Jörg Stiehler berichtet BBS-Schülern von seiner Jugend in der DDR

Über Umwege in den Westen

Osterholz-Scharmbeck. Für Jörg Stiehler steht schon mit 14 Jahren fest: Ich muss hier raus. Raus aus dem trübseligen und abgeschotteten Leben.
04.10.2014, 00:00
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Von MILENA SCHWOGE
Über Umwege in den Westen

Jörg Stiehler (links) berichtete auf Einladung von Politik-Fachleiter Jürgen Grimm über seine Jugend in der DDR MLS·

MILENA SCHWOGE

Für Jörg Stiehler steht schon mit 14 Jahren fest: Ich muss hier raus. Raus aus dem trübseligen und abgeschotteten Leben. Der DDR den Rücken kehren, auch wenn dies nur über Umwege möglich ist. Als Zeitzeuge hält Stiehler vor rund 400 Schülern der Berufsbildenden Schulen einen Vortrag über sein Leben in der DDR, die Flucht und die Zeit danach. Die Schüler hören gespannt zu.

Im Herbst 1989 flüchtete er als 16-Jähriger gemeinsam mit seiner Mutter in die Bundesrepublik, wo für ihn der Traum von einem besseren Leben in Erfüllung gehen sollte. „ Es war alles so grau, farblos und gleichgeschaltet in vielen Dingen“, berichtet er über sein Dasein in Dresden. Er habe nichts mit dem Staat zu tun haben wollen. Die Angst vor politischer Verfolgung und die militärisch ausgerichtete Schule hätten einen „grauen Schleier“ über seinen Alltag gelegt und ihn in seiner Lebensweise stark eingeschränkt. „Als Jugendlicher in der DDR fehlten mir viele simple Dinge wie Jeans und Fruchtjoghurt. Mangelwirtschaft war in aller Munde“, erzählt Stiehler. Vor allem aber habe ihm die Aussicht auf eine positive Zukunft gefehlt.

Mit Zug, Taxi und Bus über die Tschechoslowakei, vorbei an der ungarischen Grenze, durch Österreich nach Hammelburg und dann weiter nach Fallingbostel – 2320 Kilometer Fluchtweg. Im Gepäck: die ständige Angst, erwischt zu werden. „In Österreich wurden unsere Ausweise auf ein großes, graues Gerät gelegt. Wie mir später klar wurde, war das ein Kopierer. So etwas hatte ich noch nie gesehen“, bemerkt Jörg Stiehler. Fassungslosigkeit zeichnet sich auf den Gesichtern der Schüler ab. Sie schauen Stiehler erstaunt an, gefesselt von seiner Geschichte.

Nach 36 schlaflosen Stunden erreichten Stiehler und seine Mutter die Bundesgrenzschutzkaserne in Hammelburg bei Schweinfurt. „Als ich am Morgen auf dem Weg zum Frühstück war, begegnete ich einem Polizisten des Bundesgrenzschutzes, der mich mit einem lockeren ,Hallo’ begrüßte“, schildert Stiehler. Eine derartig freundliche Begrüßung sei in der DDR von einem Staatsorgan nicht denkbar gewesen. Am 21. Oktober 1989 hatten Mutter und Sohn ihr Ziel, Fallingbostel, erreicht. Sie waren wieder mit ihrer Familie vereint. Freude und Erleichterung hätten in dem Moment den Platz von Angst und Unsicherheit eingenommen, so Stiehler. Endlich hatte er den lang ersehnten Platz für ein alternatives Leben gefunden.

Während des Vortrags wird deutlich, dass Stiehler noch viel mit diesem Lebensabschnitt verbindet. „Ich möchte nicht zulassen, dass das Leben in der DDR verdrängt wird“, sagt er. Als Zeitzeuge möchte der in Hamburg lebende, freiberufliche Grafik-Designer künftig an Schulen Jugendliche an seinen Eindrücken aus der DDR teilhaben lassen.

Nach dem Vortrag konnten die Schüler Fragen an Jörg Stiehler richten. Diskussionsteilnehmer Robert Grundmann bemängelte, dass der Vortrag zu „negativ-lastig“gewesen sei. Er habe von seinen aus Baden-Württemberg stammenden Eltern auch viel Positives über das Leben in der DDR erfahren. „Dank seines Einwandes wird die kontroverse Diskussion wohl auch fernab des Vortrages in den einzelnen Klassen fortgesetzt werden“, freut sich Politik-Fachleiter Jürgen Grimm.

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