Gespaltene Gemeinde

Streit um namenlose Straßen in Hilgermissen

In Hilgermissen haben die Straßen keine Namen. Und in den Straßen stehen Häuser, die keine aufsteigenden Nummern tragen. Die Frage, ob das so bleiben soll, spaltet die Gemeinde. Nun wird darüber abgestimmt.
13.01.2019, 22:20
Lesedauer: 5 Min
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Streit um namenlose Straßen in Hilgermissen
Von Nico Schnurr
Streit um namenlose Straßen in Hilgermissen

„Ich will meine 32 nicht verlieren“, sagt Michael Linke und meint seine Hausnummer. Der pensionierte Lehrer hofft, dass die alten Adressen in Hilgermissen bestehen bleiben.

Vasil Dinev

Als Arne Röhrs wieder einmal genervt davon ist, in einer namenlosen Straße zu wohnen, beschließt er, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Er lässt ein Schild fertigen, besorgt einen Pfosten. Dann rammt er die Konstruktion in den matschigen Boden, wo die Hauptstraße von Hilgermissen in einen kleinen Weg abzweigt, der vorbei führt an Bauernhäusern, hinaus auf weite Felder. Seitdem behauptet Röhrs, in der Brinkstraße zu wohnen.

Eine Lüge, aber er wiederholt sie seit Jahren so hartnäckig, dass man den Namen inzwischen ganz selbstverständlich im Internet und in Navigationssystemen findet, als würde es die Brinkstraße wirklich geben. Röhrs hat den meisten Menschen in Hilgermissen damit etwas voraus.

In den acht Ortsteilen der niedersächsischen Gemeinde, die sich südlich von Verden entlang der Weser schlängelt, haben die Straßen keine Namen. Und in den Straßen stehen Backsteinhäuser und Fachwerkhöfe, die keine aufsteigenden Nummern tragen, sondern Zahlen, die willkürlich zugeordnet scheinen. Zumindest offiziell wohnt Arne Röhrs also nicht in der Brinkstraße, sondern in Hilgermissen 38, sein Nachbar nebenan hat die Hausnummer 33, der gegenüber die 7. Es hätten aber auch die 77 oder 94 sein können. Möglich wäre das in Hilgermissen.

Die Gemeinde ist gespalten

Der Gemeinderat hat vor einer Weile knapp dafür gestimmt, das zu ändern. Der Plan: richtige Straßennamen, gewöhnliche Hausnummern. Ein paar Kilometer weiter, hinter den Wiesen, in Hoya oder Verden, würde das niemand hinterfragen. In Hilgermissen sieht das anders aus. Zwischen Klinkerkirchen und freiwilligen Feuerwehren proben sie den Aufstand.

Einige Empörte haben sich gegen den Beschluss aufgelehnt, ein Bürgerbegehren gestartet, und nun stimmen die Menschen in Hilgermissen Anfang Februar tatsächlich darüber ab, ob die Sache mit den Straßennamen eine gute Idee ist. Man kann das albern finden, aber ihnen geht es nicht um eine Formalie, sondern um Grundlegendes. In Hilgermissen teilt man zwar sehr viel Platz und den Tisch im Schützenvereinsheim, aber schon lange nicht mehr die gleiche Auffassung, was das eigentlich bedeutet: Dorfleben.

Die Gemeinde ist gespalten. Und weil man schlecht darüber abstimmen kann, ob Plattdeutsch von allen und immer zu sprechen oder Landwirtschaft noch das ist, was das Dorf ausmacht, diskutiert man in Hilgermissen nun über Adressen, so ernsthaft und emotional, als stünde der Fortbestand Norddeutschlands auf dem Spiel.

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„Ich will meine 32 nicht verlieren“, knurrt Michael Linke und meint seine Hausnummer. Linke, Latzhose zu halb offenen Gummischuhen, ein Mann wie ein knorriger Baum, zerrt am Griff seines rostigen Wagens, bis ihm die Tür entgegenspringt. Er möchte jetzt etwas vorführen: Innen steckt noch der Schlüssel. „Das geht in Bremen nicht, wa?“ Linke wartet die Antwort gar nicht ab, sofort die große Hilgermissen-Erklärung hinterher: Hier, auf dem Dorf, da kennt noch jeder jeden, logisch, wieso sollte er da sein Auto abschließen? Oder noch verrückter: eine richtige Adresse haben? Hält er gar nichts von. Überflüssig. Die Postboten sähen das sicher ähnlich. Finden ihn, reicht doch.

„Wir halten hier einiges von Tradition“, sagt Linke. Neben ihm nickt Jürgen Stegemann, einer der Väter des Bürgerbegehrens, heftig mit dem Kopf. Die beiden berichten nun von den sieben freiwilligen Feuerwehren und sechs Schützenvereinen in der Gemeinde, von Stegemanns früherem Rittergut, auf dem inzwischen sein Sohn haust, und der historischen Hausnummernvergabe, die sich vor einigen Hundert Jahren mal in Hilgermissen durchgesetzt hat.

Das Prinzip ist simpel: Wer zuerst im Dorf baut, bekommt die Nummer 1, der nächste die 2 und so weiter. Man findet das nicht nur in Hilgermissen, sondern meist überall dort, wo drei Bauernhöfe zwei Straßen und einen Ort unter sich aufteilen. Manche fragen sich, ob Hilgermissen dieser Mikrodorf-Kategorie nicht entwachsen ist, seitdem aus acht kleinen eigenständigen Orten eine 2200-Seelen-Gemeinde geworden ist. Das war 1974. Die alten Nummern gelten noch immer.

