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Podiumsdiskussion zur Organspende
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Eine Frage des eigenen Gewissens

Sarah Essing 21.09.2019 0 Kommentare

Dr. Uwe Kuhlmann (vorne), Jan-Ole Lüers (von links), Ingrid Schneider, Moderator Jürgen Lohmeyer, Holger Tietz, Peter Grunwaldt und Karl-Heinz Meyer stellten sich im Syker Rathaus aus der Sicht ihrer jeweiligen Fachgebiete den Fragen zu Sinn und
Dr. Uwe Kuhlmann (vorne), Jan-Ole Lüers (von links), Ingrid Schneider, Moderator Jürgen Lohmeyer, Holger Tietz, Peter Grunwaldt und Karl-Heinz Meyer stellten sich im Syker Rathaus aus der Sicht ihrer jeweiligen Fachgebiete den Fragen zu Sinn und Sicherheit von Organspenden. (Michael Braunschädel)

Syke. Der Tod ist individuell. Sterben ist ein Prozess. Jeder muss für sich selbst entscheiden. Auf diese Positionen konnten sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion im Syker Rathaus zum Thema Organspende einigen. Ansonsten wurde deutlich, wie unterschiedlich mit dem Tod umgegangen wird, wie unterschiedlich er betrachtet wird, wie unterschiedlich er angenommen wird – medizinisch, juristisch, theologisch, emotional. So verwundert es nicht, dass die Legislative sich seit Jahren schwer damit tut, einen mehrheitsfähigen Gesetzesentwurf vorzustellen. Diese immer noch anhaltende Debatte war es, die den Hospizdienst Syke veranlasst hatte, zu seinem 20. Geburtstag Experten aller Fachgebiete zu einer Podiumsdiskussion zu diesem Thema einzuladen. Nimmt man die Anzahl der gut besetzten Stuhlreihen am Donnerstagabend als Maßstab, hatten die Hospizdienstler damit offenbar einen Nerv getroffen. 

Auf dem Podium saßen: Dr. Uwe Kuhlmann, Leiter des Transplantationszentrums Bremen, Jan-Ole Lüers, Fachanwalt für Medizinrecht, Ingrid Schneider aus Hamburg, Politologin, die als Sachverständige für Bio- und Medizinethik in diversen Bundestagsausschüssen als beratendes Mitglied sitzt, Notfall- und Feuerwehrseelsorger Holger Tietz aus Leeste, der katholische Pfarrer Peter Grunwaldt und Karl-Heinz Meyer, Organempfänger, der seit sechs Jahren mit einer neuen Lunge lebt.

Zum Auftakt schilderte Mediziner Kuhlmann, wie eine Organspende aus medizinischer Sicht abläuft. Diese beginne erst, wenn der vollständige Hirntod von zwei unabhängigen Medizinern festgestellt wurde. Vollständig, so führte Kuhlmann aus, bedeute, dass keinerlei Aktivität mehr in allen Teilen des Gehirns zu messen sind. Also weder im Groß-, noch im Klein- oder Stammhirn, das unter anderem für die Atmung zuständig ist. Ein hirntoter Mensch, so Kuhlmann, „funktioniert nicht mehr“. Werden die lebenserhaltenden Maschinen in diesem Zustand abgestellt, so folge unweigerlich über kurz oder lang der Zusammenbruch des Kreislaufes und damit auch der Herztod.

An dieser Differenzierung schieden sich die Geister. So meldeten Ingrid Schneider und Holger Tietz Bedenken an, ob hirntot tatsächlich gleichzusetzen sei mit tot. Sterben sei ein Prozess, so Ingrid Schneider. Der Ausfall des Stammhirns dabei ein „Point Of No Return“. Dennoch gebe es am Hirntod medizinische, philosophische und ethische Zweifel, führte sie aus. Der Hirntod sei überhaupt nur mit der Intensivmedizin möglich geworden. Ohne die lebenserhaltenden Maschinen würde ein so schwer verletzter Mensch nicht lange überleben. Als medizinischer Fachterminus wurde der Hirntod festgelegt, um zum einen einen hirntoten Menschen nicht unnötig lange künstlich mit Maschinen am Leben zu erhalten. Zum anderen aber auch, weil die Transplantationsmedizin „lebensfrische Organe“ für die Transplantation haben wollte, und um mit der Festlegung dieses Kriteriums die Mediziner nicht einem möglichen Tötungsvorwurf auszusetzen.

