Familienfreundliches Grasberg

Umgang mit der digitalen Lebenswelt

Nicht nur für Eltern: Der Bremer Medienpädagoge Markus Gerstmann referiert am Mittwoch, 19. Februar, 20 Uhr im Grasberger Rathaus zu „8 Aspekte der Medienkompetenz - (Medien) Erziehung leicht gemacht“.
17.02.2020, 17:58
Lesedauer: 4 Min
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Von Undine Mader

Grasberg. Markus Gerstmann tut das, woran sich viele Eltern bei ihrem pubertären Nachwuchs stören: Er verbringt Stunden am Computer, surft im Internet und kennt sich in den angesagten Videospielen aus. Gerstmann ist Medienpädagoge und sagt: „Überall sind Medien und wir müssen lernen, damit umzugehen.“ Er vermittelt zwischen Eltern und Kindern, denn spätestens im Teenageralter liegen die Vorstellungen beider Seiten bezüglich der Mediennutzung oft weit auseinander. In Grasberg spricht er am Mittwoch, 19. Februar, 20 Uhr im Grasberger Rathaus auf Einladung des Bündnisses „Familienfreundliches Grasberg“ bei einem Elternabend über die „8 Aspekte der Medienkompetenz – (Medien) Erziehung leicht gemacht“, und er beantwortet Fragen der Zuhörerinnen und Zuhörer.

Was ist Medienkompetenz? Dass man den Umgang mit Medien nicht nur kritisieren muss, sondern ihn auch gestalten kann, und dass man weiß, wann ich ein Gerät an- oder ausmache. In den meisten Haushalten hängt ein riesengroßer Fernseher und zwei digitale Endgeräte sind normal.

Gibt es ein empfohlenes Alter für das erste Smartphone? Eine Altersgrenze besteht nicht. Es ist wichtig, dass Eltern sich vor der Anschaffung überlegen, wozu das Kind ein eigenes digitales Endgerät braucht. Entwicklungspsychologisch macht es ab dem Teenageralter Sinn. Dann kann ein Kind damit umgehen, anders bei einem Erstklässler, der gerade erst Schreiben lernt.

Ist stundenlanges Rumhängen am Smartphone oder Rechner ein reines Jugendphänomen? Der Alltag zeigt, alle Menschen haben Schwierigkeiten, mit der digitalen Welt und ihren Möglichkeiten und Verführungen umzugehen. Aber in der Pubertät nimmt der Medienkonsum zu. Jugendliche beginnen mit zehn Jahren, sich vom Elternhaus zu trennen. Ihre Interessen werden anders, sie suchen Abenteuer und wollen neue Leute kennenlernen. Sie lernen Beziehungen in einem Sozialraum zu gestalten, Social Media gehört dazu.

Wie reagieren Eltern auf diese Abnabelung? Eltern werden oft sprachlos, weil ihre Kinder in einer ganz anderen Welt unterwegs sind. Für sie ist das ein Problem. Für ihre Kinder aber können Medien auch eine Lösung sein, wenn die Welt da draußen sie nicht mehr versteht oder wenn die Klassenkameraden sie plötzlich doof finden. Das Computerspiel bleibt stabil.

Wie kann man damit umgehen, wenn das Kind zu sehr in seiner eigenen digitalen Welt lebt? Wichtig ist, im Dialog zu bleiben und sich für das Leben des Kindes zu interessieren. So wie man früher nach einem Fußballspiel gefragt hat: „Wie war es?“, sollte man das auch nach Fortnite fragen – das Spiel ist bei jungen Leuten derzeit angesagt. Eltern müssen nicht alles kennen, aber sie können sagen: „Du machst was Neues, erzähl‘ mir von deiner Welt.“ Bleibt das aus, ist das kein Medienproblem, sondern ein Kommunikationsproblem in der Familie.

Was können Eltern noch tun? Eltern müssen sich auf die Medienwelt ihrer Kinder einlassen und zum Beispiel deren Sendungen mitgucken, aber nicht als Motzkopf.

