Integration Sumte: Ein Dorf hat’s geschafft

Der 100-Seelen-Ort Sumte nahm 750 Flüchtlinge auf – nun hat sich der letzte verabschiedet. Viele erwarteten ein Chaos, jetzt wünscht man sich im niedersächsischen Nirgendwo die Flüchtlinge zurück.
18.09.2018, 19:24
Lesedauer: 6 Min
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Sumte: Ein Dorf hat’s geschafft
Von Nico Schnurr

Zum Abschied gab es Döner. Das Lamm aus Sumte, von der Weide nebenan, die Gewürze aus Syrien, keine Experimente. Sie schlachteten das Tier gemeinsam, spießten das Fleisch auf, sechs Kilogramm, auf den Grill, über das Feuer. Zum Abschied war noch einmal alles so, wie Christian Fabel und Rasem Soufi es am liebsten haben. Mit der Grillfeier endete vor einigen Tagen eine Zeit, von der viele in Sumte dachten, sie würde das Dorf ins Chaos stürzen.

Auch Christian Fabel, ein stämmiger Typ mit Schnäuzer, damals Ortsvorsteher, hatte ihn gehört, diesen Satz der Kanzlerin. Er sagte ihm nichts. Im kleinen Sumte schienen die großen Nachrichten fern. Die Szenen spielten weit weg, auf der Balkanroute, an Grenzübergängen, an den Bahnhöfen deutscher Großstädte. Mit Sumte hatte all das nichts zu tun. Das änderte ein Anruf, den Fabel im Herbst 2015 bekam. Im 100-Seelen-Dorf Sumte sollte eine Notunterkunft für 750 Flüchtlinge entstehen. Unmöglich, dachten viele damals, sieben Fremde pro Einwohner, wir schaffen das nicht.

Gerade hat Rasem Soufi die niedersächsische Elbtalaue verlassen, fürs Mathestudium. Mit ihm hat sich nun auch der letzte Flüchtling verabschiedet. Inzwischen, drei Jahre nach dem Anruf, sagen Fabel und andere Sumter: Alles gut gegangen, wir haben das geschafft. Und Fabel glaubt: In Sumte hätten sie sogar noch viel mehr schaffen können, wenn man sie nur gelassen hätte. Wenn nicht alles so schnell wieder vorbei gewesen wäre.

Als Sumte ein bisschen berühmt war

Jetzt, wo „der Rassim“, wie Fabel Rasem Soufi nennt, weg ist, fühle es sich an, als sei der große Sohn aus dem Haus. Zuletzt hat Soufi für vier Monate bei ihm gewohnt. Von Fabels prächtigem Landhaus ist es nicht weit zur ehemaligen Notunterkunft. Sumte, eine Hauptstraße groß, nach 800 Metern ist man durch.

Es geht vorbei an grünen Scheunen und roten Backsteinhäuser, vor denen Hühner scharren und Schafe dösen. Pferdeweiden reihen sich ans Gebäude der freiwilligen Feuerwehr, die kleinen Wege rechts und links tragen plattdeutsche Namen. Dann steht man an dem Ort, auf den die Welt vor drei Jahren blickte. Damals, als Sumte kurz ein bisschen berühmt war.

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Eine eingewachsene Halle. Ein leichter Wind streicht über die Gräser vor dem Gebäude, im Garten, dessen Tür zugewachsen ist, singen Vögel, in der Ferne rattert ein Traktor, sonst nichts. Die Anlage, auf der vor langer Zeit mal eine Inkassofirma arbeitete, wirkt wie ausgestorben. Sie steht leer. So war es schon, bevor die Flüchtlinge kamen.

Rasem Soufi saß im zweiten Bus. Als er in einer nebeligen Novembernacht ankam, übernächtigt und schwer erkältet, empfingen ihn Kamerateams aus der ganzen Welt. Sie filmten symbolische Bilder: Hunderte Menschen, die vor den Bomben in Syrien flohen, erreichten das niedersächsische Nirgendwo. Hier in Sumte, Landkreis Lüneburg, wo der Linienbus nur einmal in der Woche hält und gewöhnlich niemand rumläuft, der nicht im Umkreis von 50 Kilometern aufgewachsen ist, schien Merkels Mantra vor einer echten Probe zu stehen. Ist das wirklich zu schaffen?

Plattes Land, „Tal der Toten“

Natürlich hatte auch Christian Fabel keine Ahnung, wie das funktionieren sollte. Sumte, plattes Land, „Tal der Toten“, sagt Fabel, der nächste Supermarkt vier Kilometer entfernt. Was sollten die Fremden hier anfangen mit ihrem Tag? Im Dorf herrschte Panik, keine Zäune, die Pforten immer offen, das war jetzt vorbei, dachten einige. Fabel blieb ruhig.

„Ich bin ja eher ein phlegmatischer Typ. Ich sehe vieles nicht ganz so eng“, brummt Fabel auf seiner Veranda. Er streicht sich über sein aufgeknöpftes Poloshirt, das am Bauch spannt. Fabel, Unternehmer und CDU-Mitglied, hätte die Flüchtlinge wohl nicht selbst nach Sumte geholt, aber jetzt waren sie da, also das Beste draus machen, „hilft ja nix“.

Unaufgeregt kümmerte sich der Arbeiter Samariter Bund in den nächsten Monaten um die Unterkunft. Der Rest war Chefsache. Fabel kürzte seinen Terminkalender im Betrieb ein, er hatte jetzt anderes zu tun. Mit den Flüchtlingen spazierte er durchs Dorf, hörte ihren Geschichten zu und zeigte ihnen, „watt wir hier gerne haben und watt uns nicht passt“. Nicht so passend: auf fremde Pferde steigen. Die teuren Araber waren schnell zur Attraktion geworden, dem Besitzer gefiel das weniger. Fabel regelte das, wie er nun überhaupt alles regelte.

