Gespräch mit Verdens Polizeichef Uwe Jordan Tipps zum Tag der Zivilcourage

Verden. Heute ist der 'Tag der Zivilcourage': Polizisten verteilen Informationsmaterial mit Tipps, wie man einander in bestimmten Situationen beistehen kann. Anke Landwehr sprach mit Kriminaldirektor Uwe Jordan, Leiter der Polizeiinspektion Verden/Osterholz.
15.03.2010, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Verden. Heute ist der 'Tag der Zivilcourage': Polizisten verteilen in der Fußgängerzone Informationsmaterial mit Tipps, wie Menschen anderen Menschen in bestimmten Situationen beistehen können - ob nun durch aktive Einmischung und/oder indem sie sich als Zeugen zur Verfügung stellen. Anke Landwehr sprach mit Kriminaldirektor Uwe Jordan, Leiter der Polizeiinspektion Verden/Osterholz, über die Hintergründe der Aktion.

Frage: Wann hat es im Landkreis Verden zuletzt einen Fall gegeben, der aus polizeilicher Sicht Zivilcourage erfordert hätte?

Uwe Jordan: Das ist schwierig zu sagen. Oft sind es ja Vorkommnisse, mit denen wir erst gar nicht in Berührung kommen - weil sie hinter verschlossenen Türen geschehen oder weil wir nicht gerufen werden. Ich kann Ihnen aber einen Fall nennen, wo?s geklappt hat: Kinder haben in der Schule erzählt, wie ein Zwölfjähriger im Zug bedroht wurde. Die Lehrer haben das ernst genommen und uns hinzugerufen. Indem sich die Kinder als Zeugen zur Verfügung stellten, haben wir die Täter ausfindig machen und zur Rede stellen können. Sie wissen nun, dass ihr Verhalten nicht unentdeckt geblieben ist. Das ist ein wichtiges Signal an die Täter wie auch an die Opfer.

Die Konsequenzen lassen dann allerdings oft auf sich warten. Bis es zur Gerichtsverhandlung kommt, vergehen manchmal Jahre.

Ich kann hier nicht für die Justiz sprechen. Ich kann nur sagen, dass Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte grundsätzlich an einem Strang ziehen. Wir sind uns einig, dass zwischen der Tat und den Konsequenzen ein möglichst kurzer Zeitraum liegen sollte, was besonders für junge Delinquenten gilt. Es gibt inzwischen die beschleunigten Verfahren. Leider klappt das nicht immer, das müsste noch optimiert werden. Das ist auch wichtig für die Zeugen, weil sie dann in ihrer Bereitschaft zur Aussage bestätigt werden.

Die Polizei beklagt, dass es immer schwieriger wird, Zeugen zu finden. Wie erklären Sie sich das?

Das hat mehrere Gründe. Einer davon ist der Doppelungseffekt. So bezeichnen wir es, wenn jemand aus Angst oder Unsicherheit nicht eingreift, sich dafür schämt und sich deswegen auch noch als Zeuge verdrückt.

Sprechen wir von Feiglingen?

So würde ich das nicht nennen. Niemand braucht sich zu überschätzen und selbst in Gefahr bringen. Hilfe organisieren, andere mobilisieren oder als Zeuge auftreten - auch das zeigt wertvolles Verhalten und spricht für Courage. Zivilcourage muss man trainieren, indem man sich zum Beispiel gedanklich auf bestimmte Situationen vorbereitet. Vor allem aber muss man sie den Kindern vorleben und das fängt schon bei Kleinigkeiten an: Was mache ich, wenn vor mir jemand Müll auf die Straße wirft? Fordere ich ihn auf, den Abfall in den Mülleimer zu werfen oder schimpfe ich nur leise vor mich hin und gehe weiter? Kinder haben ein sehr sensibles Gespür dafür, wie Erwachsene sich verhalten - oder eben auch nichts tun.

Was tue ich, wenn jemand auf der Straße angepöbelt oder sogar geschlagen wird?

Um mich nicht selbst in Gefahr zu bringen, bleibe ich in Schlagdistanz und fordere erstmal andere zur Mithilfe auf. Wenn der oder die Täter merken, da läuft jetzt ganz stark was gegen sie, ist schon viel gewonnen. Ist niemand da, mit dem ich mich solidarisieren kann, wähle ich den Notruf 110. Und ich schaue mir die Täter an, wobei ich mich auf markante Erkennungsmerkmale konzentriere. Eine allgemeine Beschreibung wie 'drei Personen, dunkel gekleidet, zwischen 15 und 23 Jahre alt' hilft uns nicht weiter.

Aber ich möchte noch etwas Grundsätzliches sagen: Mit der Aktion Zivilcourage möchten wir weg von dem Medienbild des tapferen Einzelkämpfers, der sich in der U-Bahn prügelnden Jugendlichen in den Arm wirft und dabei umkommt. Das weckt eher Ängste davor, sich einzumischen. Zivilcourage fängt schon viel früher an, und dafür wollen wir ein Bewusstsein schaffen. Es muss klar werden, dass Ich-Denken und übrigens auch Voyeurismus dazu führen kann, selbst zum Opfer zu werden.

Wie meinen Sie das?

Das ist auch eine Frage des Respekts voreinander. Wenn zum Beispiel junge Leute in 'Deutschland sucht den Superstar' lächerlich gemacht und gedemütigt werden, ist das furchtbar. Da wird eine Form des menschlichen Miteinanders propagiert, die einer zivilisierten Gesellschaft nicht würdig ist. Dieser Geist spiegelt sich auch in dem Phänomen Happy Slapping wider - wenn Jugendliche auf andere nur deswegen einschlagen, um die Prügelei zu filmen und ins Internet stellen.

In diese Reihe passt auch Mobbing?

Richtig. Ein großes Problem, das vor allem die Schulen fordert, aber auch im beruflichen Alltag zu finden ist.

Hat Zivilcourage nach Ihren Beobachtungen abgenommen?

Eher würde ich meinen, dass wir hier einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht haben. Gerade an den Schulen läuft sehr, sehr viel auch in Zusammenarbeit mit der Polizei und anderen Behörden. Und mit dem Heisenhof hatten wir hier in der Region ja ein ordentliches Trainingsfeld. Was da gelaufen ist, angefangen mit den ersten Demos, ist schon toll. Daran hat sich gezeigt, was couragiertes Verhalten in der Gemeinschaft bewirken kann. Daraus sind viele Projekte entstanden, die alle in die gleiche Richtung gehen - sich für etwas einzusetzen, das man nicht will.

Ein heikler Bereich für das Zeigen von Zivilcourage ist das private Umfeld. Wenn ich den Nachbarn verdächtige, Frau und Kinder zu misshandeln, aber nicht sicher bin - wie verhalte ich mich dann?

Man muss ja nicht unbedingt sofort die Polizei einschalten. Man könnte zunächst andere Nachbarn fragen, ob sie dasselbe vermuten oder mehr wissen. Eine weitere Möglichkeit ist, die Fachbehörde um ein beratendes Gespräch zu bitten. Was sicher ganz falsch wäre: Wegzuschauen. Natürlich ist das alles nicht angenehm, wie Zeugen überhaupt Unbequemlichkeiten auf sich nehmen. Aber eines ist auch klar: Wer nicht bereit ist, anderen beizustehen, darf selbst keine Hilfe erwarten.

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