Helfen Medienvermeidung oder Medienverbote? Bei Verboten gehen Kinder woanders Fernsehen oder spielen woanders die Videospiele. Eltern müssen die aktuelle Welt akzeptieren, wie sie ist. Aber sie können natürlich trotzdem sagen, wenn ihnen etwas nicht gefällt.

Was ist der beste Weg zur Medienkompetenz? Es gibt kein Rezept. Auseinandersetzungen, Regeln aufstellen und Grenzen setzen gehören dazu, und Eltern müssen lernen, in einer guten Kommunikation mit ihren Kindern zu sein. Sie sollten nicht nur in ihrer Erwachsenenwelt leben, sondern verstehen, dass Kinder eigenständige Personen sind und dass hinter ihrer Mediennutzung Bedürfnisse stehen.

Helfen Kindersicherungen auf Rechnern und Smartphones? Gerstmann hat es ausprobiert: Mit einem Youtube-Video kann man solch ein Tool binnen 20 Minuten knacken. Es gibt keine Sicherheit, vielmehr müssen die Kompetenzen der Kinder gestärkt werden und Eltern müssen mit ihnen im Dialog bleiben.

Gibt es ein empfohlenes Zeitlimit für die tägliche Mediennutzung durch Kinder und Jugendliche? Das hängt von vielen Faktoren ab. Bei schlechtem Wetter sitzen Kinder zum Beispiel länger davor, bei gutem Wetter aber sollten sie rausgehen. Die Balance zwischen beidem ist wichtig und: Zeitbegrenzungen abzusprechen. Aktuelle Zahlen gehen von sieben Stunden Mediennutzung pro Tag bei Kindern und Erwachsenen aus.

Welchen Einfluss hat das Medienverhalten der Eltern? Ein Kind nimmt die Eltern von Anfang an wahr, dazu braucht es noch nicht viel zu verstehen. Erwachsene sind Vorbilder, können damit aber auch oft nicht umgehen. Es sind Erwachsene, die vor dem Fernseher entspannen oder die das Recht ihrer Kinder auf das eigene Bild missachten. Eltern sollten zum Beispiel nicht Bilder ihrer Kinder in digitalen Netzwerken posten, um sich selbst zu erhöhen, und auch nicht als Profilbild nutzen. Selbst wenn ein Foto an die Großmutter geschickt werden soll, gilt es zu fragen: „Wollen wir das Bild Oma schicken oder nicht?“ Auch Erwachsene begeben sich digital in eine Welt, die sie nicht überschauen können. Da gibt es beispielsweise Firmen, die Daten abgreifen. Darum müssen alle lernen, ein neues Normal mit neuen Regeln auszuhandeln.

Wie kann man einen rauen Umgangston in den sozialen Netzwerken vermeiden? Wichtig ist, dass Kinder in Familie und Schule soziales Miteinander lernen und üben, fair zu kommunizieren. Auch im Internet hat das Gegenüber Gefühle, und Hass ist keine Meinung.

Was tun bei Cyber-Mobbing? Mit Lehrkräften und Sozialarbeitern sprechen, das muss an der Schule gelöst werden, weil sich die Schüler dort wieder begegnen. Wichtig ist, dass nicht nur die Erwachsenen agieren, sondern dass sie gemeinsam mit dem betroffenen Kind eine Lösung finden. Sonst erlebt dieses nach dem Cyber-Mobbing ein zweites Mal ein Gefühl der Ohnmacht.

Ist Medienkonsum nur negativ zu sehen? Vor zwölf Jahren ist das erste Smartphone auf den Markt gekommen. Spielerisch den Umgang mit Medien zu lernen, ist Voraussetzung, um in der digitalen Welt erfolgreich zu sein. Die heutigen Kinder müssen noch 50 oder 60 Jahre erwerbstätig sein. Dafür werden kompetente junge Menschen gebraucht, die in der digitalen Welt demokratische Werte leben.

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