Im abgeschiedenen Sumte erschien den Neuen selbst die Bushaltestelle im benachbarten Ort wie ein verheißungsvolles Ausflugsziel. Als sich Anwohner von dort beschwerten, weil die Flüchtlinge im Unterstand ein paar Bier kippten, zimmerte Fabel „seinen Jungs“ eine Wartehalle vor ihre Unterkunft. Ein Bus kam dort natürlich nie vorbei, aber immerhin hatten sie nun einen Treffpunkt.

Gerüchte im Internet? „Lass die Gülle“

Fabel suchte nach Flüchtlingen, die fließend Englisch sprechen, und fand Rasem Soufi, einen Endzwanziger, der auf jedem Instrument spielte, das ihm in die Finger kam. Beide vermittelten künftig zwischen Dorf und Notunterkunft. Fabel, der in Rostock studierte, sah sich gefordert. Was sollte er erwarten, viele Sumter hätten ihr Dorf nie für längere Zeit verlassen. Und der letzte Schwarze, scherzt Fabel und prustet, dass es aus seiner Lunge pfeift, sei in Sumte wohl 1945 gesehen worden, als die Amerikaner kamen.

Danach kamen die Russen, das Gebiet östlich der Elbe fiel der DDR zu. Erst nach der Wende schloss sich der Landstrich wieder Niedersachsen an. „Von den Arabern haben wir hier trotzdem nichts mitgekriegt, ich kenne ja nicht mal Frankreich“, sagt Fabel und röhrt vor Lachen.

Zu laut, zu viel Müll, Fabel nahm jede Beschwerde ernst, aber er sagte auch: „Mit Rechten wollen wir in Sumte nichts zu tun haben.“ Er wusste, dass nicht alle im Dorf „ausländerfreundlich eingestellt sind“. Im Internet gab es vereinzelte Gerüchte von Diebstählen der Flüchtlinge im Supermarkt, von Schlägereien. Er prüfte die Vorwürfe mit der Polizei, sie stellten sich als haltlos heraus. Also klingelte er bei den Absendern und machte ihnen klar: „Lass die Gülle.“

Die Übersichtlichkeit des Dorfes habe ihm da geholfen, sagt Fabel, er kenne nun mal jeden. „Auf dem Dorf bekommst du das Böse sofort mit und kannst es im Keim ersticken. Das ist in der Stadt anders.“

Deutsche Weihnachtslieder, arabische Reden

Einiges hatte Fabel sich einfacher vorgestellt. Einmal schnappte er sich ein syrisches Ehepaar, Hühnerbauern, und nahm sie mit auf einen Hof. Die hätten sofort loslegen wollen, sagt Fabel. Es nervte ihn, dass sie nicht durften. Zu viele Auflagen, zu langes Warten auf die Arbeitserlaubnis, befand Fabel. Das Jahr verstrich dennoch schnell.

An den Festtagen sang man in der Unterkunft deutsche Weihnachtslieder. Fabel ließ sich eine Rede auf Arabisch schreiben, von der er nur die Begrüßung verstand. Machte nichts, die Menge johlte, das war die Hauptsache. Es war wieder Leben im Dorf, und Fabel wollte, dass es so bleibt. Dass die Flüchtlinge in Sumte bleiben. Es kam anders.

Nach einem Jahr schloss die Notunterkunft. Die meisten Flüchtlinge wurden auf die umliegenden Kommunen verteilt, einige mussten zurück. Sumte wurde jetzt nicht mehr gebraucht. Die 70 Jobs in der Unterkunft, Köche, Reinigungspersonal, Bürokräfte, alle wieder weg. Fabel hätte sich ein Integrationszentrum gewünscht, irgendwas mit Sprache vielleicht, womöglich eine Einrichtung, die Jugendliche auf Berufe vorbereitet. Inzwischen ist Gras über das Gelände gewachsen.

Shisha zum Feierabend

Bislang ist nichts aus Fabels Plänen geworden. Ein bisschen stolz ist er trotzdem, auf das, was sie in Sumte geschafft haben. Nur eine Sache, die ist ihm nicht gelungen. Fabel setzt an, muss lachen, wieder dieses Pfeifen in der Lunge, man ahnt, dass gleich ein Gag folgt. „Mit den Flüchtlingen wollte ich das Internet nach Sumte holen. Ich dachte, wir bekommen da Hilfe. Hat nicht geklappt. Tal der Toten, nach wie vor.“ Fabel nimmt es gelassen, so wie er es gelassen nimmt, dass er Rasem Soufi nun nicht mehr ganz so häufig sieht.

Wenn Fabel nach Feierabend jetzt auf der Veranda sitzt und an seiner Shisha zieht, dazu einen orientalischen Tee, dann schreibt er Soufi, der ihm das alles gezeigt hat, ein paar Kurznachrichten. Zuletzt antwortete Soufi mit einem Bild, dazu schrieb er: „Nette neue Nachbarn.“ Auf dem Bild war ein AfD-Büro zu sehen. Fabel prustet los, genau sein Humor.

Sie werden in Kontakt bleiben, gar keine Frage, da ist er sich ganz sicher. Wenn der Krieg in Syrien vorbei sein sollte, irgendwann, dann wollen Christian Fabel und Rasem Soufi das Land bereisen. Gemeinsam, das haben sie sich versprochen.

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