Trupe: Eine Straße trennt den ältesten Ortsteil

Lilienthal. Fünfzehn Schritte - die zu tun, wartet Lieselotte Warnecke manchmal 75 Sekunden. Mit ein wenig Glück wartet mit ihr ein Auto an der Ampel, dann wird es schneller grün. Fünfzehn Schritte braucht sie zum Überqueren der Straße, die wie ein Skalpell mehr als 1000 Jahre Geschichte zerschneidet, da wo die Lilienthaler Heerstraße und Trupe einander kreuzen, da wo Lilienthal am ältesten ist. "Die Kirche ist vom Dorf getrennt", sagen die Einen dazu, und Andere: "Darauf habe ich 20 Jahre gewartet."
04.12.2010, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Trupe: Eine Straße trennt den ältesten Ortsteil
Von Undine Zeidler

Lilienthal. Fünfzehn Schritte - die zu tun, wartet Lieselotte Warnecke manchmal 75 Sekunden. Mit ein wenig Glück wartet mit ihr ein Auto an der Ampel, dann wird es schneller grün. Fünfzehn Schritte braucht sie zum Überqueren der Straße, die wie ein Skalpell mehr als 1000 Jahre Geschichte zerschneidet, da wo die Lilienthaler Heerstraße und Trupe einander kreuzen, da wo Lilienthal am ältesten ist. "Die Kirche ist vom Dorf getrennt", sagen die Einen dazu, und Andere: "Darauf habe ich 20 Jahre gewartet."

Von der Hauptstraße aus zieht sich die Straße, die bis 1937 ein eigenständiges Dorf war, knapp zwei Kilometer lang in Richtung Truper Blänken. Sie führt vorbei an Kirche und Kunstschau, quert die Entlastungsstraße und führt weiter ins Dorf hinein, vorbei am Kutschenmuseum, an Bauernhöfen und neu gebauten Häusern.

Zwischen den Jahren 850 und 950 entstanden hier auf dem festen Dünensand des Urstromtals zwischen Weser und Wümme die ersten Hofstellen. Fünf in Trupe, drei im benachbarten Feldhausen, schrieb der Lilienthaler Heimatforscher Dietrich Gerdes in einer Ausgabe der Lilienblätter von 1986. Auf dem östlichsten Grundstück von Trupe ließ demnach der Bremer Erzbischof Siegfried die Kirche "Unser lieben Frau" errichten. Fertiggestellt wurde die Kapelle zu Ehren Maria um 1180, rund 50 Jahre vor der der Gründung des Zisterzienserklosters im benachbarten Lilienthal. Heute betten alte Eichen die Kapelle malerisch ein, die nach dem napoleonischen Brand im Jahr 1813 wieder aufgebaut wurde. Die Kirche und einen Spaziergang zwischen historischen Grabsteinen genießen seit Herbst 2009 viel mehr Besucher als früher, sagt Pastorin Birgitt Pusch-Heidrich. Genau seit der Zeit, als gegenüber, im alten Küsterhaus der Truper Kunstsammler Hans-Adolf Cordes die Kunstschau "Wümme Wörpe Hamme" eröffnet hat.

Von ihrem Wohnzimmerfenster aus blicken Pusch-Heidrich und ihr Mann Tilman Heidrich auf die Rückseite der Kirche. Schauen sie durch das zweite Fenster hinaus, sehen sie zwischen den Häusern der benachbarten Hofstelle Warnecke die Autos auf der Ortsumgehungsstraße vorbeibrausen. Pusch-Heidrichs deutet nach draußen: "Hier waren ja nur Vogelgezwitscher, Treckerverkehr und Anlieger." Jetzt sei sie froh um die alten Doppelfenster, die sperren den Straßenlärm aus. Dass der demnächst noch zunimmt, wenn die Hauptstraße zur Straßenbahnbaustelle wird, fürchtet die Pastorin. Dann schränkt sie ein, für ihre Nachbarn sei das ja noch schlimmer. "Ab fünf Uhr geht der Verkehr los" und das Licht! "Die Kreuzung ist die ganze Nacht beleuchtet."

