Kleine Strolche Für ein selbstbestimmtes Leben

Seit einigen Monaten leben Kinder in der Strolchenvilla in Bassum. Gleich gegenüber eröffnet bald ein neues Mutter-Kind-Haus, um jungen Frauen und Mädchen ein selbstbestimmtes Leben mit Kind zu ermöglichen.
08.12.2020, 17:33
Lesedauer: 3 Min
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Für ein selbstbestimmtes Leben
Von Tobias Denne

Asendorf/Bassum. Weihnachtssterne hängen von der Decke im Eingangsbereich. Kinderstimmen kommen aus der Küche, gerade sind die Kleinen beim Frühstück. Neugierig drehen sie ihre Köpfe, um zu schauen, wer sie da nun besucht. Seit Anfang Juni wohnen und leben in der neuen Inobhutnahme vom Asendorfer Kinderheim Kleine Strolche in Bassum Kinder, um optimal versorgt zu werden. „Wir bekommen deutschlandweit Anfragen“, sagt Bernhard Schubert, der mit seiner Frau Anja das Kinderheim vor zwölf Jahren gegründet hat. Der Vorteil der Kleinen Strolche ist, dass die Kinder den ganzen Tag betreut werden können, nicht nur von 8 bis 16 Uhr.

Der Schritt von Asendorf nach Bassum mit der Einrichtung der Inobhutnahme war der erste. Der zweite folgt bereits im März. Denn dann wird die Mutter-Kind-Einrichtung gegenüber bezogen. Elf Plätze stehen zur Verfügung, vier Mütter können dort wohnen und lernen, wie man ein Kind erzieht oder was sie aus ihrem Leben machen wollen. „Wir greifen an der Wurzel an“, sagt Schubert. Häufig sind sehr junge Mütter (ein Mädchen war 14 Jahre alt), die selbst keine familiäre Unterstützung erfahren haben, mit der neuen Situation total überfordert. Über das Jugendamt kommen sie zu den Strolchen. Mithilfe von ausgebildeten Kräften sollen die Frauen lernen, wie sie Wäsche waschen, kochen oder ein Haushaltsbuch führen, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Durch die Unterstützung in der Einrichtung sind sie indes nie nur auf sich gestellt und können mit der neuen Situation umgehen und auch mal das Kind in die Obhut von pädagogischen Fachkräfte geben. Derzeit wohnt bereits eine Mutter mit Kind im Obergeschoss, der Umbau für die übrigen Wohneinheiten startet in den nächsten Wochen.

Gegenüber haben sich die Lütten mittlerweile wieder dem Frühstück gewidmet. Die Strolchenvilla in Bassum bietet Plätze für Kinder bis zu sechs Jahren an – Geschwisterkinder können bis zu zwölf Jahre alt sein. „Sie kommen aus einer Extremsituation, da kann es wichtig sein, dass sie zusammenbleiben“, erzählt Öffentlichkeitsarbeiterin Sonja Risse. Denn der Grund dafür, dass die Kinder in die Strolchenvilla ziehen und dort betreut werden, ist kein angenehmer. Wobei: Den einen Grund gibt es nicht. „Jeder Fall ist unterschiedlich“, sagt Risse. Dennoch zeigt sich, dass die Kinder bei ihren Eltern misshandelt oder vernachlässigt wurden. Über das Jugendamt kommen die Kleinen dann zu den Strolchen – und in die eigene Villa in Bassum.

Die Zimmer im Obergeschoss sind liebevoll für die Kinder eingerichtet worden, groß und hell. Da auch Geschwisterkinder dort untergebracht werden können, stehen auch mehrere Betten in den Zimmern. Insgesamt 3500 Quadratmeter Grundstück stehen den Verantwortlichen und Kindern zur Verfügung. Der Gedanke, in Bassum die Inobhutnahme zu eröffnen, erschien Schubert logisch. „Wir wollten dahin, wo es eine bessere Infrastruktur gibt“, sagt er. Denn in Bücken, wo das Therapiezentrum steht, gibt es nicht die beste Verkehrsanbindung oder die Möglichkeit, einzukaufen. „So sind wir besser erreichbar. Aber wir wollten nicht zu weit weg vom Therapiezentrum sein“, betont Schubert. Regelmäßig geht es für die Kinder per Bulli Richtung Bücken, um dort unter anderem Zeit mit Pferden zu verbringen, sie zu füttern, die Katze zu streicheln. Oder sich „einfach dreckig machen“, sagt Schubert.

Viele der Kinder, die zum Kinderheim kommen sind bereits medienabhängig, sodass sie das Spielen an der frischen Luft und mit Tieren überhaupt nicht kennen. „Dass sich das so extrem entwickelt, das war nicht absehbar“, betont Schubert mit Blick auf die vergangenen zehn Jahre. Seiner Erfahrung nach werden oft Kinder schnell nach der Geburt vor den Fernseher oder der Spielekonsole geparkt, damit sie ruhig sind. „Oft sind die Eltern schon mediensüchtig“, weiß Schubert. Und da man einen Schutzauftrag erfülle, wolle man damit umgehen und die Kinder nach und nach entwöhnen – „Das Kindeswohl steht im Vordergrund.“ Dafür steht ein Medienraum im Keller der Strolchenvilla bereit. An den Wänden kleben Motive des wohl berühmtesten italienischen Klempners, ein Fernseher und Sofas stehen in dem Raum, der noch hergerichtet werden muss. Dabei ist es kein Widerspruch, dass medienabhängige Kinder mit einem Medienraum therapiert werden. „Wir machen kleine Schritte“, sagt Schubert. Den Kindern sofort die Konsole oder den Fernseher entziehen, käme einem kalten Entzug gleich. Der Geschäftsführer betont: „Das Wohl des Kindes muss gesichert sein.“

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