sich Niedersachsen auch zur Einstellung der Jagd verpflichtet. Die Naturschutzverbände fordern deshalb eine sofortige Einstellung der Jagd im Nationalpark. Bislang seien nicht einmal die Ruhezonen auf den Inseln gänzlich als befriedete Gebiete ausgewiesen. „Touristen, die dort Erholung suchen, müssen mit ansehen, wie Zugvögel abgeschossen werden.“

Der frühere niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) bezeichnete den Alleingang seiner Nachfolgerin im Amt als „skandalös“. Er sei in seiner Amtszeit mit dem damaligen Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) übereingekommen, die bestehenden Pachtverträge nicht mehr zu verlängern. Der Naturschutz, so Meyer, spiele in der Großen Koalition offensichtlich keine große Rolle. „Unfassbar ist, dass die Ministerin auch noch die Jagdfreigabe auf weitere streng geschützte Arten wie Blässgans, Saatgans und Nonnengans plant“, betonte Meyer gegenüber dem WESER-KURIER.

Für Landwirte teils eine Plage

Der Wattenrat hatte in der Vergangenheit Jagdverstöße im Nationalpark mit Fotos dokumentiert. Die Anzeigen verliefen jedoch im Sande. Wattenrat-Sprecher Manfred Knake sagte: „Es ist ein Unding, dass Freizeitjäger aus Spaß an der Freude in diesem Großschutzgebiet ganz legal auf bestimmte Gänse- und Entenarten, auch Zugvögel schießen dürfen.“ Dies sei umso unverständlicher, als dass die Nationalparkverwaltung mit den Zugvogeltagen im Herbst werbe. Inzwischen hat sich ein regelrechter Gänsetourismus entwickelt. Birdwatcher reisen mit Bussen in die Rastgebiete, um die Wildvögel zu beobachten.

Für Landwirte indes sind die Wildgänse teils eine Plage. Sie fressen Grünland kahl und verkoten es so sehr, dass Kühe dort kein Gras mehr finden. Als Entschädigung erhalten Bauern rund 480 Euro pro Hektar vom Land für Ländereien im Vogelschutzgebiet – insgesamt sieben Millionen Euro pro Jahr. Die Grünen wollen diese Praxis mit einem Parlamentsantrag ändern. Demnach sollen Landwirte nur eine Entschädigung erhalten, wenn sie einen Schaden nachweisen. Meyer: „Wir zahlen ja auch keine Entschädigung an alle Schäfer in Wolfsgebieten.“

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