Über diese Kreuzung radelt Lieselotte Warnecke morgens, mittags, abends, bei Sonne, Regen und Schnee. Mit ihrem Mann wohnt sie seit 45 Jahren im Häuschen auf dem sogenannten Altenteil des Hofes. "Auf der Wiese war eine himmlische Ruhe", erinnert sie sich an früher. Will sie heute zum elterlichen Hof, den der Neffe bewirtschaftet, oder zu Wilma Loddigs, muss sie auf die andere Straßenseite hinüber. Loddigs guckt die Freundin an: "Einer muss immer in den sauren Apfel beißen."

Seit 1957 trafen sich bei Loddigs - direkt gegenüber der Kirche - alle zwei Wochen sieben Truper Frauen. Jetzt sind sie noch zu dritt: Warnecke (80), Loddigs (86) und Anneliese Roschen (79). "Hekelbüdel" nannten sie ihre Runde, "weil wir immer gehandarbeitet haben", erzählt Warnecke. Roschen ergänzt lachend: "Es wurde auch mal gefeiert." Dafür gab es den "Sparpott", der einmal im Jahr geleert wurde.

Das Handarbeiten lassen die Frauen inzwischen weg. Augen und Händen ist es zu anstrengend geworden. Beim Kaffee schnacken sie nun über die Neuigkeiten aus der Nachbarschaft und die neue Straße. Loddigs wirft Holz in den Ofen, das Feuer soll die Knochen an diesem nassen Herbsttag wärmen. "Furchtbar", nennt Warnecke die Straße. "Sie hat Unruhe gebracht." "Das hat alles zerschnitten", sagt Roschen. Nur Loddigs gibt sich gelassener, sie höre nicht so viel davon, außer die Motorräder. Die drei Frauen ahmen das "drr, drr" vom Gas geben nach. Warnecke nickt: "Das machen die gerne." Sie schauen sich an und fragen: "Das geht doch auch leiser, oder?" Doch damit nicht genug, auch Lastwagen donnern nachts an Warneckes Haus vorbei.

"Das ist nicht mehr das Trupe von früher", bestätigt Roschen. Sie wollen trotzdem nicht lamentieren, nehmen die Straße mit Humor, denn geteilt habe sie den Ort nicht wirklich. Loddigs verzieht das Gesicht und winkt ab: "Lass sie doch bauen was sie wollen. Die Menschen haben sich nicht verändert."

Im Café der Kunstschau sinnieren Hans Adolf Cordes und Tierärztin Bettina Jachens über den Truper Wandel. "Ich bin in Trupe Nummer 21 aufgewachsen", sagt Cordes. Jachens lebt seit 1992 in der Straße. Aus Cordes Sicht hat nicht nur die Lilienthaler Allee Veränderungen gebracht. So hatten es auch die Frauen vom Kaffeekränzchen wahrgenommen: Die Kunstschau, aufgegebene oder stark gewachsene Bauernhöfe sowie ausgebaute und an Fremde vermietete Dachgeschosse taten ein Übriges.

"Das ist ein Wandel der Zeit", sagt Cordes. Ab Mitte der 80er Jahre sei der eingetreten. Jachens schaut ihn über die Kaffeetasse hinweg an und meint, dass sie trotzdem über die Straße trotzdem traurig sei. Sie zitiert einen Nachbarn: "Die Kirche wird vom Dorf getrennt." Natürlich ist die Anbindung nach Bremen und Lilienthal nun besser, gibt sie zu, doch dass heute Lastwagen durch Wiesen fahren, wo früher Fischreiher saßen - Jachens schüttelt mit dem Kopf. Und noch mehr darüber, dass an der neuen Straße der Radweg fehlt. "Das versteh ich nicht." "Alles eine Kostenfrage", erwidert Cordes.

