Landkreis Osterholz

Streit um Hasenjagd

Landkreis Osterholz. Jäger Hans-Georg Thölken fordert die sofortige Einstellung der Hasenjagd. Kreisjägermeister Heiko Ehing sieht dazu keinen Anlass.
06.11.2013, 03:00
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Streit um Hasenjagd
Von Brigitte Lange
Streit um Hasenjagd

Der Hase hat’s schwer: Klimawandel und Maisanbau setzen ihm zu. Gejagt wird er trotzdem.

ALIMDI.NET, ALIMDI.NET / Herbert Kratky

Feldhasen leben zurzeit gefährlich. Bis zum 15. Januar dürfen sie in Niedersachsen gejagt werden. Dafür gebe es keine Berechtigung mehr, meint Hans-Georg Thölken. Der Bestand sei rückläufig, viele Tiere seien krank, erklärt der Jäger. Die Jagd auf Hasen müsse sofort ausgesetzt werden. Thölken kritisiert daher scharf, dass der Vorsitzende der Kreisjägerschaft trotzdem auf Hasenjagd gehe.

„Niedersachsen ist Hasen-Land“, sagt Hans-Jürgen Gieschen. „Wir haben genug zum Jagen“, stellt der Vorsitzende der Kreisjägerschaft Osterholz fest. Dass der Bestand an Feldhasen zurückgehe, verneint er. Für ihn ist der Hase eine jagbare Rasse. Erst kürzlich nahm er als Gast an einer Jagdgesellschaft mit Hunden und Treibern in Worpswede teil. Dass dabei am Ende ein einziger Hase – abgesehen von einem Fuchs, zwei Fasanen und einer Krähe – auf der Strecke blieb, erklärt er mit dem Revier. „Wir waren im Schilf, dort leben keine Hasen.“

Für Hans-Georg Thölken stellt sich die Lage anders dar, wie er der Redaktion mitteilt. Der Jäger, der bis vor wenigen Jahren Mitglied der Kreisjägerschaft Osterholz und mit Gieschen an einer Jagdpacht in Oldendorf beteiligt gewesen war, sagt: „Hasen sind generell nicht mehr vorhanden.“ Durch den Maisanbau fehle ihnen Deckung und Futter. Thölken spricht von einer Überdüngung durch Gülle, davon, dass das Gras nicht mehr die Qualität habe, die der Feldhase brauche. Die von Landwirten, Jägerschaft und Imkern angelegten Blühstreifen findet er gut – für Insekten. Dem Hasen nützten die Streifen wenig, für die Aufzucht des Nachwuchses würden die Blühpflanzen zu spät im Jahr wachsen. Er habe außerdem beobachtet, dass die verbliebenen Hasen oftmals krank seien. Deshalb habe er bereits vor fünf bis sechs Jahren die Jagd auf Niederwild – zu dem der Hase gehört – in seinem Revier in Waakhausen eingestellt. „Ich könnte das gegenüber niemandem mehr vertreten.“

Scharf ins Gericht geht er deshalb mit seinem ehemaligen Verbandskollegen: „Wenn Herr Gieschen als Vorsitzender der Kreisjägerschaft an einer solchen Jagd teilnimmt, müsste er sich vor die Jagdgesellschaft stellen und sich dafür einsetzen, dass der Hase Ruhe hat.“ Gieschen habe schließlich durch sein Amt eine Vorbildfunktion. Thölken plädiert nachdrücklich dafür, die Jagd auf den Hasen und das gesamte Niederwild im Landkreis „mit sofortiger Wirkung“ einzustellen. Ob Hase oder Fasan – „es gibt keine Berechtigung mehr, sie zu jagen; wir vernichten nur den letzten Rest“.

Biologe Tasso Schikore von der Biologischen Station Osterholz beurteilt das ähnlich. Er hinterfragt, „ob der Hase überhaupt noch geschossen werden muss“. Zwar habe er in der Hammeniederung einige von ihnen gesehen. Doch das GR-Gebiet ist ein anderer Schnack mit viel Grünland. Auf der Geest, wo verstärkt Mais angebaut werde, stelle sich die Situation anders dar, berichtet er. Vom Kreisjägermeister Heiko Ehing habe er erfahren, dass der Bestand dort stark gelitten habe.

Gegenüber der Redaktion erklärt der Kreisjägermeister, dass er noch überall Hasen sehe. Von einem deutlichen Rückgang der Tiere wisse er nichts; räumte aber ein, dass der Hase mit den riesigen Maisflächen nichts anfangen könne. Dort seien keine Hasen. Sein Vorkommen hinge stark mit der Landschaft zusammen. Der Kreisjägermeister sieht aber keinen Grund, die Jagd auf den Feldhasen auszusetzen. Tatsache ist, dass der Feldhase auf der Vorwarnliste zur bundesweiten Roten Liste steht. Sein Bestand ist zu beobachten.

Ehing weist darauf hin, dass die Jäger im Landkreis den Hasen bereits nur noch „verhalten“ jagen. Als Beleg verweist Ehing auf die Streckenliste, die Zahl der erlegten Tiere. Demnach waren in der Jagdsaison 2004/2005 insgesamt 1161 Feldhasen im Landkreis geschossen worden. In 2012/2013 waren es 603 Tiere. Diese Entwicklung habe nichts damit zu tun, dass es weniger Hasen gebe, sagt Ehing. Vielmehr wollten „viele Jäger keine großen Treibjagden mehr“; auch hätten sie heute nicht mehr so viel Zeit.

Ehing betont, dass die Streckenliste nichts über den Besatz aussage. Allerdings wird sie zur Ermittlung des Bestandes herangezogen, bestätigt er. Zusammen mit der Zahl der gesichteten Tiere ergibt sich daraus der Besatz. Beide Zahlen werden dem Kreisjägermeister von den Jägern mitgeteilt. Auf diese Tatsache weist der BUND Bundesverband hin: „Diese Zahlen muss man mit ein bisschen Vorsicht genießen“, so Magnus Wessel, Naturschutzreferent beim BUND in Berlin. Keiner könne sagen, ob die Zahlen „Jägerlatein“ seien oder eine wissenschaftliche Basis hätten.

In das gleiche Horn stößt Hans-Georg Thölken, wenn er behauptet, dass Jäger die Streckenlisten fälschten, teilweise Hasen als geschossen auflisteten, die es gar nicht gegeben hat. Vor drei Jahren habe er den Landkreis über einen entsprechenden Vorfall informiert. Thölken: „Diese Hasen wurden auf dem Papier totgeschrieben.“

Heiko Ehing widerspricht: „Ich gehe davon aus, dass die Zahlen, die ich von den Jägern bekomme, stimmen.“ Eine Chance, sie nachzuprüfen, habe er nicht, sagt er auf Nachfrage. Vom erlegten Niederwild werden – anders als vom Rehbock – keine Trophäen gesammelt. „Aber warum sollten die Jäger etwas Falsches angeben?“, fragt Heiko Ehing.

Thölken glaubt, die Antwort zu wissen. Es gehe den Jägern darum, die Besatzzahlen künstlich hoch zu halten. Auf diese Weise wollten die Jäger verhindern, dass ihnen die Jagd auf Hasen und anderes Wild von Dritten verboten wird. „Diese Lügenmärchen müssen ein Ende haben“, fordert Thölken. Und damit auch die Jagd auf Hasen und Fasane.

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