Hausarzt Ernst Funck sucht seit fünf Jahren nach einem Nachfolger Sulinger Landpraxis - preiswert abzugeben

Sulingen . Seit fünf Jahren schon ist Ernst Funck auf der Suche: Der Allgemeinmediziner aus Sulingen im Landkreis Diepholz steht kurz vor dem Ruhestand und braucht dringend einen Nachfolger für seine Hausarztpraxis.
06.03.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Gesa Wicke

Sulingen . Seit fünf Jahren schon ist Ernst Funck auf der Suche: Der Allgemeinmediziner aus Sulingen im Landkreis Diepholz steht kurz vor dem Ruhestand und braucht dringend einen Nachfolger für seine Hausarztpraxis.

Doch der ist kaum zu finden, denn die Arbeitsbedingungen für Ärzte in ländlichen Regionen sind schlecht. Junge Hochschulabsolventen zieht es deshalb eher in die Städte. Immer mehr Landarztpraxen droht dadurch das Aus - und ihren Patienten eine drastische Verschlechterung der Versorgung.

"Ich habe alles versucht, so langsam weiß ich nicht mehr, was ich noch tun soll", sagt Ernst Funck. Er sitzt im beschaulichen Sprechzimmer seiner Sulinger Praxis und sieht bekümmert aus. Eigentlich wollte der 66-Jährige bereits vor einiger Zeit in den Ruhestand gehen: Seit fünf Jahren schon ist er auf der Suche nach einem jüngeren Kollegen, der Praxis und Patienten in der Kleinstadt übernehmen möchte. In den Praxisbörsen vom Hausärzteverband und von der Kassenärztlichen Vereinigung hat Funck inseriert. Anzeigen hat er geschaltet, in Fachzeitschriften und im Internet, und Annoncen geschickt - an sämtliche Kliniken in der Region. Ernüchternde Bilanz der Bemühungen: Nicht ein einziger ernsthafter Bewerber hat sich bisher bei ihm gemeldet. "Eigentlich habe ich kaum noch Hoffnung, dass sich daran etwas ändern wird", sagt Funck. Ganz aufgeben allerdings will er noch nicht: "Ich kann doch nicht einfach zusehen, wie hier alles verschrottet wird." Denn eine Verschrottung droht der Praxis tatsächlich - sollte sich auch in den kommenden Monaten kein geeigneter Nachfolger finden.

30 Jahre Leidenschaft und Arbeit

1981 hat Funck die Praxis eröffnet - sie ist so etwas wie sein Lebenswerk: "Hier stecken 30 Jahre Leidenschaft und Arbeit drin", sagt er. "Der Gedanke, dass das alles auf einmal einfach vorbei sein soll, ist für mich schwer zu ertragen." Die einst erhofften Rücklagen für den Ruhestand verspricht er sich von einem Verkauf schon lange nicht mehr. Rund 150000 Euro galten lange Zeit als Richtpreis für den Verkauf bei Hausarztpraxen. Doch der Nachwuchsmangel drückt die Preise: Auf 60000 Euro Verhandlungsbasis beziffert ein Gutachten der Kassenärztlichen Vereinigung den aktuellen Wert von Funckes Praxis. Grundlage für die Berechnung sind neben Inventar und technischem Gerät auch Größe und Altersstruktur der Patientenkartei.

Für den Sulinger Hausarzt allerdings sind diese Zahlen zweitrangig: "Hauptsache, die Praxis wird überhaupt weitergeführt. Ich wäre daher auch bereit, alles zu einem symbolischen Preis abzugeben." Sollte ihm auch das nicht gelingen, erwartet den Mediziner viel Aufwand: Nicht nur die Räumung der Praxis würde ihm in dem Fall bevorstehen - auch sämtliche Patientenakten müsste er dann für zehn Jahre aufbewahren. So sieht es das Gesetz vor, denn Klagen über Behandlungsfehler oder Rückfragen zu Krankheitsverläufen können auch Jahre später noch anfallen.