In der darauf folgenden, intensiven Diskussion wurden Stimmen laut, die argumentierten, es sei nicht statthaft und ethisch nicht vertretbar, diesen Hirntod mit dem Tod gleichzusetzen. Es handele sich vielmehr um eine „pragmatische Vorverlegung des Todes“. Ein Standpunkt, der sich auch in Holger Tietz' Einschätzung wiederfand. „Der Hirntod ist eine 'Arbeitsthese'“, sagte er und unterstrich, dass jeder, der sich zu einer Organspende entschließt, sich darüber bewusst sein müsse, dass es möglich sei, dass er damit ein Opfer bringe. Diese Entscheidung sollte jeder selbst treffen.

Sehr viele Länder haben indes dieses Kriterium des Hirntods übernommen, auch um Transplantationen möglich zu machen. In Deutschland wurde diese Entscheidung der Deutschen Ärztekammer übertragen, einem eingetragenen Verein, wie Ingrid Schneider deutlich machte. Das noch größere Problem sieht sie allerdings dabei, dass die Angehörigen in dem Moment, in dem eine derart schwerwiegende Entscheidung zu treffen ist, einen Menschen vor sich sehen, der noch atmet, vielleicht sogar noch zuckt. Dieser Mensch werde nicht als tot wahrgenommen. Die daraus resultierenden emotionalen und psychischen Probleme können immens sein. 

Eine ganz klare Aussage gab es vom katholischen Pfarrer Peter Grunwaldt. Seit Papst Johannes Paul II. befürwortet die katholische Kirche die Organspende als einen „Akt der Nächstenliebe“, teilte er mit. Er sehe das auch so. Sterben sei ein Prozess, und damit sei jegliche Festsetzung des Todeszeitpunkts mehr oder weniger willkürlich. Er persönlich sei der Überzeugung, dass ein Mensch aus mehr bestehe als aus dem Gehirn, dennoch könne er in seiner Einheit aus Körper, Geist und Seele ohne Gehirn nicht existieren. Darüber rede er gerne, seine Argumente teile er auch gerne mit, aber: „Ich möchte niemanden überreden.“ Tod und Leben seien ganz persönliche Fragen, die jeder für sich verantworten muss. „Die Entnahme von Organen ohne Zustimmung halte ich für übergriffig.“

Grunwaldt rückte bei dieser Diskussion jedoch auch die andere Seite in den Fokus, die Seite, die bis dahin überhaupt noch nicht zu Wort kam: die Seite des Empfängers. Jener Menschen, die „den Tod vor Augen haben, und damit leben, dass sie weiterleben könnten, wenn...“ Mit Karl-Heinz Meyer saß der Empfänger einer Spenderlunge mit am Podiumstisch und für ihn gab es gar keine Frage: „Entweder es gibt ein Organ oder man stirbt.“ Er feiert den Tag der Transplantation als zweiten Geburtstag. „Man ist sehr dankbar und sieht das Leben sicherlich mit anderen Augen.“


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Leserkommentare
tommi24 am 18.10.2019 17:28
@Da würde der wutbürgernde Autofahrer aber sofort durchdrehen.

Ja, ganz bestimmt!
tommi24 am 18.10.2019 17:27
@Also muss hier mal "suziwolf" unterstützen.

Ich auch, diese vermaledeiten Blechkistenfahrer müssen aus der Stadt, es lebe das Fahrrad. ...