"Alle Argumente haben nichts gebracht"

„Die Leute stehen hier noch mit einem Bein in der Vergangenheit“, brummt Linke, „aber wir sind keine Hinterwäldler.“ Er komme aus Berlin, seine Kinder lebten in Detroit und Dublin, sagt er, als bräuchte es einen Beweis, dass er weiß, wozu Straßennamen gut sind. Früher hätte er die ganze Aufregung vielleicht noch verstanden. Aber heute? Hat doch jeder Navigationssysteme im Auto, Problem gelöst, alles gut. Und warum überhaupt nach den anderen richten, wieso nicht andersrum, fragt Linke. „Den Jungs in Indien ist doch sowas von Banane, ob sie da jetzt Straßennamen oder stattdessen unsere Ortsteile ins Navi programmieren.“

Ein paar Wiesen weiter sitzt Arne Röhrs in seinem Haus in der von ihm ausgerufenen Brinkstraße und fährt sich durchs Haar. Röhrs ist Lehrer, und er wirkt jetzt wie einer, der seit Stunden verzweifelt versucht, auf seine begriffsstutzige Klasse einzureden. Wie soll er denen das bloß vermitteln? „Alle Argumente haben nichts gebracht“, sagt er. „Es geht nur um Emotionen, nicht um Fakten oder Vernunft.“

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Röhrs setzt sich für offizielle Straßennamen ein, Brinkstraße in echt quasi. Neben ihm am Eichentisch eine Runde aus Mitstreitern, Ratsmitgliedern, Unternehmern. Sie erzählen von der Polizei, die mit alten Faltkarten durch den Ort irrt, von Paketen, die nie ankommen und Rettungswagen, die länger brauchen als nötig, weil sie das richtige Haus nicht auf Anhieb finden. Hilgermissen, auf Nummer unsicher.

„Man kommt sich vor wie eine Brexit-Gemeinde“, sagt Röhrs, „alle wissen, dass es falsch ist und sind trotzdem dagegen.“ Er versteht nicht, wieso man sich auf Navis und Google-Maps verlassen soll, in einer Gegend, wo Internet-Empfang Glückssache ist. Ob er mit den Gegnern spreche? Mit manchen. Viele von denen grüßten ihn ja nicht mal mehr auf der Straße, stattdessen Lügen, üble Nachrede. Behauptet Röhrs. Und behaupten auch Linke und Stegemann über die Gegenseite. „Die Atmosphäre ist vergiftet“, sagt Linke. „Die Sache mit den Straßenschildern wird hier persönlich genommen, da tun sich Gräben auf.“

Ein Streit wie Kaugummi

Was macht man in so einem Fall als Bürgermeister? Detlef Meyer scheint sich für eine Mischung aus mitfühlender Diplomatie und offen artikulierter Genervtheit entschieden zu haben. Als Bürgermeister der Samtgemeinde Grafschaft Hoya, zu der Hilgermissen gehört, verstehe er, dass die Menschen ihre Traditionen wahren möchten, aber wenn sich Auswärtige ein bisschen besser in der Gemeinde orientieren könnten, wäre das natürlich auch schön. Wie die Wahl auch ausgehe, Hauptsache, der Streit werde bald beigelegt. „Die Sache zieht sich wie ein Kaugummi, das zerrt an den Kräften“, sagt Meyer. „Das ganze Theater blockiert die Entwicklung der Gemeinde, schon lange.“

Bei einer Bürgerbefragung stimmten 60 Prozent für die alten Adressen. Das war 2013. Ein Jahr später kam Hilgermissen in ein Programm zur Dorferneuerung, das von der EU gefördert wird, und wieder ging es um die Orientierung. Diesmal stimmte der Rat ab und entschied sich für Straßennamen. Dann die Empörung, nun der Bürgerentscheid. „In diese Frage wird unheimlich viel Bedeutung reingelegt.“ Zu viel? Mag sein, sagt Meyer und verteilt schnell noch eine Werbemappe der Samtgemeinde, ist ja noch mehr los hier als Streit um Straßenschilder. In Hilgermissen sieht man das gerade vermutlich anders.

Die einen sagen: Die Gemeinde hat nur eine Zukunft, wenn sie nicht im Früher verharrt, also Straßenschilder her, aufsteigende Hausnummern gleich dazu. Die anderen finden: Ohne das Früher keine Gemeinde, also alles so lassen, wie es ist. In der Runde bei Arne Röhrs fällt der Satz: „Wir leben nicht mehr in der Welt, in der die Alten aufgewachsen sind, das müssen sie akzeptieren.“ Als hätte er es geahnt, sagt Michael Linke ein paar Stunden zuvor: „Es geht denen doch nicht um Straßenschilder, sondern darum, darüber zu entscheiden, wie es weitergeht mit Hilgermissen.“

Was stimmt jetzt? Hoffentlich bald seine Adresse, sagt Arne Röhrs. Solange es die Brinkstraße nicht wirklich gibt, bleibt sein Straßenschild stehen. Hofft er. Einmal ist es schon verschwunden. Ließ Röhrs sich nicht gefallen. Einen Tag später wohnte er wieder in der Brinkstraße.

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