Kritik am Klinikum Bremen-Nord

Stundenlanges Warten in der Notaufnahme

Joachim Prochnow ist sauer darüber, dass seine Frau mehr als zehn Stunden in der Notaufnahme des Klinikums Bremen-Nord warten musste. Während dieser Zeit habe sie zudem nichts zu essen bekommen, kritisiert der Nordbremer.
22.07.2019, 21:58
Lesedauer: 4 Min
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Von Iris Messerschmidt und Julia Ladebeck
Stundenlanges Warten in der Notaufnahme

Laut Geno ist die Frau von Joachim Prochnow kurz nach der Einlieferung triagiert worden. Das heißt: Es gab eine Ersteinschätzung durch eine Fachkraft, wie sie für jeden Patienten in der Notaufnahme vorgesehen ist.

Kosak

„Es treibt mir jetzt noch die Tränen in die Augen.“ Joachim Prochnow ist wütend darüber, dass seine Frau mehr als zehn Stunden in der Notaufnahme warten musste und während dieser Zeit nichts zu essen bekommen hat. Auch untersucht worden sei seine Frau in dieser Zeit nicht, so der 72-jährige Nordbremer. Das dementiert Timo Sczuplinski, Sprecher der Krankenhausgesellschaft Gesundheit Nord (Geno): „Wir bedauern, dass die Patientin und ihr Angehöriger sich nicht gut aufgehoben gefühlt haben. Dennoch kann man keineswegs davon sprechen, dass die Patientin schlecht versorgt wurde – weder aus medizinischer noch aus pflegerischer Sicht“, betont Sczuplinski. Auch eine ärztliche Untersuchung habe es gegeben.

Situation hat Vorgeschichte

Die Situation, über die Joachim Prochnow nach eigenen Angaben sowohl den Sozialdienst als auch die Patientenvertretung des Krankenhauses informierte, hat eine Vorgeschichte, die im Juni dieses Jahres begann. „Bis zum 26. Juni lag meine Frau schon einmal im Krankenhaus“, erzählt Joachim Prochnow. Seine 84 Jahre alte Frau, die neben mehreren anderen Grunderkrankungen auch an Demenz leidet, sollte aufgrund ihres Krankheitsbilds eigentlich nicht allein ins Bad. „Ob sie daran nicht mehr gedacht hat oder niemand Zeit hatte, ich weiß es nicht. Fakt ist, sie ist mit dem Rollstuhl allein ins Bad und hat sich dabei am rechten Unterschenkel verletzt. Ich wusste davon ein paar Tage nichts. Im Krankenhaus hatte man die Wunde versorgt. Das hat mir von den Ärzten und vom Pflegepersonal niemand gesagt“, so Prochnow.

Seine Frau sei dann nach der Entlassung aus dem Krankenhaus in die Kurzzeitpflege in ein Pflegeheim in Schwanewede gekommen. Dort habe das Pflegepersonal festgestellt, „dass mit dem Bein meiner Frau etwas nicht stimmt“. Die Hausärztin habe einen Venenverschluss vermutet, damit sei seine Frau dann am 11. Juli um 13.15 Uhr in die Notaufnahme des Klinikum Nord eingeliefert worden. „Um 15.30 Uhr bin ich von zu Hause aus dann dazugekommen“, berichtet Prochnow. Er habe sich die Ereignisse genau aufgeschrieben, denn „man vergisst so schnell, auch wenn dies ganz schlimme Momente waren“.

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So sind seine Erinnerungen an den Tag, als er seine Frau in der Notaufnahme sah: „Sie hatten den Verband abgemacht, das Bein hing runter, vermutlich damit sich ein Arzt dieses ansehen konnte, sie lag sonst quer über dem Bett – nur spärlich bekleidet – entwürdigend“, beschreibt er die Situation aus seiner Sicht. Bis zu einem gewissen Grad habe er dafür noch Verständnis. Schließlich sollte seine Frau ja untersucht werden. Und auch ihm sei bekannt, dass Pflegepersonal knapp und überlastet sei. „Ich habe Verständnis für hart arbeitende Menschen“, sagt Prochnow. Wofür er kein Verständnis habe, sei der Umgang mit älteren, kranken und dementen Menschen in der Notaufnahme des Krankenhauses.

