Denkort Bunker Valentin Streit um polnisches Museum

Im Denkort Bunker Valentin erinnern Veranstaltungen an den Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September vor 80 Jahren. Zum Auftakt ging es um das Museum des Zweiten Weltkriegs“ in Danzig.
25.08.2019, 14:15
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Von Georg Jauken

Rekum. Das „Museum des Zweiten Weltkriegs“ in Danzig gilt als mutiger Versuch, die Geschichte dieses Krieges aus globaler Perspektive darzustellen. Weil diese Darstellung im Widerspruch zur nationalistischen Geschichtsdeutung der rechtskonservativen Regierungspartei PiS in Polen steht, musste Museumsdirektor Pawel Machcewicz schon kurz nach der Eröffnung seinen Platz räumen. Wie es dazu kam und was das für die europäische Erinnerungskultur bedeutet, war jetzt Thema einer Veranstaltung im Denkort Bunker Valentin. Sie war Auftakt eines Programms zur Erinnerung an den Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September vor 80 Jahren.

Die Geschichte des Museums beginnt mit einem Beitrag für die polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza im Jahr 2007. Geschichtsprofessor Pawel Machcewicz skizziert darin seine Vorstellung von einem „Museum des Zweiten Weltkriegs“, in dem die Besonderheiten der polnischen Erfahrungen und die Geschichte dieses Krieges aus globaler Perspektive darstellt werden. Er sieht darin auch eine Antwort auf die Befürchtung vieler Polen, die Deutschen könnten mit dem ab 1999 diskutierten „Zentrum der Vertriebenen“ in Berlin die Erinnerung an ihr eigenes Leiden in den Mittelpunkt des Gedenkens rücken. Polens damaliger Ministerpräsident Donald Tusk beauftragt ihn, das Konzept für ein Museum in Danzig zu erarbeiten. Machcewicz darf sich glücklich schätzen. „So was geschieht nur einmal im Leben eines Historikers, und es trifft auch nicht jeden.“

Mit einigen Kollegen macht er sich an die Arbeit. Das Museum soll unterschiedliche Aspekte des Krieges zeigen: die Brutalität der deutschen Truppen ebenso wie die Flucht und Vertreibung der Deutschen, die fünfjährige Besatzung Polens durch die Deutschen ebenso wie die darauf folgende Abhängigkeit von der Sowjetunion mit ihren weit reichenden Folgen für die nächsten rund vier Jahrzehnte. Die Historiker planen ein Museum, das vom Krieg als Tragödie erzählt, ohne ein Militärmuseum zu sein. Dass eine solche Herangehensweise Kritik hervorrufen könnte, kommt Machcewicz nicht in den Sinn. Immerhin waren 5,5 Millionen Polen (polnische Juden und ethnische Polen) ums Leben gekommen, nur 300 000 von ihnen waren Soldaten.

Doch kaum wird das Konzept bekannt, sieht sich Machcewicz einem Angriff von Konservativen und Rechten ausgesetzt. Das Konzept sei nicht patriotisch. Die Leiden der Polen könnten in den Hintergrund rücken, wenn auch über das Leid anderer gesprochen werde. Manche Kritiker sehen gar politische Eliten am Werk, denen es darum geht, das nationale Selbstbewusstsein der Völker zu vernichten, berichtete Machcewicz.

Mit dem Wahlsieg der nationalkonservativen PiS-Partei im Jahr 2015 ist das Aus für das Museumskonzept besiegelt. „Damit war klar, dass nur eine Person, eine Partei entscheidet, was die polnische Sicht ist.“ Der mit einem Vertrag als Museumsdirektor bis Ende 2019 ausgestattete Machcewicz muss sich fortan gegen die Einflussnahme der neuen Regierung wehren. Mehrere langwierige Gerichtsverfahren verschaffen ihm Zeit, um das Museum fertigzustellen und im März 2017 zu eröffnen. Doch die neue Regierung lässt nicht locker. Weil sie Machcewicz nicht entlassen kann, löst sie das Museum kurzerhand auf, um unter dem gleichen Namen und mit einem neuen Direktor ein neues zu gründen.

Sechs Monate später, berichtete Machcewicz, war der internationale Teil der Ausstellung geschlossen und ein neuer Teil über die polnische Geschichte hinzugefügt. Eine Filmsequenz über Konflikte und Kriege nach 1945 war durch einen Vier-Minuten-Film der Alliierten über Polen im Zweiten Weltkrieg ersetzt, der falsche Angaben über die Rettung von Juden durch Polen enthalte. „Die Zahlen waren überhöht, sie stimmen nicht“ Entfernt worden sei auch der Teil der Ausstellung über den Kampf der Partisanen gegen die Nazis. Dass dieser Kampf hauptsächlich von sowjetischen und nicht von polnischen Partisanen getragen wurde, kommt Machcewicz zufolge jetzt nicht mehr vor.

Mit 600 000 Besuchern im Jahr ist das Museum inzwischen das populärste in Polen, wie er weiter berichtete. Der Streit um das Museum und die Deutungshoheit in der Erinnerungskultur dauert an. Machcewicz sieht darin den Ausdruck des Nationalismus und der Fremdenfeindlichkeit im heutigen Polen. Zugleich zeige der Streit die große Bedeutung der Geschichte des Zweiten Weltkriegs für die Polen.

Er selbst sieht sich als Verteidiger der Unabhängigkeit der Geschichtswissenschaft und der Kultur. Diese sei in Gefahr, wenn eine Partei nach einer gewonnenen Wahl in eine Ausstellung eingreifen kann, um ihre eigene Sichtweise auf ein Thema als einzig richtige und gültige durchzusetzen. „Vor fünf Jahren war ich der Überzeugung, dass ich in einem demokratischen Rechtsstaat lebe. Dieses Vertrauen wurde innerhalb eines Tages zerstört.“

In der anschließenden Diskussion ging es um die Frage, ob es eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur geben kann. Peter Oliver Loew vom Deutschen Polen Institut in Darmstadt ist skeptisch. Das Institut bemühe sich, mit der Vermittlung von Wissen über Polen einen Beitrag dazu zu leisten. Im Schulunterricht komme Polen allerdings – abgesehen vom deutschen Überfall am 1. September 1939 – kaum vor.

Die europäische Dimension des Leidens und des Gedenkens im Bunker Valentin hatte eingangs Bürgermeister Andreas Bovenschulte betont. Er verwies auf die Zwangsarbeiter aus vielen Ländern, die beim Bunkerbau eingesetzt wurden.

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