Ähnlich wie Funck geht es derzeit vielen Kollegen in Niedersachsen: Ein Großteil der dort praktizierenden Hausärzte steht kurz vor dem Eintritt ins Rentenalter. Gleichzeitig ist speziell in ländlichen Regionen die Zahl der Neuniederlassungen schon seit Jahren rückläufig. "Wir rechnen deshalb für die Zukunft mit mehr Engpässen in der hausärztlichen Versorgung", so Michael Schmitz, Geschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung in Verden. Mindestens fünf Jahre sollten ausscheidende Mediziner deshalb einkalkulieren, um einen Nachfolger zu finden, empfiehlt die Vereinigung.

Doch auch dann gibt es keine Garantie. "Ich habe auch schon Kollegen erlebt, die ihre Praxis verschenken wollten und sogar dann wollte niemand sie haben", erzählt Funck. Zwar gilt Sulingen mit seiner jetzigen Ärztedichte offiziell noch nicht als unterversorgt. Doch schon heute ist die Altersstruktur der niedergelassenen Ärzte extrem hoch, so dass sich deren Zahl in den nächsten zehn Jahren halbieren könnte.

Andreas Strüber ist der örtliche Kinderarzt - und mit seinen 45 Jahren der jüngste unter den Sulinger Kollegen. Nach Studium und Facharztausbildung in Göttingen, Hannover und Ulm hat er seine Praxis dort 2004 übernommen. Zuvor war diese vier Jahre lang verwaist. "Man hat mir förmlich den roten Teppich ausgerollt als ich beschloss, mich hier niederzulassen, weil händeringend nach einem Kinderarzt gesucht wurde", erinnert sich Strüber.

Die Umstellung von Stadt auf Land war für den zweifachen Familienvater kein Problem: "Gerade mit Kindern ist das Leben hier toll - die Infrastruktur ist gut und Haus und Grund sind deutlich günstiger als in den großen Städten." Trotzdem entscheiden sich immer weniger junge Ärzte für einen Umzug aufs Land. Aktuellen Umfragen zufolge können sich nur fünf Prozent vorstellen, dort eine Praxis zu eröffnen. Besonders schwierig ist die Neubesetzung von Hausarztstellen. "Die Ausbildung ist lang und aufwändig, außerdem haben Allgemeinmediziner kein so gutes Image wie etwa Chirurgen, und wirklich Geld verdienen lässt sich damit auch nicht", so die Erklärungsversuche von Ernst Funck.

Verständnis für die Tochter

Funck hat eine Tochter, die ebenfalls Medizinerin ist. Auch sie hat sich gegen eine Landarztlaufbahn entschieden - und damit gegen die Übernahme der väterlichen Praxis. "Der Internistenberuf hat sie einfach mehr gereizt", erzählt Funck. Übel nimmt er seiner Tochter die Entscheidung nicht - im Gegenteil: "Die Arbeitsbedingungen für Allgemeinmediziner werden immer schlechter, da kann man es dem Nachwuchs nicht verdenken, wenn er sich lieber nach Alternativen umschaut."

Rund 60 bis 70 Stunden arbeitet Funck in der Woche, Hausbesuche und Notdienst inklusive. Krank war er in den vergangenen zehn Jahren nur ein einziges Mal - wer sonst soll sich um die Patienten kümmern? Vor allem aber ärgert sich Funck über die ständig steigende Bürokratisierung in seinem Beruf. "Mittlerweile verbringe ich rund ein Drittel der Arbeitszeit damit, sämtliche Behandlungsschritte haarklein für die Krankenkassen zu dokumentieren", sagt er. "Das ist ein Heidenaufwand und lässt immer weniger Zeit für die eigentliche Behandlung."

Handlungsbedarf, um die Lage der Landärzte zu verbessern, hat mittlerweile auch die Politik erkannt. So sollen nach den Plänen von Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) Mediziner in ländlichen Gegenden künftig mehr verdienen, als ihre städtischen Kollegen.

Ernst Funck sieht solche Maßnahmen eher skeptisch. "Es ist absurd, unterschiedliche Ärztegruppen gegeneinander auszuspielen", findet er. "Um eine wirkliche Verbesserung sowohl für die Patienten als auch für die Ärzte zu erzielen, müsste vielmehr eine grundlegende Reform unseres Gesundheitssystems her." In der Zwischenzeit wartet er weiter auf einen Nachfolger - denn die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

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