Er sieht den Lauf der Geschichte pragmatischer: "Gewisse Entwicklungen kann man nicht aufhalten." Plötzlich sitzt Stuttgart 21 mit am Tisch. Sie diskutieren über die große Politik und die Straße mit ihrem Für und Wider. "Ich kann nicht gegen alles sein", sagt Cordes ernst. Nur, zur Eröffnung der Straße, erinnert Jachens, "da war von den Trupern kein Mensch dabei."

Die Kunstschau empfinden beide hingegen als Bereicherung für den Ortsteil. Zusammen mit der Kirche und dem Pfarrhaus ergibt das "wirklich eine schöne Einheit" (Cordes). Auch das Kutschenmuseum profitiere von den zusätzlichen Besuchern. Sich gegenseitig zu helfen, ist Cordes wichtig. "Selbst wenn sich vieles ändert, ist Trupe ein Ortsteil, der wirklich sehenswert ist."

Die Dämmerung verleibt sich langsam die Truper Eichen der Hofstelle Nummer 17 ein. In ihrem Büro hat Elke Dehlwes frisch gebackene Plätzchen und Kaffee auf dem Tisch bereitgestellt. Ihr Mann wird an diesem Sonnabendnachmittag bald vom Füttern aus Oberende kommen, sich verschwitzt auf den Stuhl sinken lassen und die Pause genießen.

An diesem Tisch schauen sie anders auf die Straße. "Ich habe 20 Jahre darauf gewartet", stößt Elke Dehlwes fast wie einen erleichterten Ausruf aus. Die Familie betreibt eine Bio-Landwirtschaft mit 240 Kühen und angeschlossener Molkerei. "Ein mittlerer Gewerbebetrieb ist das." Der vermarktet seine Milchprodukte im Umkreis von 100 Kilometern direkt.

Dafür fahren die Dehlwes-Laster durch Trupe, doch müssen sie jetzt nicht mehr durch das Wohngebiet am Eichenhof rumpeln und nicht mehr an der Kapelle vorbei, wenn drinnen gerade eine Trauung gefeiert wird. Davon hatte auch Pastor Tilman Heidrich erzählt, dass die Bauern eigens in die Zeitung schauten, um zu wissen, wann in der Kapelle Feste waren, wann die Straße davor zugeparkt war und den Trecken und Lastern kein Durchkommen blieb.

Für Elke Dehlwes begann Trupes Abschied vom "verträumten Dörfchen" schon vor 15 bis 20 Jahren. Von rund 20 Bauernhöfen hörten kleine auf, andere machten im bisherigen Stil weiter oder vergrößerten sich. Sie wurden laut Dehlwes der größte Hof in der Straße, von sieben verbliebenen Landwirtschaften. Er bestehe eigentlich aus zwei Großbetrieben: die ökologische Landwirtschaft und die Bio-Molkerei, plus Hofladen und Melkhus.

"Hier ist schon reger LKW-Verkehr", weiß auch Elke Dehlwes. Sie argumentiert: "Es ist keine Wohnstraße. Es ist eine Dorfstraße, die landwirtschaftlich genutzt wird." Trotzdem versuchen sie sich mit den Nachbarn zu arrangieren. "Aber man kann eben nicht alles leisten", der Betrieb soll eigentlich noch wachsen. Ihr Mann ergänzt: "Für uns haben Nachbarschaft und Dorf noch einen hohen Stellenwert", auch wenn sie nicht mehr so intensiv gepflegt werde wie früher. Zu Hochzeiten und Geburtstagen lade man sich ein.

Privat schätzt Elke Dehlwes Trupe als "schönen regionalen Ort und zentralen Wohnpunkt", von dem aus sie schnell in Bremen ist und gleichermaßen die Natur vor der Haustür beginnt. "Die Umgebung strahlt noch Ruhe aus." Das können auch die Besucher des vor eineinhalb Jahren eröffneten Melkhus spüren. Es steht gegenüber der Einfahrt zum Hof, mit Blick in die Wiesen. "Das Marketing sind die Eichen", sagt sie lächelnd über den Platz zum Kraft tanken für Lilienthaler und Touristen - abseits der Straße, die zum Leid der Anwohner von Einigen mit einer Schnellstraße verwechselt wird.

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