Nichts zu essen bekommen

„Bis 18 Uhr habe ich bei meiner Frau gesessen.“ Ein Arzt sei bis zu diesem Zeitpunkt nicht gekommen. Als seine Frau auf die Toilette musste, habe er einen Pfleger informiert, dass er einen Toilettenstuhl brauche. Dieser sei ihm auch gebracht worden, und der Pfleger habe ihm geholfen, seine Frau auf den Stuhl und zurück ins Bett zu bringen. Darüber hinaus habe sich jedoch niemand gekümmert, kritisiert der 72-Jährige.

Zwar sei seiner Frau, die auch Diabetes hat, Insulin gespritzt worden. Doch zu Essen oder zu Trinken habe man ihr nichts gebracht. Als seine Frau über Durst und Hunger klagte, „sie hatte nur gefrühstückt“, sei er über die Flure gelaufen, habe an der Rezeption Wasser entdeckt und seiner Frau etwas zu trinken gegeben. „Ich habe laut geschimpft, doch das Personal, das da über die Flure lief, hat sich überhaupt nicht interessiert.“

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Prochnow ging zwischendurch selbst nach Hause, aß und trank. „Hätte ich gewusst, dass meine Frau stundenlang nichts bekommt, hätte ich Essen von zu Hause mitgebracht“. Die Zeit verging, als um 20.30 Uhr immer noch nichts geschehen sei, seine Frau immer noch, „wie erwähnt, mit dem Verdacht auf Venenverschluss“, in der Notaufnahme lag, da sei ihm der Kragen geplatzt. Er habe lautstark geschimpft und gegen 21.45 Uhr habe sich dann endlich ein Arzt gekümmert. „Während ich dies erzähle, macht es mich immer noch so wütend, dass ein hilfloser alter Menschen fast zehn Stunden in der Notaufnahme im Bett liegt und nichts passiert.“

Keine Unterzuckerung vorgelegen

Geno-Sprecher Timo Sczuplinski betont dagegen: „Es ist ausdrücklich nicht so, dass die Patientin nicht gesehen oder nicht beachtet wurde.“ Die Patientin sei nach einer Viertelstunde triagiert worden. Das heißt: Es gab eine Ersteinschätzung durch eine Fachkraft, wie sie für jeden Patienten in der Notaufnahme vorgesehen ist. Aufgrund der Symptomatik sei bereits absehbar gewesen, dass es sich nicht um einen akuten Notfall handelte. „Nach etwa zwei Stunden gab es eine ärztliche Untersuchung, in der schließlich eine tiefe Beinvenenthrombose ausgeschlossen werden konnte. Es folgte zusätzlich zur Untersuchung durch einen Chirurgie-Facharzt auch noch eine internistische Untersuchung und die anschließende internistische Aufnahme.“

Der Patientin sei während der Zeit in der Notaufnahme intravenös eine Glukose-Infusion verabreicht worden, um ihren Allgemeinzustand zu verbessern. Die Blutzuckerwerte hätten gezeigt, dass keine Unterzuckerung vorlag. Auf eine Verköstigung im klassischen Sinn sei die Notaufnahme im Gegensatz zur stationären Betreuung nicht ausgelegt. „Es handelt sich hier schließlich um eine Ambulanz, in der Notfälle versorgt werden und nicht um eine Station, auf der die Patienten über Nacht bleiben. Hier ein Essen zu servieren, wäre absolut unüblich, und wird nur in absoluten Ausnahmefällen möglich gemacht“, begründet der Geno-Sprecher die Situation.

Krankenhaus versucht Wartezeiten gering zu halten

Er räumt allerdings auch ein: „Der 11. Juli war ein Tag mit sehr vielen Notfällen – 96 insgesamt. Dabei kommt es unweigerlich zu Wartezeiten in Fällen, bei denen es nicht um Leben und Tod geht oder eine akute Versorgung notwendig ist.“ Das Krankenhaus versuche, diese Wartezeit in enger Abstimmung der Ärzte und Pfleger „natürlich so gut wie möglich zu verringern“.

Inzwischen, so Sczuplinski, habe es persönliche Gespräche mit der Familie gegeben, „in denen die Abläufe genauer erläutert wurden und der Konflikt aus unserer Sicht damit auch gelöst werden konnte“. Das bestätigt Joachim Prochnow. Das schreckliche Gefühl der Hilflosigkeit, sagt der 72-Jährige, werde er trotzdem niemals vergessen.

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